"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel."


"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel." - Marie von Ebner-Eschenbach

Molon Labe versteht sich als privates Story- und Fansite-Projekt des von dem fantastischen Erzählwerk Robert E. Howards inspirierten Massive Multiplayer Onlinegame Age of Conan.

Vor allem ist es ein Schreibprojekt von Geschichten rund um die gespielten Charaktere, angeregt durch das Spielgeschehen Hyborias in Age of Conan wirkt es schliesslich in einer eigenen fantastischen Welt vorantiker archaischer Zeit - ganz im Stile von Sword, Sex and Sorcery.


Sämtliche Veröffentlichungen sind Entwürfe oder Manuskripte, also unfertig. Es geht dabei nicht um literarische Meisterschaft, sondern um das einfache Erzählen mithilfe des Schreibens.

"Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter." - Ralph Waldo Emerson




Seiten

Belite, die Eroberin - Hohe Dienerin Mitras


Hier entstehen die Geschichten um Belite, eine sagenhafte Gestalt uralter Legenden grauer Vorzeit.

Eine Kriegsamazone, selbstsicher und unabhängig, die einzige weibliche Primus Centurio des Blutordens der Mitraner in einer brutalen männlichen Welt der Gier nach Macht durch Unterdrückung und Unterwerfung.

Belite ist gütig und liebevoll, tugendhaft und aufrichtig. Freiheit und Gerechtigkeit gehen ihr über alles.

Belite betet Mitra an, die ihr schliesslich auf fernen Reisen in einer Vollmondnacht erscheint, ihr das wahre weibliche Anlitz der Naturgöttin zeigt und sie zu ihrer Erleuchteten im ewigen Krieg gegen die dunklen Mächte der Unterwerfung und Zerstörung macht.

Einsam, aber nicht allein tritt sie für die Schwachen, Armen und Wehrlosen ein, wird aber von diesen als unheimliche Bedrohung angesehen, denn dort, wo sie Magie und Schwert hinführen, gerät die alte Ordnung aus Betrug und Falschheit aus den Fugen.

So wird aus ihr eine einsame Abenteurerin im Zwiespalt mit der Welt und im Ringen mit den beherrschenden Mächten. Deshalb erscheint sie verflucht, verfolgt, ist ihrer Bestimmung und ihrem Schicksal ergeben.

Belite ist die Keimzelle für eine kleine eingeschworene Gemeinschaft voller Sehnsucht und Hingabe, junge und eigensinnige Gefährtinnen, die ihr in freiem Willen ergeben sind und gemeinsam mit ihr traumhafte Momente der Glückseeligkeit und tiefgrausamen Qual erleben sowie in wundersamer Weise todesmutig für das Gute eintreten - bis zum Untergang.

Es gibt kein Entrinnen oder Erbarmen. Unerbittlich gibt es nur eine Entscheidung: Gut oder Böse - Leben oder Tod !

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Freitag, 4. Januar 2013

Belite VIII: Errettung

"Meine Erinnerungen, meine verdammten Erinnerungen," fluchte sie während sie sich herumwälzte und hochriss: "Oh, was habe ich schrecklich geträumt. Von meiner Vergangenheit. Wahre schreckliche Erinnerungen, die mich als Albträume heimsuchen. Wie kann das alles nur sein ?"  Sie stand nun auf, sehr erregt und durchgeschwitzt. Zog nichts mehr über, hob nicht einmal die Kleidungsstücke auf, geriet in innere Unruhe und flüsterte vor sich hin:  "Bei Mitra, hab obacht und eile geschwind, andernfalls dir eine Seele entrinnt."  Sie ergiff den Speer zum Abstützen, humpelte hastig zur Höhlenöffnung, wurde dann immer schneller und verschwand im Dunkel der Höhle.

Im Innern der Höhle angekommen, sah sie zu Nawatu rüber, wie immer neben Turiya hockend, ein leises Lied summend, ihre kleine Schlange schlängelte um ihren Hals und genoss die Wärme und das leichte vibrieren ihrer Haut durch den Gesang, ringsum eingekreist vom Fackelschein. Turiya wälzte sich im Fieber, schrie manchmal auf und fiel ohnmächtig wieder zusammen. Belite eilte nun direkt zum Proviantlager, zerwühlte alles. Da war es. Endlich. Sie atmete tief durch. "Wehe, Clementius, wenn das eine tödliche Falle ist, eine deiner üblichen Gemeinheiten, ich hole dich aus dem Reich der Toten zurück und du wirst Qualen erleiden, nicht so leicht davonkommen, dann rotte ich deine Familie aus - jeden - sobald ich aquilonischen Boden unter den Füssen verspüre. Bei Mitra, Clementius, das sind keine leeren Versprechungen. Und ich halte mein Wort."

Das Bündel war tief in einer Beuteltasche eines Gepäcksackes verstaut, aber als sie alles für ihre Flucht zusammensuchten und hektisch verstauten, fehlte der Überblick. Es galt alles Wichtige überhaupt mitzubekommen. "Verflucht, aber wenn es ein Segen ist, dann sei dein Tod Erlösung. Aber Vergebung, die erhältst du nicht. Niemals !" Belite fluchte verwünschend immer lauter vor sich hin. " Jetzt weiss ich, warum die Götter bei Mitra so still und zurückgezogen sind. Sie haben nichts vergessen, sondern sehen mich in der Pflicht. Wenn ich aber vergesse, nicht einlöse, was ich vermag, so ist es wahrlich kein Wunder. Da kann man ewig beten und flehen. Doch sagt mir, was hat Turiya euch getan ? Sie wusste nicht von alledem ? Bei Mitra, welch verfluchte Welt habt ihr geschaffen !" Nawatu kam von den Flüchen und dem hektischen Verhalten Belites aufgeschreckt zu ihr gerannt. Was war auf einmal mit ihr los ? Sie schaute auf das angerichtete Chaos, viele Sachen waren weit verstreut, Säcke und Beutel aufgerissen. "Was machst du da ? Bist du des Wahnsinns, drehst du jetzt durch ?" "Sei still sag ich !" zischte Belite sie wütend an. "Bei Mitra, halt einfach mal die Fresse." Schon schien sie wieder besserer Laune, dann hielt Belite das grosse Gebinde mit beiden Armen hoch. Nawatu guckte sie zerknirscht, beleidgt und widerwillig an. "Bei Mitra, Turiya wird leben!"  Belite strahlte plötzlich über beide Wangen hocherfreut wie eine Sonne und stellte das Gebinde vor Nawatus Füsse und legte beide Hände mit ausgestreckten Armen auf Nawatus Schultern. Die ungläubigen Blicke Nawatus besänftigend fuhr sie fort: "Verzeih mir. Los komm." Sie liefen beide zum Lagerfeuer. Belite las aus den beigefügten Tontäfelchen vor und Nawatu nahm die Schalen und füllte diese mit den verschiedenen Pulvern und Ölen, verrührte alles mit Öl, Essig und Wasser je nach Anweisung. In der grössten Schale war ein Brei entstanden, in der anderen glich die Masse einem Gelee und die Mischung der dritten Schale blieb ölig klar. "Was ist das für ein Zeug ? Wo kommt es auf einmal her ?" Belite stand unter Anspannung, wendete sich aber Nawatu zu: "Ich habe es vergessen und habe es von einem aquilonischen Arzt der es aus dem fernen Osten erhielt. Es war das Letzte was er gab." Nawatu konnte an der Meine Belites genau ablesen was geschehen war. "Du hast einen Arzt getötet ?" Belite konzentrierte sich wieder auf die Heilmittelzubreitung. "Leben nehmen, heisst Leben geben." Nawatu spürte, das da jetzt nicht mehr kommen würde und fuhr fort: "Und du meinst, es rettet sie ? Wirklich?" Belite blickte nun in das traurige Gesicht Nawatus. Nawatu war so tapfer und treuherzig, wie kaum jemand, den sie zuvor getroffen hatte, obwohl die Hoffnung ihren Geist verlassen hatte, hielt ihre Seele an der Hoffnung felsenfest. Belite richtete sich auf. "Wir werden sehen. Es ist klar, eine weitere Chance sehe ich nicht, aber wir werden sie nutzen. Warum ich erst durch bittere Träume darauf kam und diese Möglichkeit die ganze Zeit der Wachheit vor meinen Füssen wie verschüttet lag, das wissen nur die Geister und Götter. Sie stellen uns immer wieder auf die Probe, ja sie spielen mit uns, doch ich sage ihnen, ich bin es langsam leid, dann machen wir es eben umgekehrt." Belite grinste verschmitzt und verwegen. Nawatu blickte glasig, wirkte verloren und ihr Mund war völlig offen. "Hab keine Angst, sie sind wieder nah. Ich spüre es. Die Götter kommen wieder und es ist nicht unser Ende. Und Turiya ist auch nicht am Ende. Und wir auch nicht oder sind wir bereits tot ?" Nawatu schaute sie zweifelnd an. "Na, komm schon, du lebst und wie du lebst, viel stärker als je zuvor, ich habe es mir nie träumen lassen. Denn jede Tat war Liebe und gab Leben, auch vom Tod begleitet. Wie geht es Turiya jetzt ?" "Sie war die ganze Nacht wie sonst auch. Mal liegt sie rühig und leblos als wäre sie tot, dann stöhnt sie wühlend vom Fieber geplagt wie vom Wahnsinn ergriffen. Ich halte sie dann fest. Dann singe ich und sie beruhigt sich wieder. Es ist alles wie unverändert." "Sie hört dich. Und sie liebt dich, denn dein Summen und dein Gesang erreicht sie, ja erlöst sie von der Pein. Trotz ihrer Krämpfe und des Fiebers. Sie wird gepeinigt von ihren Träumen. Ich kenne das von meinen schweren Verwundungen. Vieles aus dem tiefsten Inneren bricht dann auf. Überlebt man es, stellt sich das neue Leben anders dar. Manchmal denke ich, man muß fast tot sein, ja bereits gestorben sein, um das Leben wirklich zu begreifen. Und je häufiger das passiert, desto mehr versteht man davon. Aber desto weniger wird man von den anderen verstanden. Ist das nicht wahnsinnig? Welcher wahre Gott denkt sich sowas aus ? Wir holen Turiya ins Leben zurück und sie wird mächtiger sein - um eine Todeserfahrung reicher. Aber dann ist sie ein Teil von uns. vielmehr noch als vorher, denn den Tod haben wir dann alle in unserem Leben gegrüsst, tragen ihn in unserem Herzen. Sie schlagen im Todestakt, pumpen Blut um es zu geben, halten still um es zu nehmen. Das verbindet uns. Wir müssen gleich beginnen, denn ihre Kraft lässt nach. Aber sie ist wirklich stark, verdammt stark. Sie hat mit keinem Wort gelogen. Deshalb gehört sie auch zu uns. Und die Götter sehen sie und auf uns. Sie werden uns nicht trennen.  Sie können uns sie nicht entreissen, denn sie gehört uns." Dann schlug sie mit der Faust auf eine Schale, das sie zersprang. Nawatu betrachtete das ausgeprägte Muskelspiel in Belites Armen. Es war als würde sie ein Schwert im Kampfe halten. Sie hielt es für besser den Mund zu halten und blieb stumm. Nach einer kurzen Pause und einem kräftigen Durchatmen fuhr Belite fort: "Den Brei müssen wir etwas ruhen lassen wie einen Teig. Die Masse werden wir verstreichen, sie wird dann fest und trocken. Dann müssen wir sie beträufeln mit dem Öl. Das Gelee tragen wir vorher auf. Es reinigt ihre Wunde. Die Masse haftet auch sonst nicht. Lass uns alles vorbereiten und zu ihr stellen. Ich werde alles in Licht tauchen wie in einer heiligen Zeremonie. Dann werden wir sehen. Die Wirkung sollte rasch einsetzen. Halte sie besser fest, denn ich weiss nicht, was passiert." Sie schob die Täfelchen beiseite, bereitete in einem kleinen Gefäss noch eine Tinktur zu, dann verrührte sie mit ihren Fingern den Inhalt in der grossen Schale, sodass sich die Klumpen im Brei auflösten und die Masse weich und träge wurde. Ihre Finger wurden darin heiss, aber ihre Haut war wie von Eis benetzt. Und es roch nach Minze, so wie in den Todeszelten des Clementius. Ein frostiger Schauer lief über Belites Rücken. "Oh Wehe ! Bei Mitra! Ich warne dich, fordere mich nicht heraus. Oder ich rufe ich dich aus dem Jenseits zurück, dann folter ich dich ein neues ganzes Leben lang." Sie atmete noch einmal tief durch, doch es war noch ein anderer seltsamer Duft darin, der anschwellend dann alles überlagerte, den anfänglichen Minzduft verdrängte, sie beide fast betäubte. "Los, bevor wir beide umfallen." Nawatu rannte nun mit den Schalen mehrmals zum Lager, dort wo Turiya lag und zurück während Belite die bengalischen Fackeln hervorholte und entzündete. Nawatu stellte sie dann an geeigneten Orten in der Höhle auf. Die Höhle war nun in ein magisches Lichtspiel versetzt, blau, rot und grün und gelbes Licht bewegte sich in einem ringenden Farbenmeer und jede Farbe kämpfte um die Übermacht.    

Belite richtete sich vor dem Feuer mit der Schale in den Händen auf, streckte sie in die Luft und rief. "Bei Mitra, wenn dies ein Fluch ist, dann verfluche mich, töte mich mit deiner heiligen Flamme! Nimm mich an ihrer Stelle, wenn es dir beliebt ins Reich der Toten. Wenn es aber kein Fluch ist, dann schenke Turiya das Leben. Zu deiner Erbauung, denn eine heilige Kriegerin, die für dich streitet und ihr Mana sovielen Kriegern gab, sag, wo findest du sie jemals wieder ? Bei Mitra, geb sie uns zurück!"
  
Sie begannen nun Turiyas Körper zu übergiessen, um alte Wundreste und Verschmutzungen zu lösen und wegzuspülen. Turiya wirkte leblos, reagierte nicht. Dann richtete Belite den Oberkörper Turiyas auf. Nawatu spülte ihren schlimmen Rücken, verteilte überall das Gelee und begann auch die übel zugerichteten Brüste vorsichtig zu besteichen. Sie schauten sich sprachlos an. Doch sie liessen sich nicht beirren. Nawatu rannen bereits wieder die Tränen herunter. Turiya kippte manchmal hin und her, mal senkte sich der Kopf, mal fiel er zur Seite oder leicht in den Nacken. Sie schien völlig weggetreten. Der teigige Brei, den sie schliesslich auch verteilt hatten, klebte wie eine zähe Masse und verfärbte sich grau und Belite wiederholte den Vorgang, dann nach einigen Malen der Wiederholung und den Pausen wurde er weiss und gipsig hart. Es war viel Zeit vergangen. Beide schauten sich wortlos an. Sie waren fertig. Und selbst ein wenig verschmiert. Die Masse legte sich wie ein gipsartiger Mantel um Turiyas geschundene Brüste, den Armen und ihren Oberkörper. Keine Wunde riss auf oder blutete. die letzten Reste verteilten sie, wo sie es konnten. Jetzt benetzte Belite die Lippen Turiyas mit wenigen Tropfen der separaten Tinktur. Schliesslich auch die Schläfe und den Puls an den Handgelenken. Turiya zuckte, doch bei Bewusstsein schien sie nicht zu sein. Sie legten ihren Oberkörper erst nieder, als die Masse wie ein weisser Mantel verfestigt und wie ein Korsett ausgehärtet war. Das dauerte eine ganze Weile. Dann beträufelte Belite den Oberkörper Turiyas mit der Tinktur. Dampf stieg von diesen Stellen kreisend auf. Mit dem darauffolgenden Ölgemisch wurde dieser abgelöscht. "Dieser Brei wird später hart, wir müssen ihn täglich befeuchten mit reinem Wasser vom Gletschersee am besten," liess Belite noch wissen. Belite richtete Turiyas Kopf nach oben und träufelte erneut einige Tropfen in ihren Mund hinein. Turiya hustete, ihr Kopf fiel leicht zur Seite. Dann begann die weisse Hülle wie schwelend von überall her zu dampfen und diese Dämpfe breiteten sich immer weiter aus, umhüllte sie nun alle wie neblige und schwere Schwaden mit einem beissenden unbeschreiblichen Geruch. Beide wurden träge und ihre Sinne trübten sich. Während Nawatu zunächst im Schneidersitz aushielt und langsam in sich zusammensackte, lehnte Belite sich zurück an einem Stein, doch auch sie wurde wie ohnmächtig von Müdigkeit überwältigt und dämmerte in Träumen versunken dahin. 

“Geb sie uns zurück!” Belite riss aus ihren Träumen auf, hörte sich selbst rufen. “Geb sie uns zurück!”

Sie blickte in die glänzenden Augen Nawatus. "Sie schnarcht." "Was?" "Sie schnarcht",Nawatu kicherte und hopste von einem Bein auf das andere, zeigte zu ihr. Dann machte sie sie nach. "Sie schnarcht ?" erwiderte Belite und richtete sich auf. "Ja, sie schläft, wie seit Tagen nicht so ruhig." "Seit wann schläft man ruhig, wenn man schnarcht ? Aber gut, lassen wir das. Das überfordert deinen Verstand." Nun schauten beide gemeinsam zu Turiya hinüber, begutachteten ihr Werk. Turiyas Gesicht war völlig entspannt und sanft, mal abgesehen von den verfärbten dicken Schwellungen. Keine Schweissperlen mehr, keine nervösen Zuckungen. Sie schnarchte laut. Dann strichen beide über den weissen Mantel, der den Oberkörper umschloss und bereits ganz fest war. "Ich glaube, dieser Mantel saugt alles aus ihr heraus - die ganze Entzündung, das ganze Gift und führt dem Körper die Heilstoffe zu, die in seinem Gips enthalten sind. Sieh, hier hat er eklige Flecken, dort wo die schwersten Stellen waren. Und wie er deshalb riecht und das Unheil aus ihrem Körper entweicht." "Sie hat auch kein Fieber, kein Schüttelfrost mehr," fügte Nawatu wie übereifrig hinzu, küsste Belite auf die Schläfe. "Es hat wirkt. Du hast sie gerettet." "Aber, Nawatu, das wissen wir doch noch gar nicht." "Doch, ich weiss es." "Und wie sie schnarcht, wie ein Krokodil." Belite hielt es nun auch nicht mehr, mochte nicht drüber nachdenken, ob Krokodile schnarchen konnten. "Nawatu, sie lebt, weil du nicht aufgegeben hast. Was ich tat, war erst durch dich möglich, sonst hätte ich gar keine Zeit gehabt darauf noch zu kommen." Sie freute sich jetzt auch, schob ihren Verstand beiseite und beide lachten ausgelassen wie erlöst, erst leicht, dann sich steigernd, so als würde ein schwerer Kampf beendet sein, fielen sich schliesslich überglücklich in die Arme. 









Montag, 29. November 2010

Grundrisse der Legende

Belite wuchs zunächst recht wohlbehütet auf dem väterlichen Fürstentum in Aquilonien auf. Ihr Vater schenkte ihr aber keine Liebe wohl wegen ihres Eigensinns und ihrer Herkunft, da sie die uneheliche Tochter aus einer Beziehung mit ihrer verstorbenen Mutter Belit, der Königin der schwarzen Küste, einer wilden Piratin mit vielen wechselnden Liebschaften war. Es hiess, Ihre Mutter stammte von einem shemitischen Königsgeschlecht aus Asgalum ab. Ihr Vater respektierte diese Besonderheit, weshalb er sie überhaupt aufgenommen hatte und ihr viele Freiheiten über die Standesregeln hinaus zugestand. So erlernte Belite die eigentlich nur Männern vorbehaltene Kampf- und Schwertkunst.

Als ihr Vater sie mit Erreichen des sechzehnten Lebensjahres als Maitresse weiterreichen wollte, wendete sich ihr Schicksal, da nun der König, der einst ihre verstorbene Mutter Belit geliebt hatte, von ihrer Existenz erfuhr. Er kaufte sie sofort frei und liess sie nach Cimmerien bringen, wo sie auf offene, aber auch sehr harte Menschen stiess. Sie liebte deren Naturverbundenheit und interessierte sich sofort für den Schamanismus, verbesserte ihre aquilonische Kampfkunst- und Schwertkunst mit der cimmerischen todbringenden Brutalität. Dies trug ihr grossen Respekt ein, vor allem auch bei den männlichen Kriegern. In Zweikämpfen galt sie als ebenbürtig, fair, aber unerbittlich. In Turnieren bot sie lange ausgiebige Kämpfe und trieb das Publikum durch ihre weibliche Eleganz zur Raserei. Kämpfe um Leben und Tod verliefen häufig kurz, äußerst brutal und unerwartet und von einem Schaudern begleitet. Und häufig wendete sie eine als hoffnungslos sich abzeichnende Niederlage in einen atemberaubenen Sieg.

Einmal hatte ein bulliger Hüne voller Urgewalt sie bereits bewusstlos am Boden, schleuderte ihr Schwert in weiten Bogen davon, zerschnitt ihre Rüstung, entkleidete sie auf diese Weise, ritzte dabei genüsslich ihre Haut auf, verspottete sie und johlte den Schaulustigen rund um den Kampfplatz zu. Ihr Kopf drehte sich benommen langsam hin und her, als sie zu sich kam und ihren trägen Körper krümmte und sich wälzte unter den teils tiefen Schnitten auf ihrem Leib. Ihr Blut tränkte dunkelfärbend den sandigen Boden, der grosse Blutverlust schien sie völlig zu erschöpfen. Er war gierig und voller sadistischer Geilheit und bereit, sie in diesem schlimmen Zustand zu nehmen, setzte sich auf ihr Becken, löste seinen Gürtel, aber viele schrien, er sollte endlich zustossen, ein Ende machen, das wollten sie nicht sehen, sie habe das nicht verdient. Was ihm nicht gefiel, aber die Daumen zeigten nach unten. Wetten wurden nicht mehr angenommen. Manche bemühten sich bereits lauthals, teils entnervt oder lachend um die Auszahlung, wendeten sich ab und den sich bereitmachenden nachfolgenden Kämpfern zu. Der Kampf schien zuende, ihr ein unwürdiger Tod gewiss. Der Kampfrichter gab ein ultimatives Zeichen. Aus der Hocke, er hatte ihre Schenkel bereits weit auseinandergeschoben und angehoben, um sie trotz einiger Proteste zu vergewaltigen, erhob sich der Hüne nun widerwillig und liess sie fallen.. Breitbeinig, noch immer lüstern und erregt, baute er sich nun mächtig auf, hob seine Arme mit dem Schwert weitsichtbar wie ein Sieger in die Höhe, holte mit beiden Armen zum tödlichen Stoss seines nach unten auf Belites Herzseite gerichteten barbarischen Krummschwertes aus. Plötzlich, der Aufprall hatte in ihr einen Ruck der inneren Wachheit ausgelöst, schnellte Belite wie eine blutverschmierte Echse mit einem rasanten Schwung beiseite. Sein kraftstrozender  Stoss blieb mit aller Wucht im festen Sand stecken. Noch bevor er seine mächtigen Arme schützend hochziehen konnte, schoss Belite empor wie ein Vampir und ihr Biss durchtrennte weit und heftig blutspritzend seine Halsschlagader während sich ihr nackter Körper in einer Drehung um seinen Rücken schlang. Sie warf ihren Kopf wie ein Raubtier schlingend in den Nacken, spuckte angewidert das zähe Fleischstück aus, während er, sich um die eigene Achse drehend und sein Blut ringsum versprühend, wild schreiend versuchte sie abzuwerfen, aber sie hatte sich wie eine Bestie an ihn geklammert, riss beissend sein Ohr ab. Er blutete nun aus vielen Wunden und der Blutverlust seiner Halsschlagader, die er mit dem linken Arm pressend zu stillen suchte, zwang ihn ganz langsam in die Knie zu Boden. Die Zuschauer drängten sich voller Aufregung und viele ärgerten sich, diese Wendung verpasst zu haben. Sie stand nun, wie eine stolze Amazone dicht vor ihm, als er tief in die Knie ging, sein warmes Blut sprudelte auf ihren freien Oberkörper und sie hielt ihre Hände auf und schlürfte es, blickte ihm fremdartig jadefarbend in seine vom Schock weit geöffneten Augen, erniedrigte ihn auch seelisch, verrieb schliesslich sein Blut für einen Moment wie bei einer lustvollen Salbung zwischen ihren Schenkeln, über ihren Bauch und ihre Brüste. Das überwiegend männliche Publikum tobte. Soetwas hatten sie noch nie erlebt. Sie genoss seine Peinigung und sein Entsetzen, warf ihren Kopf in den Nacken und lachte dabei. Dann genauso überraschend trieb sie beide Hände in einer raschen Bewegung in die klaffende Wunde, das Blut spritzte erneut in einem heftigen Strahl in ihr Gesicht, zerriss bestialisch mit aller Kraft seinen muskelstrotzenden Hals. Knackend in einem kräftigen Ruck brach sie sein Genick und löste seinen Kopf mit einem Hieb seines eigenen Schwertes. Sie stellte sich breitbeinig auf und hielt seinen bluttriefenden Kopf über ihre Brüste ganz hoch, als wollte sie sich ölen, liess das Blut in ihren weit geöffneten Mund laufen, drehte sich so im Kreis zu allen Zuschauern dieses düsteren Todeskampfes. Vollends blutüberströmt wirkte sie wie ein grausamer weiblicher Blutvampir voll erotisierender Anziehungskraft und animalischer Stärke. Alle waren starr und fassungslos. Dann rief sie aus: "Das ist für euch - ihr Versager !" und schleuderte in hohem Bogen den Kopf des Hünen in die vom blutigen Ekzess und dessen unerwarteten Ausgang erstarrten Zuschauerreihen, also derer die gegen sie gesetzt hatten. Sie schrien auf, schon fast wie Weiber, deren Kleider schrecklich besudelt wurden. Die Wachen der Arena liefen nun auf, um sie zu schützen. Der Sandplatz galt als heilig und durfte nur von den Kämpfern und dem Kampfrichter betreten werden. Aufrecht verliess sie den Kampfplatz bis am Rande  angekommen ein Heiler sie stützte, sie klammernd auffing und sich händeringend um ihre schweren Wunden kümmerte, als sie völlig entkräfted zusammenbrach. Die anschliessenden Tumulte beim Wettmacher, die schlimmsten sei langem, hörte sie nicht.

Schon ihre Mutter galt als Tigerin, war männlichen Kriegern ebenbürtig, doch als was galt dann Belite ? Ein diesem beklemmenden Schauspiel beiwohnender fremder Schamane sah in ihrer fürchterlichen Unerbittlichkeit bereits das Monster, dass sich durch spätere Inkarnation der Naturgöttin Nintu auf ihre Dienerin Nawatu übertrug. Nintu, die man in einem entfernten Dialekt auch Belet-ili nannte, weshalb man mutmaßte, dass diese Bedeutung als göttliche Ankündigung und Bestimmung ihrem Namen innewohnte, aber auch dem Namen ihrer Mutter Belit, die bekanntlich in der shemitischen Götterwelt Zuflucht gesucht hatte.

Auf die rauhe cimmerische Zeit folgte für Belite eine mehrjährige ruhige Zeit im Mitra-Tempel, da sie dort ihre Kinder gebar und wo sie zunächst als Mitra-Tänzerin Salii Palatini ausgebildet wurde. Ihre Tanzinterpretation war voller Energie und Radikalität. Manche meinten, ihr persönlicher Stil sei unvereinbar mit Mitra, andere hingegen sagten, aus ihr spreche die Seele des unvermeidlichen Krieges. Kam es zum Aufruf zur Schlacht wurde sie als Haupttänzerin gerufen, weil sie das wahre Töten beherrschte und das Wesen des Krieges von Schmerz, Not und Leid und zerschellender Liebe auch kunst- und gefühlvoll, erotisch und martialisch, also gegensätzlich in ein in sich geschlossenes Bild und dramatisch in Szene zu setzen verstand. Ihre Tanzdarbietung inspirierte die Soldaten zu Heldentaten. Sie überhöhte den Widerspruch zwischen Herz, Geist und Seele und fügte diesen voller Macht und Hingabe im Dienste Mitras wieder zu einer alles überragenden Einheit zusammen. So erhielt sie ihren Beinamen, da nach einer Vorstellung ein Mitraoberhaupt voller Begeisterung ausrief: "Seht, die Hohe Dienerin Mitras!" Es geschah vor einem Feldzug, den Aquilonien gegen eine anrückende feindliche Übermacht glorreich gewann.

Sie vertiefte sich in metaphysische Methoden der Kontemplation, erweiterte ihre Bewußtwerdung in Vollmondritualen, verinnerlichte den Pfad der Tugend, ihre Seeleneinheit mit Mitra und die Werte der Wahrheit, der Freiheit sowie Gerechtigkeit. Schliesslich verliess sie den Tempel, wollte nicht akzeptieren, als Frau niemals gleichberechtigt anerkannt zu werden und wichtige Weihen niemals erlangen zu dürfen, meldete sich zum Blutorden der Mitraner "Mitras Macht", der all jene Krieger beherbergte, die weder Löwen der Mitrapriesterschaft, noch Schwarze Drachen des Königs sein konnten oder durften, aber zu talentiert waren, als sie in den grossen Landtruppen aufreiben zu lassen. Belite wurde die einzige königliche Matrona Primus Principes Centurio des Blutordens der Mitraner "Mitras Macht", der einst von der hoheitlichen Kirche und dem König zum Schutze gegen Invasoren als Strafexpedition ins Leben gerufen, später als unabhängiger Kriegsorden sich besonders auf den südöstlichen Schlachtfeldern Ruhm erwarb und wegen unerbittlicher Operationen im Hinterland des Feindes gefürchtet wurde.

Dann wechselte sie während einer Expedition auf höfliche Bitte des dortigen Herrschers zum Hofe Vendyhas, da dieser sie auf der Jagd kennengelernt und schwer beeindruckt von ihr war. Als sie ihn einlud, einer heiligen Zeremonie beizuwohnen, war er sehr fasziniert vom Mitra-Kult, begehrte sie und gab vor, die Mitrareligion auch im Reich einführen zu wollen. Sie diente dem Herrscher, dessen Charme sie schliesslich verfallen war, als Seherin und anfangs auch als Geliebte. Auf ihren weiten Erkundungsreisen entdeckte sie das verschollen geglaubte vendyhanische Orakel, belebte im Sinne dieser göttlichen Offenbarung schicksalshaft nach ihrer nun auferlegten Bestimmung ein letztes Mal den uralten archaischen Matronenkult in der Gestalt der Naturgöttin Mitra. Sie wurde vom Hofe abgesetzt, auch weil sie es leid war, letztlich nur als Maitresse herhalten zu müssen, der Herrscher der Vielweiberei, auch mit einer Vielzahl von Konkubinen frönte. Als er zuliebe dieser Genusssucht und aus politischen Gründen zum Ischtarkult konvertierte, konnte sie knapp ihrer Ermordung zuvorkommen. Ihr Gefolge hingegen wurde grausam hingerichtet. Mit ihrer ergebenen Dienerin Nawatu, die ihr ihr Leben verdankte und Belite sie als Stieftochter aufnahm, war ihr jedoch die fast überstürzte Flucht gelungen.

Beide bildeten die Keimzelle für eine verschworene Gemeinschaft von Mitra-Amazonen. Sie begründeten eine eigene kämpferische Sekte in der die weibliche Wesenheit der Naturgottheit Mitra als Lichtgestalt der Freundschaft, des Bündnisses und des Rechtes verkündet wurde, begleitet von heiligen Beschwörungen, erotischen Tänzen und Ritualen. Die kultische Nacktheit diente als Symbol für Schutzlosigkeit, Demut und Unterwerfung vor der göttlichen Macht. Die völlige Entblössung vor der Gottheit sollte zudem innere Stärke, Reife und Fruchtbarkeit beweisen. Dies vor einem Gefecht mit dem Feinde zu tun, verhiess göttliches Schicksal und Macht als Vorbestimmung für den Ausgang der Schlacht. Der gleichrangig betriebene Kult um die Schlangengöttin Nintu liegt bis heute noch weitgehend im Dunkeln, ausser dass zwischen Nintu und Mitra eine sehr starke kultische Verbindung im Sinne der Mutter Gottheit bestanden haben muß. Fest steht, beiden wurde eine spirituelle und okkulte Mystik nachgesagt und dass sie in der Lage waren im Reich der Toten zu wandeln und das Böse in der Unterwelt heimzusuchen. Hieraus bezogen sie eine bis heute ungeklärte Magie, wodurch es ihnen gelang, auch übermächtige gegnerische Heere vernichtend zu schlagen. Viele hielten diese aber nur für Visionen und die hexerische Kunst diese massenhaft auszulösen. Überlebende waren jedoch fest überzeugt, dass es geschah während hingegen Beobachter nichts entdecken konnten, ausser das bei den gegnerischen Kriegern unerwartet Panik ausbrach, was dann zum Zusammenbruch führte.

So wirken bis heute noch zahlreiche Legenden um Belite und ihre Dienerin Nawatu. Eine der bekannten Legenden überliefert ihre Rückkehr zum Blutorden, der nach einer verheerenden Niederlage an einstiger Bedeutung und Grösse einbüßte, in Vergessenheit geriet und wo man sie inzwischen verschollen glaubte. Ihre Ankunft wurde von den Verbliebenen wie die Rückkehr einer Heldin aus dem Totenreich gefeiert. Ihr Mitra-Kult traf den Nerv des am bösartig Okkulten leidenen Orden. Sie vertrieb die bösen Geister. Der Orden gewann durch ihre Neubeseelung erneut an Kraft, gründete neue Siedlungen und meldete sich auf dem Schlachtfeld zurück. Schliesslich bestimmten sie Belite zu ihrer Führerin.

Sie begab sich mit dem von ihr praktizieren Mitra-Kult und dem durch ihre Dienerin Nawatu zelebrierten Messen um die Schlangengöttin Nintu in Widerspruch zum Patriarchat der Orthdoxie und wurden mit einem Schisma belegt, aber als Hohe Dienerin Mitras und einstige Salii Palatini solange geduldet, wie man auf die gefürchtete Schlagkraft des Blutordens, der ihr die Treue schwor, in dem andauernden Kultur- und Glaubenskrieg nicht verzichten wollte. Dort, wo die Streitmacht des Blutordens unter ihrer Führung zum Einsatz kam, wurde von wahren Gewaltorgien voller Magie berichtet. Es wehte der Fluch des Todes, der verbrannten Leiber und der Erde. Feindesmächte mieden die Gebiete auf Jahre hinaus. Nur Kinder und Frauen wurden entgegen uralter Bräuche verschont und auch nicht wie weit verbreitet üblich als Sklaven in die Barbarbei geführt. Meist liessen sich einige Söldner und Ritter des Ordens mit ihnen nieder und gründeten mit ihnen neue mitranische Dorfgemeinschaften in den befreiten Regionen. Diese lagen überwiegend in den Weiten Turans und Hyrkanias rund um die Vilayetsee.

Als schliesslich im Zuge der Befreiungsideologie Belites der gesamte Orden konvertierte, in dem von ihm eroberten Regionen den wahren Glauben Mitras verbreitete und Belite die aquilonische Mitra-Religion als obristisch, korrupt, dekadent und frauenfeindlich geisselte, setzte die unnachgiebige und unbarmherzige Verfolgung seitens der aquilonisch-mitranischen Orthodoxie ein. Das aquilonische Mitratum verhängte die Häresie mit dem Vorwurf der Blasphemie. In den Wirren der hyborianischen Kriege konnte der Orden unter der geschickten Führung von Belite sich jedoch behaupten, zumal er sich immer wieder in die Weiten Turans zurückziehen konnte. Sie sagte sich am Ende von Aquilonien los, stand diesem aber immer wieder, wenn auch anfangs ungebeten, in Kämpfen bei und gründete ein eigenes mitranisch-matriachalisches Amazonenreich. Der ursprünglich patriachale mitranische Blutorden ging endgültig in ein weiblich dominantes Amazonenreich auf. Unter ihrer Heerschaft unterlagen Männer und Frauen einer gleichberechtigten und geschlechtsspezifischen Aufgaben- und Rollenteilung, was zu jener Zeit einzigartig war und viele Flüchtlinge in ihr Reich lockte, wodurch Handel und Landwirtschaft blühten. Frauen konnten ihre Aufgaben frei wählen, sofern sie körperlich und geistig dazu fähig waren. Mit ihnen wurde kein Handel betrieben. Zwangsverheiratungen gab es nicht und gleichgeschlechtliche Beziehungen waren öffentlich erlaubt und stellten in der gesellschaftlichen Realität wegen des Fruchtbarkeitkultes auch nur eine Randerscheinung dar. Den Frauen wurden ihre Brüste nicht vor der Blüte ausgebrannt wie bei anderen matriarchaischen Amazonengesellschaften, sondern wurden zum Kampf bandagiert und auch mit Rüstungen geschützt. Nur die Kriegsammen entblössten sich kultisch zu Beginn einer Schlacht vor dem Feind. Ihre Streitmacht war gefürchtet mit schweren männlichen Hopliten und Axtkämpfern sowie agilen Amazonenschützinnen, die auch als Speer- und Schwertkämpferinnen unter Waffen waren.

Eine andere Legende besagt, dass Belite und ihre Dienerin kein eigenes Reich gründeten, sondern mit wenigen Glaubensgetreuen wie Rebellen durch fremde Länder zogen und immer wieder Überfälle auf Sklavenwirtschaften ausübten. Sie deshalb fast überall gesucht und verfolgt wurden, da sie den Hauptpfeiler damaliger Herrschaftssysteme, die Sklaverei und die Knechtung der Frau in Frage stellten. Sie wurden aber nie gefasst und auch nach dieser Legende soll sie es geschafft haben, ein eigenes Amazonenheer aufzustellen, um als Söldnertruppe an Entscheidungsschlachten und nachfolgenden Plünderungen teilzunehmen. Ihre Treue zu Aquilonien behielt sie im Herzen, da sie in den anderen ihr bekannten Herrschaftssystemen eine viel größere Gefahr für Freiheit und Gerechtigkeit erkannte, auch wenn die heilige oberste Priesterschaft in Aquilonien ihr den Tod herbeisehnte. So schützte sie der König vor allzu hinterhältiger Ächtung und heimtückischer Verfolgung durch die Priesterschaft, sodass sie zwar des Irrglaubens bezichtigt, aber nicht als Ketzerin gebannt wurde. Die Schwächung des schwunghaften Sklavenhandels im Feindesland war in beider Interesse, sodass sie zu seinen engen Getreuen und Söldnern in den fernen und entlegenen Winkeln des Südostens wurde. Sie war für ihn ein wahrer Schwarzer Drache ganz mit dem feurigen Temperament ihrer von ihm so sehr geliebten zu früh verstorbenen Mutter Belit, der Königin der Schwarzen Küste, aber sie mußte öffentlich Non Grata sein, ein Schwert, das hochoffiziell nicht in seinen Diensten stand. Bei ihren jährlichen Besuchen Alt-Tarantias und der kleinen Mitra-Kapelle zu Ehren der Toten Seelen empfing er sie stets allein in einem geheimen Gemach des Palastes. Es waren angeregte Abende mit aquilonische Delikatessen und Rotwein aus den besten Lagen und ausschweifenden Unterhaltungen über Gott und die Welt. Sie war nicht seine leibhaftige Tochter, aber er liebte sie in dieser Weise. Und sie verstanden sich, denn sie war so, wie er und ihre Mutter in jungen Jahren, nur eben im Unterschied dazu von ihrem Glauben sowie tiefer Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit beseelt und voller tatkräftiger Entschlossenheit diese Werte auch mit dem Schwert zu verteidigen. Für den König Aquiloniens blieb sie Kundschafterin fremder Welten, Botschafterin zur Toten- und Unterwelt und der tödliche Stachel im Nacken Stygiens und verbündeter Feindesmächte.

Manche meinen, beide Legenden seien wahr, sie hätten sich nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten zugetragen. Um ihre innere Wandlung und ihre Haltung zum aquilonischen Mitratum zu verstehen, die auf viele wie ein Schock gewirkt haben muß, verweist eine weitere Geschichte.

So zog sie, bereits mit Schisma belegt, mit einer Kohorte des Blutordens durch das Reichenviertel Alt-Tarantias, allerdings im Auftrag des Königs, und schlug einen wüsten Aufstand, der von Fremdmächten angezettelt worden war und die Hauptstadt drohte ins Chaos zu stürzen, mit äusserster Brutalität blutig nieder. Die fremden Anführer und aquilonischen Unterstützer, darunter auch ein verräterischer ranghoher Priester, wurden vor den Stadtmauern gepfählt. Zwar war die Oberschicht hocherfreut, wenn auch mit zwiespältigen Gefühlen, beim Klerus des Mitratums weckte die Tat furchtbare Erinnerungen. Es waren die schmerzhaften Geschehnisse um Krystlelina und Cyantia und einer betrogenen Mutterschaft.

Die Liebschaft mit einem Bärenschamanen, als Belite noch sehr jung nach Cimmerien gekommen war, hatte eine Schwangerschaft zur Folge. Auf einer Reise nach Aquilonien, verblieb sie dort und gebar in einem abgelegenen Kloster einige Meilen vor der Hauptstadt ihre Kinder. Ihre vermeintliche Tochter Krystlelina brachte sie später zu ihrem Vater, der in Wahrheit nur ihr Stiefvater war, nach Cimmerien, obwohl sie sie liebte, sich aber nach der Geburt in einer tiefen seelischen Krisen befand. Für das andere Kind hielt man ihr einen toten Leichnam hin, hatte ihr aber beide leibhaftigen Kinder weggenommen, was zum betrügerischen Brauchtum der dortigen Priesterschaft gehörte.

Das dem so war, erfuhr sie erst viele Jahre später, als die Kinder schon zu jungen Frauen ausgewachsen waren durch eine Barbarin, die Cyantias Mutter war und in Cimmerien auf Krystlelina traf, und viele meinten, erst dies habe den Ausschlag gegeben für den späteren völligen Bruch mit dem aquilonischen Mitra-Priestertum. Krystlelina war also nicht ihr echtes Kind. Bei der stattfindenen Gegenüberstellung in Cimmerien stellte sich heraus, dass sowohl Cyantia und Krystlelina die leibhaftigen Töchter der Barbarin waren, beide waren sich wie Zwillinge sehr ähnlich, wenn auch sehr unterschiedlich in der Statur, wiesen auch äußerliche und charakteristische Verhaltensähnlichkeiten zur Mutter auf. Im Unterschied zur Mutter waren sie jedoch sehr introvertiert. Sie hatten jedoch das gleiche Muttermal und den schielenden Blick - dies war am Ende der endgültige Beweis. Die Barbarin war überglücklich ihre beiden Töchter vereint zu haben, war sich aber auch bewusst, was es für Belite bedeutete und alle versuchten ihr Trost zu geben. Belite gab sich dem äusseren Anschein nach zufrieden, aber im Innern kochte es und sie wollte unbedingt die ganze Wahrheit wissen. Nawatu, ihre vendhyanische Dienerin hatte dies vorhergesehen.

Was folgte, war ein entsetzlich grausames Blutbad im Kloster und die Niederschlagung eines ranghohen Priesters namens Innocenti in der Tempelanlage von Alt-Tarantia, den Belite, noch lebendig, an seinen eigenen Gedärmen vor den Götterstatuen aufhängte. Als erste Kohorten eintrafen und das Tempelgelände in der Stadt umstellten, war sie bereits geflohen. Er war das Oberhaupt eines Kinderhändler- und Ritualringes. Dies hatte sie den Beteiligten teils unter Anwendung von Folter herausgequetscht. Man hatte der Barbarin bei der Geburt Krystlelina weggenommen und ihr ebenfalls ein totes Kind gezeigt und Krystlelina an Belite weitergegeben. Cyantia verblieb also bei der Barbarin. Die Kinder Belites - es waren auch zwei - hatten sie entwendet und in einem geheimen Ritual getötet. Je nach Bedarf entschied man sich für Ritualmord, Verkauf oder Erziehung im Kloster. Im Falle von Belite entschloss man sich jedoch zur rituellen Tötung, da man nicht wollte, dass sich ihre Linie fortsetzte, weil man wußte, wessen Tochter sie war. Das Mitratum schweigte zu den Vorgängen, da der Gewinn in die Kasse des Tempels floss und Kinder, die nicht verkauft wurden später in Mitratempeln Frondienste leisteten und einige von ihnen auch eine Ausbildung als Mitrapriester begannen. Von den geheimen Ritualmorden wusste das Mitratum nichts. In den Augen Belites war es einfach Kindesdiebstahl, Mutterschaftsbetrug und die Ritualmorde ein Verbrechen, weshalb sie ausser sich vor Zorn und angesichts ihrer Demütigung in völlige Raserei geriet. Niemand war in der Lage sie in Begleitung ihrer Dienerin Nawatu zu stoppen. Ihre brachialen Schwerthiebe enthaupteten jeden auf der Stelle, der sich ihr in den Weg zu stellen wagte. Einen Priester spaltete sie mit einem Hieb den Leib. Und im Kloster entfesselte Nawatu die fürchterlichen Kräfte der Schlangengöttin Nintu, sodass alle Gefangenen alles verrieten bevor sie grausam starben. Dennoch fand man später in einer Kammer zusammengepfercht, aneinandergefesselt und geknebelt sowie in einem fast wahnsinnigen und zerrütteten Zustand eine Reihe von Klosterangehörigen, darunter viele Kinder, die offensichtlich als unschuldig befunden, verschont geblieben waren, aber offenbar alles hatten mitansehen müssen. Das abgelegene Kloster vor der Stadt bot im Innern ein unsägliches Bild des Grauens. Das Kloster wurde für immer geschlossen - niemand betrat es mehr, hielt es für entweiht und jeder Mitragläubige meinte dort im Stillen das fürchterliche Schreien der Opfer von Nawatus ritueller Folterung und der Rache Belites aus den Wänden zu hören. Gebete waren dort unmöglich geworden. Das Kloster verfiel. Es wurde zur wilden Unterkunft der Landstreicher, Bettler und anderer von der Gesellschaft ausgeschlossener randständiger Existenzen. Später hielten sich dort nur noch unheilbare Kranke auf, die dort Zuflucht suchten und ein schützendes Dach über den Kopf fanden. Viele meinten, der Ort habe seine wahre und gütige Bestimmung erlangt.

Cyantia hatte höchste Weihen letzter Mysterien Mitras erreicht, konvertierte jedoch nach den schrecklichen Ereignissen zur Urreligion von Belite und unterstützte sie bei der Missionarsarbeit, vor allem dort wo die Not am größten war. Cyantia, klein, zierlich, hübsch mit kurzen weissblonden Haaren und leuchtend blauen leicht schielenden Augen, wurde, weil es in ihr schon früh danach verlangte, als Mitrapriesterin im Mitratempel in Alt-Tarantia in die grundlegenden Mysterien eingeführt. Nachfolgend schickte man sie nach Tortage zu einem dem Wein verfallenen, aber menschlich warmherzigen Priester namens Ninus. Der Priester Ninus lebte in ihrer bezaubenden Gegenwart wieder auf und fand zu neuer Lebenskraft. So wuchs er über sich hinaus und führte Cyantia in die letzten Mysterien der Mitrareligion ein. So erlangte sie wider Erwarten der Mitra Oberen tieferen Einblick in die Mitrareligion und die Mysterien. Krystlelina hingegen blieb in Cimmerien bei ihrem Stiefvater im Dorf und ihre leibhaftige Mutter zog in ihr gemeinsames Haus. Es heisst, sie standen näher zu Crom oder verehrten gar keinen Gott. Auch hier gibt es viele voneinander abweichende Versionen, wonach sie Belite schlagkräftig unterstützten.

Cyantia schloss sich der verschworenen Gemeinschaft um Belite an. Sie verspürte nie den Drang nach Kampf und Gewalt, aber ihre Fähigkeiten waren dennoch in vielen Schlachten übermaßen hilfreich. Sie war die Seele der Heilung und Botschafterin des Lichtes, auch in tiefster Dunkelheit und Verzeiflung. Es soll jedoch seltene Momente gegeben haben, wo sie ihre Künste kriegerisch zum Einsatz brachte, aber dies wohl im Konflikt mit gegnerischen Priestern vor allem des Set.

An der Seite von Belite wurde sie ihre höchste Diplomatin, da bei längeren Begegnungen selbst starke Männer wankelmütig und durch ihre wundersame Ausstrahlung und ihre sanftmütige Natürlichkeit bezaubert wurden. Vielen Schwerverletzten, auch Feinden gab sie die letzte Salbung und einige riefen gar ganz laut nach ihr, wollten einfach nur in ihre Augen sehen und ihr Lächeln bevor sie starben. Sie erfüllte vielen Sterbenden ihren letzten Wunsch nach Liebe. Dafür wurde sie sogar von vielen Feinden respektiert. Als sie einmal in Gefangenschaft geriet, wurde sie zwar zunächst mehrmals vergewaltigt, als man sie jedoch erkannte, stiess man die Peiniger beiseite, durchtrennte ihre Fesseln und ihr Leben wurde verschont. Man bot ihr an, die Peiniger zu bestrafen, sie waren bereits zum Schleifen an Pferden festgebunden, doch sie lehnte dies ab. Die Peiniger wurden dennoch vor ihren Augen zu Tode geschliffen. Dann wurde sie freigelassen. Alle anderen Gefangenen hingegen wurden nach uraltem Brauch und Ritus getötet.

Im Unterschied zu ihrem kriegerischen Oberhaupt Belite wurde sie vom Mitratum nie als Ketzerin angeklagt, noch als solche jemals angesehen. Es kam zwar zur Sprache, da auch sie den Mitrakult nach den Regeln der Naturgöttin verkündete, verbreitete und praktizierte, aber niemand wollte etwas davon wissen, da jeder wusste, wo sie war, regierte ihr magisches Licht und häufig endete das Töten ohne Widerhall. Es wurde von einer Schlacht berichtet, wo selbst Einheiten der mitranisch aquilonischen Löwen hoffnungslos miteingeschlossen waren. Die feindliche Übermacht von etwa zwanzigtausend war erdrückend. Es war ein scheussliches Gemetzel in Gange. Viele Soldaten waren vom Töten erschöpft, da niemand der Eingekesselten die Waffen niederstreckte und den Kampf aufgab. Jeden Tod mußten sie schwer erkämpfen. Und das dauerte. Manche sagten später, das war für alle am Ende das grosse Glück.

Als Cyantia, eingehüllt von einem blauem Licht, das prismengleich vom Berge funkelte, am Horizont erschien, kam das Töten allmählich, je mehr Krieger es erblickten, zum Erliegen. Völlig nackt von dem ozeanblauen Licht umgeben, bahnte sich Cyantia voll strahlender Anmut und bezaubender Schönheit eine breit öffnende Gasse durch die feindlichen Reihen dem Anführer zu. Ihr von Natur aus kleine zierliche Statur überhöhte die Wirkung ihrer Erscheinung. Rythmisch hebend und kreiselnd weitete sie beide Arme mit ausgestreckten Handflächen in den Himmel. Auf dem Berg stand drohend Belite mit genauso zum Himmel ausgestreckten Armen. In den Händen hielt sie jedoch ihr gefürchtetes Langschwert, in der anderen eine Fackel und dunkle Rauchschwaden aus zwei grossen Feuern stiegen empor. Der Wind trieb die Rauchwolken zu dem Kriegerheer herüber und bildete eine finster bedrohliche Kulisse in dem der bläuliche Lichtschein Cyantias wie eine Erlösung heraufbeschworen wurde. Sie war spirituell bemalt, ihre Lippen und Augenlider verführerisch blau und die Strahlen der sich neigenden Sonne im vom dunklen Wolken verhangenen Himmel liessen ihre leicht gebräunte und frisch geölte Haut dazu noch goldfarbend schimmern. Cyantia wendete sich in ihrer magisch betörende Erscheinung und glänzenden Blickes nun direkt dem feindlichen Anführer zu. Er sah auf ihre silberblau schimmernde Brustbemalung der Heiligen Weisheit, konnte sich aber auch ihrer erotisch mystischen Anziehungskraft nur schwer entziehen und blickte hoch zu den schwarzen Rauchzeichen Belites am Horizont, aus denen sich der Feuer- und Aschegeruch zunehmend ausbreitete. Das Gespenst der vom Amazonenheer stets nach erfolgreicher Schlacht hinterlassenen verkohlten Einöden schien sich seiner Vorstellungswelt zu bemächtigen. Dann stehend auf ihren Fussspitzen umarmte und küsste sie ihn, streckte sich vor ihm nieder und bat ihn demütig um Vergebung. Entgegen aller Erwartung gewährte er nicht etwa freies Geleit, sondern zog mit seiner Übermacht ab. Bereits am Folgetag verliess er nachts die eigene Armee, wechselte zur Mitra-Religion der Naturgöttin über und trat ein in das Amazonenheer von Belite. Schon wenige Tage nach der Weihe verstarb er in seinem Zelt mit hohem Fieber an unbekannter Krankheit. Unter neuer Führung wurden seine alten Truppen Wochen später in einer Schlucht von einem zahlenmässig unterlegenen Amazonenheer gestellt und vernichtend geschlagen. Das Schlachtfeld und die Toten niedergebrannt, hinterliess das Amazonenheer eine Ödnis.

Es wurde nie geklärt, ob hinter dem Berg ein gewaltiges Amazonenheer wartete, um hinter einem zu entfesselnden Feuersturm anzugreifen oder ob es sich um eine raffiniert inszenierte Täuschung von Belite und Cyantia handelte. Allerdings hätte auch eine kleinere Streitmacht der Amazonen die Schlacht völlig wenden, zumindest durch einen Angriff den abschüssigen Berg hinab in die gegnerische Flanke dem Feind grosse Verluste zufügen und vielleicht sogar zum Kessel der eingeschlossenen aquilonischen Truppen durchbrechen können. Fest steht, dass Cyantia selbstlos, ganz allein und nackt durch die bis an die Zähne bewaffneten schwer gerüsteten Kriegerreihen geschritten war, wenngleich eingehüllt in einem bläulich flureszierenden Lichtschein ihrer Hautbemalung, bis zum völligen Erliegen der Kampfhandlung und bis zu deren Anführer, ohne das auch nur ein einziger ihr ein einziges Haar krümmte. Und der Anführer, vermutlich Opfer furchtbarer Erinnerungen, nach seiner wundersamen Begegnung mit Cyantia zum Abzug blies und Cyantia über fünftausend Eingeschlossenen, überwiegend aquilonisch-mitranischen Kämpfern, das Leben rettete. Sie verbrachte noch Tage dort, um die Verletzten, ob Freund oder Feind, zu versorgen oder zum Sterben zu geleiten. Eine entsetzliche Niederlage wendete Cyantia wie durch ein Wunder ohne jegliches Blutvergiessen doch noch zum Sieg !

In allen Überlieferungen des Legendenschatzes verlieren sich die Spuren von Belite, ihrer Getreuen und Gefährtinnen mit dem Untergang Aquilonies, das auch den Untergang des Mitra Kultes besiegelte. Man geht davon aus, das die feindlichen Mächte sich geschlossen gegen sie stellten und alles vernichteten. Letzte Anhänger wurden bis nach Vendyha verfolgt, in bestialischer Weise bei Volksfesten öffentlich geschändet, feierlich hingerichtet und zur Schau gestellt. Ihre Überreste wurden zur Abschreckung vor heiligen Stätten als Siegestropäen geschmückt und ausgestellt. Der Leichnam Belites wurde nie gefunden. Eine Legende besagt, sie würde eines Tages, wenn die Welt erneut dem Untergang zustrebe, bei Vollmond zur Schlacht der Schlachten in völliger Verschmelzung der Naturgöttin Mitra und der Schlangengöttin Nintu als erotisch berauschende "Mistress of the Gods" aus den Tiefen der dunklen Urwälder Vendyhas, Kambujas oder den längst vergessenen schwarzen Königreichen zurückkehren, nachdem sie im Jahrtausende währenden Kampf in der Unterwelt das Böse besiegt habe. Sie würde dann die von Leid geplagten, unglücklichen Seelen der Menschen in einer okkulten Orgie der Magie und des Schwerttanzes für alle Ewigkeit befreien, erleuchten und ihnen ewige Liebe schenken.

Sonntag, 22. August 2010

Belite V: "In der Dämmerung"

Nawatu erwachte, blickte in das orangerote Licht der Abenddämmerung. Am Himmel kreisten Raben und Krähen auf- und absteigend über den Aas und einige Greifvögel, die auch die menschlichen Kadaver im Auge hatten. Das Krähen und Krächzen erfüllte alles um sie herum. Dazwischen drängte sich das weit entfernte Jaulen von Wölfen. Sie hatte hier in dieser abgeschiedenen Gegend noch nie Wölfe gehört oder ihre Spuren gesehen. Jetzt nahten sie heran.

Sie atmete tief durch, lag nackt auf dem morastigen Boden, der sich lehmig, fast schlammig anfühlte. Sie fasste sich an ihre Brust und ihr Herz schlug schwer, tastete ihren Körper entlang und streckte sich mit einem leichten Ruck vor. Sie spürte keine Gliederschmerzen, fühlte sich nur erschöpft und ausgelaugt. Ihre Narben auf ihrem dunkelbraunen Körper waren rosarot und sie war überall mit Blut verschmiert. Ihre wunden Brustwarzen waren blutverkrusted angeschwollen und brannten. Brust und Unterleib drückten taub und ihre grünlich gefärbten Haare waren auch vom vielen Blut durchtränkt, verkrustet und verklittert.

Sie versuchte sich zu erinnern. Die Menschenfresser und der Pfeilhagel. Die Grotte. Die tödlichen Schüsse Turiyas. ... Und dann ? Nichts. Sie konnte sich nicht erinnern. Alles war wie weggewischt.


Wo war Turiya ? Sie erhob sich, stand da, nackt bis auf die Schulterbänder, die Stiefel noch an und ihre Halskette um. Überall lagen zerfetzte, leblose und ausgelaugte Kadaver. Es waren die Menschenfresser. Krähen und Raben machten sich an ihnen zu schaffen. Sie sah auf den eigenen zerrissenen Lendenschurz am Boden, völlig vom Blut besudelt. Angewidert hob sie ihn auf und schleuderte ihn angeekelt wie einen dreckigen Lappen weg zu den Krähen, die nur kurz meckernd aufflatterten und sodann erneut an den Fleischfetzten zogen. Sie wollte sich jetzt nur reinigen und waschen, sehnte sich danach, alles Unreine abzuspülen und sich zu erfrischen. Sie wollte schnell zurück zum See.

Sie nahm ihren Speer und den Dolch, dann schritt sie auf dem morastigen und teilweise zermatschten Boden die zerfleischten Leichen ab. Bevor die Wölfe hier sind, muß ich weg sein und ich muß zu den Pferden, sagte sie zu sich selbst. Sie kommen solange in unsere Höhle. Wir gehen zu Belite. Sie wird mir alles erklären. Ich glaube es war der Ring. Sie fasste an den Ring. Er fühlte sich so anders an. Wie ein weiches Teil von ihr. Nicht mehr so fremdartig. Sie musterte ihn etwas zögerlich und misstrauisch, fasste daran. Er war rottig wie immer, aber diesmal so ungewöhnlich anschmiegsam.


Wo war Turiya ? Sie stieg weiter zwischen den Leichen umher, die Raben und Krähen flogen auf, machten aber gierig weiter. Ein Greifvogel flog zornig auf, stiess herab und kreischte auf. Nawatu hob ihren Speer, dann zog sie ihren kleinen Elfenbeinstab aus dem Schulterarmband. Sie hob beschwörerisch ihre Arme, die wie zu Musik begannen zu schwingen. Der Greif war wie verstört und flog in weiten Kreisen in die Höhe, dann stürzte er herab, vertrieb zwei Krähen von einer anderen Leiche und hackte kräftig in das Leichenfleisch hinein.


Die Leichen sahen fürchterlich aus. Soviele ? Es waren mehr als zwanzig. Dann ging sie zurück zur  Felsgrotte. Nichts. Nur die vielen zum Teil zersplitterten Pfeile, wie ein Bambusbelag. Sie stieg nicht hinein. Los schnell zu den Pferden. Dann fiel ihr Blick auf ein feines langes Haarbüschel am Boden. Es hatte sich festgehakt an einer alten knorrigen Distel. Blondes langes Haar. Sie hob es sanft auf, hielt es zur Nase, roch daran. Turiya. Das Haar duftete so schön. Sie liebte Turiyas milchigen Körperduft, wie alles an ihr. Sie schaute genauer hin. Doch hier genau gab es wegen der Steinplatten keine Fussspuren. Sie ahnte Schreckliches. Sie hatte endlich einen weiteren aufrichtigen Menschen kennengelernt, dem sie sich anvertraute, dem sie vertrauen konnte. Und nun ? Nur wegen solcher Schweine soll es alles gewesen sein ? Die Zeit mit ihr war viel zu kurz und doch waren die kurzen Momente mit ihr so intensiv durchflutend. Nein, sie wollte jetzt ihre bitteren Gefühle nicht zulassen. Turiya mußte noch am Leben sein.


Sie rannte den Hang hinunter, wo die Menschenfresser hergekommen waren, um nach Hinweisen zu suchen. Nichts. Die Pferde und Mulis alle weg. Mehrere leblose und teils ausgeweidete und durchtrennte Menschenkörper lagen hier wie abgeworfen wüst aufeinandergestapelt. Ihre Opfer der Menschenjagd. Sie hatten zuviel Fleisch, da soviel getötet worden waren. Es hatten also einige überlebt. Schafften sie Platz für Turiya ? Frisches saftiges Fleisch, stieg es in Nawatu angeekelt und entsetzlich auf. Dann überlegte sie. Ob sie zur kleinen Höhle waren ?


Sie lief noch einmal zurück zu den Leichen. Die Aasfresser hielten Ruhe und liessen sich nicht stören bis auf ein paar Streitereien untereinander. Nawatu schaute alle Toten noch einmal an und was von ihnen geblieben war. Kein Häuptling, auch kein Schamane, wenn es einen gab. Ihre Anführer hatten überlebt. Wieviele hatten überlebt?


Die Dämmerung schritt schnell fort. Sie erreichte den See und die Pferde. Alle waren noch da. Aber die Angst vor den Wölfen sprach aus ihren Augen. Dann rannte sie schnell ins Wasser. Wusch sich alles ab, reinigte sich. Es tat ihr so gut. Ihre Brustwarzen brannten dabei stechend und zogen ihren Brustkorb zusammen. Sie presste ihre Lippen zusammen. Auch ihre Scham brannte, aber dieser Schmerz, der in ihrem Unterleib drückte, war für sie nicht wirklich neu. Mal stärker anschwellend, mal unspürbar, sie hatte sich daran irgendwie gewöhnt. Dann griff sie schnell zu den Trinkbeuteln. Füllte sie alle mit frischem Wasser, nahm einen Stärkungsmet, leerte den Beutel hastig. Schliesslich bepackte sie die Pferde mit dem gesammelten Proviant und den übrigen Sachen. Sie nahm auch die Rebhühner. Jetzt dachte sie unversehens an den Bären, sah in Gedanken Turiya mit ihrem so selten freudigen Gesicht ihr zuwinken. Sie konnte sich nicht mehr halten, schluchzte nun doch, schluckte bitter und würgte bei den Gedanken an Turiya. Sie begann zu trampeln und zu stampfen. Ihre Arme hart angespannt und ihre Hände zu Fäusten gepresst. Mit einem Mal riss sie die Arme vom Leib, ihr Körper streckte sich weit in die Höhe. Sie kreischte auf und ihr fürchterlicher Schrei im Widerhall der Berge schien die Luft schallend zu zerschneiden: „Nein!"


Das Geheul der Wölfe schien nun noch zügiger näher zu kommen. Sie ging schnell zu dem Hengst von Belite. „Komm. Fulgor. Zu Belite!“ Wild hob er den Kopf. Belite, darauf hörte er. „Aisha!“ Es war das gescheckte schwarz-weisse. Noch immer nackt sprang sie auf ohne Sattel. „Schnell zu unserer Höhle zu Belite.“ Sie klopfte Aisha auf die Seite. Sie zogen alle los, recht zügig im Trab hinter Aisha mit Nawatu. Der Hengst von Belite hielt immer Abstand und wechselte die Seiten, sofern die Felsen es zuliessen. Allmählich wurde es dunkler. Doch bevor es Nacht war, würden sie angekommen sein. Schließlich kamen sie in einiger Entfernung an der alten verlassenen Knochenhöhle vorbei.


„Hoh!“ Nawatu schaute hinauf zur Höhle. „Wartet hier.“


Mit einem Hüftschwung sprang sie ab, schlich sich den steinigen Hang weiter zur Höhle hinauf. Ja, jetzt war es klar zu erkennen, da war Licht. Es schimmerte flackernd auf. Schwach, aber erkennbar. Sie hielt ihren Kopf in die Höhe in alle Richtungen, drehte ihn, wie ein Tier, das schnuppernd Witterung aufnimmt. Sie ging geduckt noch etwas vor. Ich kann sie riechen. Die Schweine. Sie sind hier. Und bestimmt auch Turiya. Ihr Herz klopfte schneller. Ja, sie haben sie gefangen, werden sie nun gefügig machen und brechen, um sie teuer zu verkaufen. Sie weiss, was einer Amme blüht. Sie wird keinen Widerstand zeigen. Sie wird sich darin ergeben. Deshalb habe ich noch eine Chance, sie zu befreien. Dann ballte sie verfluchend eine Faust, reckte sie der Höhle empor und hielt mit der anderen den Speer. „Ihr seid tod. Ich zerreisse eure Gedärme. Ich fresse euer Herz. Und eure Schädel spiesse ich für alle sichtbar vor der Höhle auf!“ sprach sie fluchend aus, sich sicher, dass niemand sie hören konnte.


Sie machte sich keine Gedanken mehr, wieviele es waren. Sie wusste nur eins, da wo Turiya war, war auch sie. Ob lebendig oder tod. Sie war bereit das Leid und den Schmerz mit ihr zu teilen. Und sie würde alles daran setzen, sie zu befreien. Sie drehte sich um und sah wenige Meter entfernt etwas Helles und Zerknittertes liegen. Sie ging darauf zu und hob es schnüffelnd auf. Es war der Lendenschurz von Turiya mit ihrem noch fast warmen milchigen Duft. Sie war sich nun sicher, Turiya lebt! 

Sie kniff ihre Augen zusammen, die erneut zu lodern begannen. Sie stiess wilde Flüche und grässliche Verwünschungen aus und über ihr bitterböses Gesicht breitete sich am Ende ein finsterhämisches Lächeln aus. 

 
Sie rannte hinunter, schnell zurück zu den Pferden. Mit einem kräftigen Sprung setzte sie auf Aisha auf. Dann stiess sie die Füsse Aisha in die Seite, spornte das kräftige schwarz-weiss gescheckte Pferd an. Schon bald hatte sie die grosse Höhle erreicht. Sie sprang ab wie im Fluge, rannte hinein. Die Pferde folgten ihr von allein. Der Hengst blieb aber draussen.


"Belite! Belite!" rief sie.


Belite hatte sie schon sehnsüchtig erwartet, sie konnte schon lange nicht ruhen. Nawatu war überfällig und hatte bereits eine Ahnung. Ihr war sofort klar, dass die Gegenwart der Pferde unmittelbare Gefahr bedeutete. Was sollten sie sonst in dieser Höhle. Die fremde Aquilonierin war auch nicht da. An Nawatus Gesichtsausdruck las sie die Verzweiflung ab. Belite war bewusst, dass was schreckliches passiert war. Aber was war nicht schrecklich in dieser Welt ?Mal sehen, ob sie erst um den Brei herumredet, wie sonst auch, dachte Belite insgeheim. Sie braucht das, um ihre Gedanken zu ordnen und Mitra sei Dank nicht um zu lügen.


„Du siehst aus, wie eine Mumie“, sagte Nawatu. Denn Belite war noch immer nahezu vollständig von Verbänden umwickelt. „Danke, das war dein Werk,“ erwiderte Belite. "Aber sie sehen noch gut aus, es sickert nichts mehr. Wir können sie entfernen. Bis auf das Bein." "Und den Rippenbrüchen", wandte Nawatu ein. Belite schluckte. "Und du? Ziehst du denn jetzt gar nichts mehr an? Wie eine Eingeborene ?“  Nawatu schaute etwas beschämt. „Dafür hatte ich keine Zeit“, antwortete sie etwas trotzig „Puh, das hört sich nicht gut an. Was ist passiert?“ Belite griff nach Nawatus Hand. Die Blicke ihrer grünen Augen hüllten Nawatu ein. Nawatu schaute nun erschöpft und niedergeschlagen. „Während du die Verbände wechselst, kannst du alles erzählen.“ Sie fragte nicht nach ihrer Begleiterin. Sie kannte Nawatu nur zu gut, sie würde durchdrehen. „Die Verbände mach ich später. Wir essen jetzt was. Dann muß ich wieder los.“ „Und wer sagt mir, dass du lebendig wiederkommst?“ Nawatu schaute auf den Boden. „Pass auf, du erzählst mir alles, wechselst die Verbände später. Essen kann ich alleine. Verzichten wir auf die Rituale.“ „Ja, ich hab soviele Fragen.“ „Ach, soviele? Denke, es ist nur eine, der Rest klärt sich dann von selbst. Komm, du hast keine Zeit zu verlieren.“


Belite nahm sie in den Arm und zog sie auf ihr Lager. Nawatu liefen die Tränen nur so herunter und sie weinte. „Nawatu, man hätte dich nach einem Gebirgsbach benennen müssen.“ Sanft strich Belite ihr durch das Haar. „Du bist verletzt, aber es heilt unnatürlich schnell." Belite musterte Nawatus Brüste und die aufgequollenen verkrusteten Stellen an den Brustspitzen. "Es müssen sehr viele gewesen sein. Die Öffnungen waren sehr stark. Sie hätten auch für fünfzig gereicht, " sprach sie wohl auch laut für sich selbst . "Nawatu, zieh dir was über, wenigstens einen Lendenschurz. Gut, dann mach uns was zu essen, wir sind beide hungrig und du mußt dich stärken, wenn du kämpfen willst. Dein Schlangenring hilft dir jetzt nicht mehr. Der braucht jetzt erstmal eine Pause. Bei neuen Ringträgern ist seine Macht nach einer Schlacht erschlafft und träge." Nawatus Augen waren weitgeöffnet, schauten Belite erstaunt an. Belite wusste offenbar alles. Aber genau das hatte Nawatu auch von ihr erhofft.


"Bitte pfeif erstmal deinen sturen Fulgur, er will uns beschützen, draussen kommen Wölfe,"sagte Nawatu wie beiläufig. "Wölfe ? Hier ?" Sie pfiff, auf ihre unbeschreibliche Weise und man konnte die Hufe und das freudige Wiehern des Hengstes hören. „Fulgur!“ vor ihrer Liegestätte blieb er abrupt stehen, senkte seinen Kopf, stiess gegen den ihren. „Aua“ Belite griff nach ihm und er hob seinen Hals, zog sie hoch. Sie liess ihn nicht los. Belite strahlte. Sie hatte Kraft, war stark, obwohl sie noch so schwer verwundet war. Alles schien auf einmal vergessen. Sie stand nun auf ihrem Lager und konnte sich kaum halten. Sie stand auf einem Bein, hielt den Klumpfuss leicht angewinkelt hoch. Nawatu sprang ihr zur Seite. „Mein Fulgor, wir haben uns vermisst,“ dann Nawatu zugewandt, "ein paar Wolfsfelle würden auch nicht schaden. Immerhin könnten wir sie im nächsten Dorf tauschen oder verkaufen. Natürlich erst Morgen - mit Turiya!" 

Mit einer Hand hielt sie Fulgors Ohr und klopfte mit der anderen seinen mächtigen Hals, was mit den steifen Wickelungen der Verbände sehr skurril aussah. Nawatu lachte endlich wieder, denn Belite gab ihr die Geborgenheit, die Selbstsicherheit und das Gefühl schon morgen mit Turiya erneut zusammen zu sein. "Hört endlich auf ihr beiden!" rief sie, "das ist ja nicht zum aushalten!"  


Nachdem alles von Nawatu zubereitet war und die leckeren Dämpfe die Nasen verwöhnten, assen sie nun zusammen und sie genossen das Beisammensein. Der Hengst wich nicht mehr von Belites Seite. Er stand nur zwei Meter entfernt hinter ihr, kam manchmal näher ran, auch das gescheckte Pferd Nawatus Aisha. "Wir leiden alle unter Entzugserscheinungen,"stellte Belite genüsslich fest. "Das ist ja wie auf einem Ponyhof." Beide lachten kurz auf, dann wurden beide wieder ernst. Nawatu berichtete Belite alles – bis zum Filmriss und was sie danach festgestellt hatte. Auf Nawatus Schenkeln schlängelte ihre Schlange, die sie aus dem Korb geholt hattte. Die Schlange genoss sichtlich die Körperwärme und wurde immer ruhiger nach anfänglicher Aufgeregtheit..


"Pass auf, meine liebe Nawatu, ich gebe dir deine Erinnerung zurück. Du wirst sie neu durchleben. Dann wirst du sie bei dir tragen, wie jede andere Erinnerung auch. Ich versetze dich in Trance, so erhältst du sie zurück. Dann gebe ich dir ein paar Hinweise, wie du sie töten kannst, auch ohne Einsatz deines Ringes. Denn dass du eine kleine Kämpferin bist, die man bald überall fürchten wird, das habe ich von Anfang an gewusst. Du, wo du einst ein einfaches Hüttenmädchen warst, geknechtet von deinen Eltern und der ganzen Sippe, der du geopfert werden solltest. Du, die in der Wildnis umherstreifte und mit den Tieren dich unterhieltst. Nintu, hat dich entdeckt, deine kindliche Natürlichkeit und dein unverfälschter Verstand hat sie beeindruckt. Deshalb hat sie, die Schlangengöttin, dich in ihr Herz geschlossen. Und ich auch."

Belite hielt für eine Moment inne, atmete tief durch. Ohne Nawatu konnte sie sich ihr Leben nicht mehr vorstellen. Dann fuhr sie weiter.

"Deshalb gibt dir der Ring diese unermessliche Kraft. Aber auch Weisheit wirst du erlangen, je länger diese Kräfte auf dich wirken. Du wirst in einer Weise reifen, wie es ein gewöhnlicher Mensch nicht vermag. Ja, du wirst vielleicht auch mich dann überragen. Ich fürchte es nicht, denn wir sind eins. In Mitra und Nintu finden wir zusammen. In dir tritt Nintu nach aussen in Erscheinung, wenn die Gefahr am grössten ist. Nintu wird dich leiten mit der Intelligenz und geschmeidigen Eleganz der Schlange. Nenne deine Schlange nach ihr, denn sie ermöglicht und verstärkt ihre seelische Gegenwart. Die Ringzauber kehren dann schneller zurück. Sie wird dir immer folgen. Sie ist heilig. Belite richtete ihren Oberkörper auf, nahm die Schlange mit beiden Händen, hob sie in die Höhe, dann küsste sie sie auf ihre züngelnde Schnauze. Kein Zischen, keine Gefahr. Nawatu war wieder sie selbst und staunte mit offenen Mund. Nun kroch die Schlange die Schulter und den Hals von Belite entlang, dann zischte sie zu Nawatu rüber, duckte sich und glitt an Belites Arm herab zu Nawatu, legte sich in ihren Schoß. Belite und Nawatu lächelten sich an.


"Und ich hoffe so sehr, dass deine Turiya für dich so ist, wie du sie beschreibst und nicht, dass es nur eine flüchtige Verliebtheit ist. Aber selbst die ist dir so sehr gegönnt. Ich wünsche euch, dass ihr gemeinsam noch viele glückliche Tage verbringen werdet. Turiya wird zu uns gehören – eine wahre aquilonische Kriegsamme können wir wirklich gut gebrauchen. Und ein gute Bogenschützin als Jägerin  sowieso. Bei Mitra – sie ist ein Geschenk unserer Göttinen selber. Schon allein ihr Name ist gewaltig, das kann kein Zufall sein. Und das ihr Feuer und Flamme seid. Was geschieht, geschieht in Nintus und Mitras Namen. Sie wollen sich wieder vereinen - auch in euch. Uns stehen gewaltige Dinge bevor." Belite wußte genau um ihre Worte. Nawatus seelisches Gleichgewicht war wiederhergestellt. Ihre Augen leuchteten und der ockerfarbenen Schein blitzte dabei gelegentlich hervor. Sie fasste Belite ins seidige Haar, den freien Arm entlang, fühlte die Haut und streichelte sie immer wieder. Belite verschwieg ihr, dass auch in den schönsten Stunden Nintu erscheinen könnte, also nicht nur in grösster Gefahr. Sie wollte nicht, dass Nawatu sich um Turiya deswegen Sorgen machte. Doch Belite war sich sicher, dass Nintu Turiya bereits bei dem Gemetzel an der Grotte akzeptiert hatte, sonst wäre sie schon tod. Sollten sich Nawatu und Turiya wirklich lieben, würde Turiya eine traumhafte Liebesnacht erleben, wie sie für einen Menschen nicht vorstellbar ist. Belite schien, dass Turiya dies aber durchstehen und auch Nintu Befriedigung schenken würde. Alles andere wäre ein Schreckgespenst und Belite blendete jeden weiteren Gedanken daran aus.


Belite richtete sich nun auf, ergriff die Hände Nawatus. "Schau mich an Nawatu, ganz tief in meine Augen hinein. Der grüne Blick Belites hüllte sie ein, wie damals, als sie sie zum erstenmal traf, betäubte sie. Belite setzte nun ihre magischen und schamanischen Kräfte ein, als einstmals erste Seherin von Venoyha, als der man sie kannte und um ihre Kräfte man sie fürchtete und sie jetzt als Hexe verfolgte. Nawatu verfiel einer hypnotischen Trance und durchlebte die Schrecknisse des Tages und ihre eigene Verwandung noch einmal. Sie sah sich selbst und Turiya, die bestialischen Schlangen und die grausame Vernichtung der Menschenfresser. Belite, die nun alles selbst mitverfolgte, wie ihr eigenes Erleben, wurde klar, dass der Ring seinen Träger wirklich gefunden hatte. Nawatu war auf Anhieb gelungen, was manchen Set-Priestern bei höchster Anstrengung nicht gelang. Sie hatte nur durch ihre Gabe erreicht, was diese erst nach langem harten Training bewirken konnten. Nawatu war die Auserwählte, sie würde ganze Heerscharen in Panik versetzen. Das war nur der Vorgeschmack der schrecklichen Kraft der Ringes, aber an der Seite der Naturgöttin Mitra und ihres heiligen Schutzringes gebunden, war er unter gütlichen Einfluss. Die Schlangengöttin Nintu und die Naturgöttin Mitra waren wieder vereint. So schien es ihr, aber vermutlich war es dazu noch zu früh, dies zu beurteilen, noch war es nur das Band der Ringe, die sie wieder zusammenführten. Grausames Menschenwerk hatte sie getrennt. Wieder vereint waren sie eine Macht, die sich gut behaupten konnte im gnadenlosen Krieg gegen die dämonischen Kräfte der Unterwerfung und Zerstörung. Jetzt hatten sie Stärke gewonnen und Furcht würde ihre Feinde ergreifen, sobald sie davon erführen. Und diese würden nun sie beide und somit auch Turiya als wirklich ernste Bedrohung ansehen und gegen sie zum Kampfe rüsten, sie unbarmherzig verfolgen.


Nawatu kam wieder zu sich als Belite sie aus der Trance entliess.


"Na," Belite liess sich auf ihr Lager zurückgleiten. Nawatu fasste sich. "Deine Gedanken sind jetzt klarer. Ich habe noch etwas nachgeholfen, damit du nicht den Verstand verlierst, denn das kannst du jetzt nicht gebrauchen", fuhr Belite fort. Nawatu sass nun aufrecht da und nickte. "Ich bin stolz auf dich, Nawatu", sagte Belite. "Dein Ring wird dir nicht helfen können. Er benötigt etwas Ruhe, wird dann aber stärker sein. Ich werde dir erklären wie du es selbst schaffst. Denn ich weiss, wie man ein feindliches Lager überwältigt. Befolge die Ratschläge gut und du wirst Turiya befreien. Ich hoffe, dass sie noch am Leben ist. Es wird sehr schnell gehen, wenn du alles richtig machst. Danach kommt ihr beide zurück und erst dann brauchst du meine Verbände wechseln. Das dauert jetzt alles viel zu lange. Andernfalls kämst du jetzt sowieso zu spät."


Nawatu nickte erneut und schaute traurig auf den Boden, dann zu Belite. Belite erklärte ihr nun, wie man unbemerkt in ein feindliches Lager eindringen, wie man unbemerkt in die Höhle gelangte und wann und wo man am sichersten zuschlagen konnte. Nawatu staunte nicht schlecht und wurde zuversichtlicher, es mit den brutalen und starken Anführern der Menschenfresser im Kampfe aufzunehmen. Sie, die eigentlich ein geknechtetes Dorfkind und mit der Natur verbunden war und mit Schlangen spielte. Sie würde nun ihnen, die hunderte, vielleicht tausende Menschen mit eigenen Händen brutal gequält, im Kampfe getötet, geschändet und verspeist oder versklavt hatten, den Todesstoss versetzen. Welch eine Ironie des Schicksals. Welch ein Lächeln der Götter dank der überlegenen Kampferfahrung und Kriegsweisheit Belites. Beim Himmel Turiya erlösen und befreien können. Wahnsinn, Traum und Liebe lagen so dicht beieinander, wie die Wirklichkeit.


Sie konnte es kaum fassen, in dieser Weise handeln zu müssen, aber sie war fest entschlossen genau das zu tun. Belite sagte dann: "Du und Turiya, ihr werdet euch nachher noch viel besser verstehen, denn als Kriegsamme, weiss sie um diese Dinge. Sie wird dich als Gleiche anerkennen nach deiner Tat. Ihr werdet unzertrennlich, ihr werdet eins sein. Ich denke, ihr werdet euch lieben. Und mir ist es lieber, dass ihr euch liebt, als dass man euch zu Tode schändet. Vielleicht trefft ihr doch noch auf einen starken Mann mit Ehre und Gefühl. Eure Freundschaft wird er nicht zerstören. Er wird sie akzeptieren, wenn er weiss, wie schrecklich das Leben ist. Er wird euch sogar beschützen und lieben. Aber davon gibt es nur sehr wenige, aber wenn er kommt, dann wird er euch überwältigen in einem Rausch der Verliebtheit, wie es eben nur Männer mit uns anstellen können. Ich sage dir dies, damit du weisst, dass ich es gutheisse, was ihr beide tut und euch in meinem Herzen tragen und beschützen werde. Wir werden noch so manche Schlacht, so manches Ungemach gemeinsam bestehen. Denn Feinde haben wir, sie treiben uns entgegen wie der Sand am Meer. - Es wird ein kleiner Kampf sein, aber häufig sind auch die kleinen Kämpfe sehr entscheidend. Ohne sie gibt es keine grossen, denn das Grosse wird durch sie erst groß. Es sind wilde Krieger, die du, wenn du dich richtig verhältst, in einem Handstreich überwältigst. Sei wie die Schlange, die in dir wohnt. -  So, nun ab mit dir ! Es ist dein Kampf deines Lebens und um deine grosse Liebe."

Montag, 28. Dezember 2009

Belite III: "Die Fremde"

Als Belite ihre Augen öffnete, schaute sie in die vor lauter Freude überquellenden Augen Nawatus. Das freudige Lachen von Nawatu rief sie aus düsteren Gedanken. So ein glücklich strahlendes Gesicht hatte sie an Nawatu noch nie gesehen, dabei war Nawatu kein Kind von Traurigkeit, trotz allem was man ihr angetan hatte. Sie hatte hübsche leicht gewölbte Wangen, ein etwas leicht hervorgehobenes Stirnbein, wohl von einer früheren Verletzung aus ihrer schlimmen Kindheit und einen offenen, aber stets kritischen Gesichtsausdruck. So schwarz und fröhlich wie sie sein kann, bei Mitra, ich muß auf sie aufpassen, war Belites erster Gedanke.

Belite war sich aber nicht sicher, was sie insgesamt davon halten sollte und was überhaupt vorgefallen war. Sie mußte husten. Ihr ganzer Hals und Mund war trocken. Nawatu sprang auf und rannte los. „Nawatu, bitte bleib !“ Sie hustete weiter, konnte den Reiz nicht mehr kontrollieren und Nawatu hockte, bereits zurück, ganz dicht vor Ihr und Limonenduft durchströmte Belites Nase. „Hier, trink ! Ganz vorsichtig “ Ein wunderbar erfrischendes und kühlendes Gefühl durchströmte ihren Mund, den Rachenraum, die Kehle hinunter bis in den Magen. „Frischer Heilbeerensaft mit Gletscherwasser“ sagte Nawatu. "Riecht aber nach Limone", bemerkte Belite. "Das bin ich, meine Hände riechen nach Limone", erwiderte Nawatu und strahlte noch immer. Diese fröhliche Stimmung umfasste ihr ganzes Wesen und war unwiderstehlich, wie Belite schien. „Ein ganz neues, Geheimrezept“, fuhr Nawatu fort, „ich nenne es den Höhlentodtrunk“, Nawatu lachte heiter auf. „Oder was meinst du zu dem Namen ?“

Belite mußte leise mit ihrem Verstand ringend in sich hinein lachen, spürte die Schmerzen noh intensiver mit jedem zuckenden Lachreiz an der Brustseite und dachte, dass Nawatu nie erwachsen werden würde. Aber vielleicht sei das auch besser so. „Ist dir sehr gelungen, schmeckt fabelhaft. Hör auf, es tut weh,“ meinte es nicht so und griff nach dem Trinkbeutel und setzte beidarmig zu einem langen ausgiebigen Zug an. Ihre ernste Miene wich allmählich einer heiteren Gelassenheit.

„Sag mal, woran kannst du dich erinnern?“ „Ich habe mit Dir gesprochen unten am Ende eines Höhlenganges, danach weiß ich nichts mehr, ich war besorgt um dich, dass du es nicht alleine schaffen könntest, ich dachte, ich müßte sterben.“

Sie kam nicht mehr weiter, denn mit einem Satz stand Nawatu auf den Beinen, drehte sich im Kreis um die eigene Achse, lachte laut auf, sprang in die Höhe, ja fing an zu tanzen, wie es nur Nawatu so traumhaft vermochte, doch es wirkte in dieser Situation so irrwitzig und so komisch, sodass Belite erneut unwillkürlich auflachen mußte und dachte bei sich, was ist nur mit ihr los ?

"Ich fühle mich schon etwas besser," stellte Belite anerkennend fest. Nawatu wandte sich ihr zu und nickte freudig. "Wer soll dich sonst aufheitern ?"

Und schon saß Nawatu im Schneidersitz wieder direkt ganz dicht neben ihr mit dem Blick zu ihr hingewandt, sodass ihre Schenkel ihr Becken berührte, sie ihre Körperwärme spürte und ihren Körperduft, eine Mischung wie aus Moschus, Wiesengrün und Limone zog in ihre feine Nase. „Dann ist doch alles in Ordnung, wenn du noch weißt, was vorher war. Aber das war nicht unten, sondern schon hier oben in unserer Höhle. Du hast dich bis zum Eingang hierher hochgeschleppt, was ziemlich an ein Wunder grenzt.“ Sie zeigte zur rechten Seite auf die Öffnung in etwa funfzig Meter Entfernung. „Hm, das habe ich nicht mitgekriegt, nur dass ich mit dir geredet habe, wie in einem Traum. Ich weiß nur, dass ich mich schon über einen Tag durch die Gänge quälte nachdem der Kampf vorüber war und ich wohl wieder zu Sinnen kam oder eben träumte. Nichts schien mir mehr wirklich wirklich.“

„Warum haben sie mich nicht verfolgt und getötet ?“ „Bist du irgendwo runtergefallen ?“ „Ja, an einem Felsvorsprung erwischte mich erneut so ein verwunschenes Ungeheuer mit einem mächtigen Schlag in der Seite und ich fiel hinab, etwa nur vier bis fünf Meter tief in einen Spalt.“ „Wie bist du da denn rausgekommen ?“ fragte Nawatu. „Ach der Spalt verlief wie eine Röhre und mündete direkt zu einem Pfad. Aber es lauerte dort niemand, womit ich eigentlich gerechnet hatte.“ „Ja, dann waren sie wohl nur zu faul oder froh dich los zu sein.“

Und Nawatu lachte freudig und gut gelaunt lauthals auf. Ihre Heiterkeit war richtig ansteckend und Belite erhellte es so wohltuend das Gemüt. Wer hatte ihr Nawatu nur geschickt ? Die Mitra-Göttin selbst ? Oder die Schlangengöttin Nintu, der erst drittklassige Set-Priester ungewollt zur Wiederaufstehung verhelfen sollten ? Und wieso ausgerechnet Nawatu, ein unschuldiges naturverbundenes Mädchen hier in Venoyha weit ab von umkämpften den heiligen Stätten ? Ihr wurde wieder bewusst, welche Verantwortung für Nawatu auf ihr lag und welche Mächte sich um sie versammelten.

Oh, nein, was wird das nur wieder alles geben ? Nawatu, ein lieber Mensch, der genau ihre eigene Stimmung traf und aufdeckte. Und rabenschwarz noch dazu mit ihren zotteligen Haaren. Was ist das nur eine verrückte Welt ?

„Was meinst du wohl, wie lang du hier bist ? Wie lange du geschlafen hast mit schlimmen Fieber und Albträumen ?“ „Mit Fieber und Albträumen? Dann muß alles was ich danach in Erinnerung habe geträumt sein.“ Belite wollte sich erheben, nur das ging nicht, ein erdrückender Schmerz durchfuhr ihre Glieder, sodass sie wieder zurückfiel auf ihr Lager und auf Nawatus Hand, die sie geschwind auffing und abfederte.

Nawatu schaute für einen kurzen Moment sehr ernst, aber dann erfüllte sie wieder Fröhlichkeit. „Hinter deiner rechten Brust ist eine tiefe Wunde wohl von diesem Ungeheuer“ Belite fühlte vorsichtig an die Seite auf die große Kräuterauflage. „Sehr tief?“ „Sehr tief“ kam es trocken und diesmal bitter zurück.

„Wie lange?“

Belite schaute ihren Körper hinab, der stark, fast total zugedeckt war von verschiedenfarbigen Kräuterheilpasten und Heilbandagen. Ihr linker Fuß war fast völlig steif und eingebunden.

„Oh, nein !“ Belite rang um Fassung, das Ausmass ihrer Verletzungen wurde ihr allmählich klar ins Bewusstsein gerufen. Nawatu fasste sie ganz zärtlich, aber fest. „Bitte nicht,“ appellierte Nawatu. Es war soviel Traurigkeit und Mitgefühl in ihrem Blick, das Lächeln war verschwunden. Belite holte immer rascher Luft, versuchte dagegen anzukämpfen, aber erst vereinzelt schmerzhaft und dann zunehmend mehr liefen Tränen aus ihren geröteten und geschwollenen Lidern die Wange entlang. Das erste Mal seit ewig langer Zeit.

Nawatu beugte sich über sie, fasste Belites Kopf von beiden Seiten, rieb sanft Wange an Wange. Belite fühlte nun auch das weiche Wasser von Nawatus Tränen. Sie fühlten ihren gegenseitigen Herzschlag und ihre Körperwärme. Dann weinten beide in dieser umarmenden Haltung für einen Moment.

„Sag mir, bitte, ist noch alles da ?“, fragte Belite nun zaghaft und sogar ängstlich. Von der stolzen Würde einer Kriegerin war nichts mehr zu spüren, fasste dabei auf die große Bandagen um ihre Brust. Sie war nun ganz Frau voller Gefühle und Sehnsüchte. „Ja, alles,“ flüsterte Nawatu, noch immer leise schluchzend. „Wie werde ich nur später aussehen ? Ich sah doch nicht schlecht aus ? Sag mir, wird es jemals wirklich wieder ? “

Nawatu fasste sich und fand zu ihrer vorherigen Sitzhaltung zurück. „Ich glaube ja, verzeih mir, du bist die erste weisse Frau, der ich begegnet bin, ich weiß nicht, ob Weisse überhaupt gut aussehen können, es hiess immer sie seien häßlich, aber du bist schön, voller Würde und Weiblichkeit, dich mochte ich von Anbeginn. Du wirst es bleiben, ganz bestimmt, so wie ich,“ erwiderte Nawatu.

Belite dachte an den schrecklichen Zustand Nawatus, als sie sie befreite und beruhigte sich wieder ein wenig, obgleich ihr der Gedanke nicht gefiel. „Ich weiß, dass die Weissen sehr häßlich sind in euren Augen und manchmal denke ich es auch, aber du wirst sehen, nicht alle. Ich bin doch auch nicht häßlich.“

Nawatu schaute bedrückt auf den Fußboden, „Du bist auch eine Ausnahme“, rieb sich die Augen und wischte sich die Wange.

„Und mein Fuß, mein Bein?“ Belite richtete sich nun wieder entsetzt auf, blickte bis zum Ende ihres Körpers hinab, fiel aber gleich nach hinten und Nawatu fing sie erneut auf, liess sie langsam hinabsinken. „Mit einem Klumpfuß ist doch alles vorbei. Soll ich dann nur noch in einer Hütte vor dem Kochtopf stehen ? Oder Bäuerin werden? Lieber bringe ich mich um.“

„Soll ich ehrlich sein ?“ erwiderte Nawatu. Belite schaute starr an die Decke auf die bizarren Konturen der Felswölbungen im Halbdunkel, nickte und drehte ihren Kopf weg zur anderen Seite, gefasst auf das, was nun folgen würde. „Ich wollte ihn erst abhacken, war überfordert, aber dann, ich hatte das Beil schon geholt, sah ich, was ich probieren konnte. Nun dein Fuss ist noch da. Aber du spürst nichts außer Druckschmerz. Die Gefühle werden wohl noch später richtig zurückkommen, wenn ich nichts falsch gemacht habe, und du wirst wieder laufen können. Aber mit der Hetzjagd ist es vorbei. Doch kämpfen wirst du können. Sicher. Fühlst du denn gar nichts, als ob der Fuß weg wäre?“

„Doch, doch, er klopft und pocht, spannt, dann ist er wieder völlig taub. Ich kann ihn nur nicht bewegen.“ „ Los, zeig es mir, dreh ihn nach links und nach rechts. Los!“ "Bist du verrückt geworden ? Du gibst mir Befehle? Du Mohrenkopf!", empörte sich Belite. Nawatu verdrehte ihre Augen, nickte mit langgezogenen Mund. "Ja, los! Versuch es! Bitte." Belite atmete tief durch, schüttelte den Kopf, blinzelte hinunter und strengte sich an. Tatsächlich ganz langsam spürte sie die Bewegung und die Muskelanspannung zog ihr Bein hinauf, wie ein harter Strang bis zum Unterleib. Aber es ging. Der Fuß bewegte sich ganz langsam und wenige Zentimeter. „Es geht“, sagte Nawatu. „Es geht ja. Noch mehr !“ Der Fuß bewegte sich weiter und Belite lief von der Anstrengung der Schweiß von der Stirn. „Ja, jetzt auch nach rechts. Andersherum. Es geht. Genau, siehst du das auch ? Es geht. Nochmal.“ Belite hielt sich etwas höher mit dem linken Arm gestützt, schaute eisern hinab zum bandagierten Fuß. „Versuch es nochmal. Ja. Nochmal. Es geht doch,“ immer freudiger und überzeugender war der Klang von Nawatus Stimme. Der Fuß bewegte sich nun schneller und weiter.

Beide lächelten auf einmal wieder. „Ich kann nicht mehr.“ Belite sank erschöpft und pustend zurück. „Der Knochen war nicht ganz durch, nur angeknackst, deshalb wurde der Fuß immer dicker. Schlimm war der eine Muskel. Du mußt ihn ruhig halten, aber so oft du kannst bewegen.“ Belite lachte in sich hinein, was hab ich ihr nur beigebracht ? „Oh, bei Mitra, Nawatu!“ Dann jauchzte sie freudig aus sich raus.

„Wie lange ?“

„Es waren sieben Tage mit kurzen Wachphasen ohne wirkliches Wachsein. Ich dachte schon, du würdest es nicht mehr schaffen. Ich habe ständig alles versorgt, so wie ich es von dir gelernt habe.“ „Ich glaube, du hast mehr geleistet,“ sagte Belite knapp. Nawatu hielt inne und mächtiger Stolz erfüllte sie. Dann fuhr sie fort. „Aber ich bin der glücklichste Mensch auf Erden, dich so wiederzusehen, sprechen und erleben zu können.“

Nawatu streichelte ihren Oberarm und küsste sie ganz sanft auf die Stirn. „Ich muß nachdenken und ich bin hundemüde. Total benommen.“ „Du stehst auch unter Droge,“ sagte Nawatu knapp, „Du würdest es sonst nicht aushalten.“ „Wir werden dann wohl noch etwas länger hier verbingen,“ stellte Belite ernüchtert fest. „Bestimmt,“ erwiderte Nawatu. „Es wird eine lange Zeit sein. Viele Monde. Eine ganze Jahreszeit. Doch sag, werden die Dämonen nicht hierher kommen ?“ „Nein, sie werden uns in Ruhe lassen, sie wissen, dass ich zurückkommen werde. Sie brauchen mich nicht zu holen. Nur wird es ein Wiedersehen sein, das sie verfluchen werden. Das denken sie natürlich nicht. Außerdem meiden sie den Aufstieg. Man müßte sie schon locken oder ihr Herrscher befiehlt es. Nur dazu gibt es keinen Grund, sie haben schliesslich gewonnen.“

Nawatu blickte nun tief traurig nach unten. Belite wendete ihren Kopf Nawatu zu, schaute fest mit grünlichen Blick in Nawatus Augen, entdeckte das leicht glühende ockerfarbenen Funkeln im Blick Nawatus. Bei Mitra, das weiß ich nun, ohne sie wäre ich wohl tod, dachte Belite, so treu, standhaft und lieb wie sie ist, ich muß es ihr jetzt sagen, ich bin mir jetzt sicher.

„Nawatu, öffne das Amulett meiner Halskette.“ Nawatu nahm etwas verwundert das Amulett in die Hand und tastete daran herum. „Nun mach schon, die beiden Riegel mit etwas Druck.“ Nawatu presste kerbend in ihre Fingerspitzen an den kleinen Riegeln und das Amulett sprang auf. „Von den drei Ringen, nimm den schwarzen gedrehten mit dem Schlangenmuster. Es ist ein Schlangenring eines Hohen Priesters des Set. Ich erhielt ihn, ihn zu verwahren und außer Landes zu schaffen. Nun, denke ich, erfüllt er bei dir seinen Zweck, er wird dir in Bedrängnis magische energetische Kräfte verleihen, wenn du ihn küsst und dich dabei konzentrierst. Andere müssen dafür magische Beschwörungsformeln lernen. Du brauchst das nicht. Nawatu, denn du bist auserwählt."

"Ich ?" Nawatu zeigte auf sich selbst. Mund und Augen waren weit aufgerissen. "Mund zu, ich erklär dir was," Belite musste sich konzentrieren. "Er wird dich verwandeln und dich führen bis die Gefahr vorrüber ist. Danach wirst du dich kaum an etwas erinnern. Aber umso erleuchteter dein Bewußtsein wird, desto stärker wird deine Erinnerung und damit deine Macht. Setze ihn nur ein, wenn du unmittelbar in Gefahr bist oder anderer Leben gewaltsam retten mußt. Stecke den Ring auf den rechten Ringfinger.

"Ich vertraue dir mein Leben an. Der Ring wird in dir eine Seele wecken, die im Verborgenen in dir schlummert und deine Blicke aufflackern lässt und weshalb du sterben solltest. Deine Kräfte werden deshalb weitaus stärker sein, als die eines Hohe Priesters. Und wachsen. Die Set-Priester Stygiens wollten ihn besitzen um ihre Macht zu vergrößern. Ihre Statthalter, die Set-Priester hier in Venoyha sind nur armseelige Vorposten und wissen nicht wirklich um die wahren Dinge. So verbarg sich ihnen deine wahre Seele. Und die wahre Kraft, die in dir schlummert. Es ist die uralte Kraft der Schlangengöttin der Wiedergeburt und der Unterwelt. Viele nennen sie Nintu. Niemand weiss wie sie wirklich heisst. Sie ist die dunkelfarbene Göttin der Nacht und die Todesgöttin der Schlacht, die sich am Blut der Gefallenen weidet. Sie verfällt dann in Trance."

Nawatu war wie bleich, es stockte ihr der Atem, sie hatte das Gefühl ihr Herz bliebe stehen und darin würde sich etwas Neues bilden.

"Oh, bei Mitra, ich bete dich an, es bleibt mir keine Wahl. Lasse uns Blutsbande auf ewige Treue und Freundschaft schliessen, lasse uns die Adern kreuzen und in uns nur ein einziges gemeinsames Blut fliessen. Nawatu, ritze unser beide Arme auf und lasse sie uns pressen und unser beider Blut kosten.“ „Aber du hast soviel Blut verloren!“, platzte es aus Nawatu heraus. „Still, die paar Tropfen sind doch jämmerlich,“ erwiderte Belite erbost. „Es reinigt", fuhr sie dann wieder ruhig fort. Stirnfaltend fügte sich Nawatu, nahm ihren Dolch, ritzte erst sich, dann zuerst zögerlich und schliesslich fest entschlossen Belite. Beide fassten sich die Hände und drückten ihre Arme und ihre Zungen leckten gegenseitig das fliessende Blut. „Dies wird unseren Bund für alle Zeit besiegeln. In der Satteltasche ist eine Kette für dich mit einem Amulett. Das mußt du tragen, wenn du den Ring benutzt, am besten du trägst beides immer. Auch darin ist ein Ring, ein mitranischer Schutzring, den du neben dem Schlangenring auf dem Mittelfinger tragen mußt. Nehme ihn niemals ab. Er wacht über dich und den Schlangenkräften. Dieser uralte venoyanische Ring unserer Naturgöttin Mitra hält das Gleichgewicht deiner wachsenden Kräfte und dass sie Gutes tun. Beide Ringe zusammen erneuern die Bande der wahren Ur-Gottheiten. Mitra und Nintu waren einst vereint bis zum grossen Krieg der Fanatiker und der Götter. Nur dies alles kann ich dir heute nicht mehr erzählen. Das schaffe ich nicht.

Belite stöhnte, kämpfte aber gegen die ermattende Erschöpfung verbissen und eisern an.

"Hol es, Nawatu.“ Nawatu schaute etwas ungläubig und benommen, war aber im Innern außer sich vor Freude und glücklich. Als Nawatu wiederkam mit der Kette um und den Ringen aufgezogen, blieb sie vor Belite stehen. „Hm, ich spüre aber nichts. Ausserdem sehen beide Ringe grottig aus, kratzen und der hier hat hässlichen Grünspan.“ Sie fasste mit der hand auf den Ring, hob den Finger um es zu zeigen. Nawatu blickte missmutig auf ihre ausgestreckte Ringhand. Belite schloss die Augen, verzog ihre Miene, sodass ihr Mund sich breit gespannt, ihr Gesicht sich zu einer Fratze verzerrte und schüttelte den Kopf. Gleich platze ich, dachte sie bei sich. Manchmal könnte ich sie zerreissen. „Das ist auch gut so“, sagte Belite mühsam kontrolliert und ihre Fassung beherrschend. „Beide sollen nicht wertvoll aussehen, sondern sind es. Nawatu, wahre Werte glänzen nicht. Räuber und Herumtreiber werden sich nicht dafür interessieren. Das wirst du noch sehr zu schätzen wissen. Nur wer die wahren Geheimnisse kennt, wird sie dir abjagen wollen. Ich kann dir nicht alles heute erklären, aber tue, wie ich es dir gesagt habe. Sage zu niemanden was.“ Belite schaute sie energisch verfinstert an. „Zu niemanden! Hörst du!“ Nawatu nickte traurig. „Schwöre es!“ Nawatu kniete vor ihr. „Du sollst vor mir nicht knien! Verdammt noch mal. Sag, du schwörst es und stell dich hin dabei. Du bist doch kein Sklave! Nawatu du bist kein Untertan!““ Nawatu schwörte nun aufrecht, wie es Belite ihr beigebracht hatte. „Und warte ab bis du sie wirklich brauchst. Dann wirst du mehr erfahren. Wir sprechen uns dann wieder oder wir werden alle sterben.“ Belite fasste sich total erschöpft mit einer Hand an die Stirn schützend vor die Augen. Atmete tief stöhnend und völlig erschöpftaus und sackte regelrecht zusammen.

„ Aber sag, bitte, warum kommt hier niemand ? Die Höhle ist so groß und ich konnte draussen sogar jagen und ganz ungestört Beeren pflücken. Tiere sind draussen schon, wie sonst überall auch.“ „Ja, ich weiß, murmelte Belite. Ach, Nawatu, dich kann man nicht ernst nehmen – nur lieben. - Mit den Tieren verstehst du dich gut. Menschen kommen nicht hierher. Die Höhle ist voller Geister, verflucht und fürchterlich. Selbst der große multiple Set hat hier eine seiner vielen Seelen verloren. Niemand sollte, wenn ihm das Leben lieb ist, diese verdammte Höhle der Finsternis betreten. Sie ist sein sicherer Tod.“

Zugleich hielten beide in Anbetracht der Antwort für einen Moment inne, hörten noch einmal ob der letzten Worte in sich hinein, dann lachten beide gleichzeitig laut auf. Nawatu beugte sich vor Lachen und schüttelte sich, sodass ihre Tränen umherschwirrten. Und Belite hielt ebenso laut lachend mit ihrem verletzten Arm ihre Seite und mit dem anderen Armrücken auf ihre Stirn, um nicht gänzlich die Kontrolle zu verlieren. Die durch das Lachen ausgelösten Schmerzen waren ihr egal.

„Welch ein Irrsinn!“ rief Belite schallend, schloss glücklich ihre tränenden und grün funkelnden Augen und seufzte tief:. „Oh, bei Mitra, wir sind göttlich!“

Nawatu sah wie Belite mit einem Mal fest einschlief, diesmal aber mit einer ganz anderen Miene, völlig entspannt und mit einem Lächeln.

„So gefällts du mir viel besser. Ich danke dir so sehr. Du bist so unglaublich stark.“ Sie legte ihren Arm auf Belites Bauch und streichelte sie. „Und du mußt mit diesen Geistern auch gleich kämpfen!“ sagte Nawatu. "Sie denken, sie haben gewonnen, denken sie haben dich getötet. Aber du lebst. Deshalb haben sie verloren." Sie sinnierte weiter. Sie ist so völlig anders. Sie ist noch Mensch geblieben, kein Priester, die alle so geheimnis- und wichtigtuerisch sind. Und doch weiß sie vom Glauben mehr, als alle zusammen. Wie kann das nur sein ? Ist das der Grund, warum Mitra ihr erschienen ist ? Und sie zur Hölle schickt und sie dies nur mit schlimmster Mühsal und Qual übersteht. Was ist bloß mit den Göttern los ? Sind sie denn alle verrückt geworden, so wie die Menschen auch ? Was steht uns noch alles bevor, wenn alles so beginnt ? Jetzt sind wir aus gleichem Fleisch und Blut. Sie ist zwar wie eine Mutter, doch sind wir jetzt auch wie Schwestern. Ich habe soetwas noch nie erlebt, aber eins weiß ich ganz bestimmt, über alles liebe ich sie.

Das Zischen eines Pfeils dicht an ihrem Kopf vorbei riss Nawatu aus alle Tagträume.

Instinkt- und geistesgegenwärtig rollte Nawatu blitzschnell und geschmeidig wie eine Katze zur Seite zum Feuer, fasste den Speer, sprang mit einem mächtigen Satz möglichst weit und rollte rückwärts zum hohen Gepäckstapel währenddessen ein Pfeil ins Feuer stob, Funken sprühten und Qualm in einer Wolke von Aschestaub hochging. Der nächste Pfeil schoss von hinten an Nawatus Wange ganz dicht vorbei und schlug neben ihren Kopf in die Rucksacksatteltasche vor ihr ein. Nawatu überkam ein kalter Schauer und sie hockte ganz tief hinter dem Stapel in voller Anspannung, bereit in jedem Moment mit ihrem Speer zuzustossen, außerdem hatte sie noch einen gebogenen Giftdolch für den Nahkampf mit dem man aber auch bis auf mittlere Distanz sehr gut werfen konnte. Nur wirklich gekonnt umgehen, konnte sie mit beidem nicht, sie war ja keine Kriegerin. In dieser angespannten Haltung lauerte sie nun, nahm aber keine Witterung auf und ihr Herz schlug wie eine Pauke im Trommelfeuer. Erst jetzt schaute sie außer sich vor Furcht auf ihre neuen Ringe und tastete eher unbeholfen und nervös daran.



„Ich stelle das Feuer ein. Ihr habt einen Verwundeten. Und seid allein. Es gibt keine weiteren Spuren“, rief eine tiefe Frauenstimme laut von weiter Entfernung zu ihr rüber. Es war fast der gleiche fremdartige Akzent in der Aussprache wie bei Belite. „Habt keine Angst. Ich bin kein Räuber oder Plünderer. Ich gehe jetzt zum Feuer und werde meinen Bogen senken. Ihr könnt dann aus der Deckung kommen. Dann werde ich den Bogen langsam niederlegen und erwarte dass auch ihr die Waffe sichtbar niederlegt. Gleichzeitig!“

Nun war Stille. Man hörte nur die normalen Höhlengeräusche und das gelegentliche Knistern vom Feuer. Dann hörte Nawatu die Schritte nahe beim Feuer etwa acht Meter entfernt. Die Frauengestalt mußte nun drei Meter von Belite entfernt stehen ganz nah beim Feuer. Nawatu überlegte chaotisch, was sie tun sollte und blinzelte durch einen kleinen schmalen Spalt am Rande des Gepäcks, den sie sich gerade mit ihren kleinen Fingern freigegraben hatte.

Tatsächlich, es war eine schlanke hochgewachsene junge Frau viel größer als Nawatu, aber vermutlich ungefähr so alt wie selbst vielleicht auch etwas älter. Sie konnte sie sehr gut erkennen. Sie war weiss, leicht gebräunt und ihre Haut schimmerte wie goldrötlich in dem Schein des Feuers. Sie hatte blonde kurz gebundene Haare, die hinten zu einem Dutt zusammengebunden waren. Kurze Strähnen fielen vor ihren kleinen abstehenden Ohren herab. Sie hatte feine weiche Gesichtszüge und einen großen breiten Mund mit vollen Lippen, eine breite hochgewachsene Nase, dunkle Augenbraune, gezeichnet von dunklen Augenrändern. Sie hielt vor sich herabgesenkt ihren aus westlichen Ländern stammenden stark geschwungenen Bogen aus mehrschichtigen glänzendem Edelholz. Braune geflochtene offene Stiefel reichten ihr bis zu den Kniescheiben. Sie trug einen bis an den hochgewachsenen Hals reichenden mittelbraunen halbarmigen Lederwams und einen dazu passenden kurzen, an den Seiten halboffenen Lederrock mit Schlitzen für sehr viel Beinfreiheit. Beide hatten schon viele Scheuerstellen und einige Risse. Sie trug um ihre schmale Taille einen Gürtel mit grünem Edelstein am Verschluss. Ihre Beine waren ebenfalls sehr lang und schlank, genauso wie ihre Arme. Man konnte im Feuerlicht die angespannten Muskelkonturen erkennen und einen großen dicken aufgeschrammten Bluterguß an der linken Oberschenkelseite und eine eine dicke Prellung am linken Oberarm und eine eitrige Wunde am Ellenbogen. Auf Nawatu wirkte sie einfach riesig, nicht massig sondern athletisch. Durch ihre schlanke durchtrainierte Statur wurde Ihre hervorspringende Oberweite stark betont, wirkte massig und viel üppiger als sie ohnehin schon war.

Sie stand dort ruhig und regungslos in einem leichtem Winkel zu Nawatu, schaute abgeklärt, auffallend desillusioniert vor sich hin und blinzelte zu Nawatu hinüber. „Wenn ihr nicht rauskommt, werde ich erneut schiessen, diesmal aber scharf auf Ziel. Nicht daneben. Ihr habt nur noch wenig Zeit,“ rief sie sehr gleichmütig drohend.

Nawatu, mit solchen Situationen sehr wenig vertraut, beendete das verzweifelte Grübeln und zog sich aus ihrer hockenden Position an ihrem Speer ganz vorsichtig mit ihrem rechten Arm hinauf. Zuerst nach vorne geduckt, dann stand sie aufrecht in Verteidigungshaltung und den Speer für den Hüftwurf ausgerichtet. Die Fremde konnte sie wohl ausmachen, aber kaum richtig erkennen wegen ihrer so dunklen Hautfarbe. Das Feuer reichte nur sehr spärlich flackernd aufhellend hierher. Selbst dann war Nawatu nicht richtig zu sehen außer ihre leicht schimmernde Gestalt. Die bronzene Speerspitze hingegen war klar funkelnd zu erkennen.

Und vermutlich auch ihr nun aufleuchtendes ockerfarbenes Augenlicht. Nawatu muß so auf die Fremde im ersten Moment wie ein menschgewordener Höhlengeist gewirkt haben. Nawatu spürte die abrupte Veränderung in der Gesichtsmimik der Fremden. Ihre Haltung blieb aber unverändert. Sie hätte schon längst zum schiessen ansetzen müssen, tat es aber nicht. Allmählich senkte Nawatu den Speer schräg abfallend ganz langsam zur Seite und fasste Vertrauen in die gefährliche, aber wohl nicht mehr bedrohliche Situation. Und tatsächlich die fremde Bogenschützin ging in die Hocke und senkte ihren Bogen auf dem Boden. In der Hand hielt sie die Sehne noch einen halben Meter hoch, schlug den ausgespannten Pfeil in den Boden und legte die Sehne darauf ab. Der Bogen stand nun schräg nach vorne zum Boden. Während sie das tat, legte Nawatu sich zur Seite wendend den Speer auf den Gepäckstapel. Und kam ganz aus ihrer Deckung hervor. Nun blieb sie vor dem Stapel stehen und ihre dunkelbraunen schlanken Beine hoben sich vom Hintergrund ab. So mußte Nawatu nun auch für die Fremde in voller Gestalt erkennbar sein, da Nawatu ja viel kleiner war und der Stapel ihr teilweise bis zum Halsansatz reichte.

Beide waren nunmehr mit Dolchen bewaffnet, die beide gleichzeitig sich beobachtend zur Seite einsteckten. Damit hob sich die gefährliche Spannung endgültig auf. Und Nawatu ging langsam aus der Dunkelheit zum Feuer auf die Fremde zu.

Nawatu selbst war sehr spärlich bekleidet, weil sie es in dichter Kleidung sehr unbequem einzwängend und lästig empfand und insbesondere seit ihrer Befreiung froh war, sich möglichst unbeschwert bewegen zu können. Seit diesen qualvollen Tagen und dem langsamen Heilungsprozess danach empfand sie sogar eine innere Abneigung gegen zu feste hochschliessende Kleidung, da sie dann immer das innere Gefühl des Erstickens überkam, zumal ihre vielen Narben häufig wundscheuerten und dann brannten und schreckliche Erinnerungen auslösten, sodass sie nur feinste zarte Wolle oder weiche Seide direkt an ihrer Haut tragen konnte. So fühlte sie sich auch nur in der freien Natur völlig wohl.

Die Höhle war, obwohl sehr tief gelegen, nie sehr kalt, und am Feuer war es unbekleidet sogar sehr warm und gut auszuhalten. So war sie fast völlig nackt.. Sie hatte nur einen feinen schmalen Lendenschurz aus seidiger Baumwolle und ihre lederbesohlten Bambusstoffschuhe an, sowie zierende Arm- und Handgelenkschützer mit buntgemusterten Seidenüberzug. Zwei Halsketten mit langen Knochenstücken, Reisszähnen, kleinen Edelsteinen und einem Amulett hingen ihr bis zum Brustansatz und lockten pendelnd wie Blickfänge die Sicht auf den Körperschmuck und und ihre unentwegt pendelnde wohlgeformte dunkle Brust. Sie hatte ihre Haare grünglänzend gefärbt und zu zwei Zöpfen nach hinten zur Seite fallend gebunden, sodass diese mit jeder ihrer Bewegungen hin und her schlenkerten, wie alles was an ihr beweglich war.

So kam sie der Fremden in ihrer kleinwüchsigen, aber bezaubernden Statur entgegen. Beide sagten nichts, keinen Laut. Auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers blieb Nawatu vor der Fremden nun genauso vom Feuerschein angestrahlt stehen.

Nawatu wirkte völlig selbstsicher und gelöst, obwohl noch immer ängstlich. Die Fremde schien verunsichert und harrte in unveränderter Haltung aus. Aber ihr desillusionierter Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Auch die zielgerichtete Gefährlichkeit in ihren Blicken war gewichen, ganz offensichtlich verdrängt von großem Erstaunen und Verwunderung.

Die fremde Bogenschützin betrachtete die kleinwüchsige, gelenkige und dunkelhäutige Erscheinung von Nawatu. Sie war wirklich so dunkel wie die Nacht. Sie hatte eine hochstehende Stirn, leicht hervorstehende Wangen, ein kurzes flaches Kinn, eine kleine niedliche Nase und einen hübschen Schmollmund. Ihre Zähne glänzten schneeweiß zwischen ihre Lippen. Sie hatte unheimlich faszinierende hellbraune Augen, die leicht mit einem ockerfarbenden Licht funkelten und eine beinah magnetisierende Wirkung ausübten, hielt man längeren Blickkontakt. Die Fremde wich ihr deshalb immer leicht aus.

Aber Nawatu strahlte keine drohliche Boshaftigkeit aus, vielmehr ganz unerwartet sogar vorsichtige Freundlichkeit. Trotzdem lief der Fremden ein Schauer über den Rücken.

Zwischen den birnenförmigen, wie Frucktglocken baumelnden Brüsten verlief die sehr große unregelmäßig breite und dicke Narbe quer vom Schlüsselbein bis zur Beckenseite. Die Narbe war verheilt, aber man konnte sehen, dass es lange gedauert hatte und die Wunde sehr tief gewesen sein mußte. Sie hob sich hellbraun mit teils rosa gefärbten Stellen und roten Maserungen von ihrer dunkelbraunen Haut ab. In diesem schrecklichen Anblick gefangen, entdeckte die Fremde auch die vielen kleinen Ritznarben, die ein okkultes Muster zu bilden schienen. Ihr Entsetzen wuchs an, als sie sah, dass Nawatus ganzer Oberkörper und auch die Oberschenkel bis zu den Fußrücken damit übersäht waren. Nawatu mußte grausamste rituelle Torturen überstanden haben, die normalerweise zu einem elenden Tode hätten geführt haben müssen.

Das war der Fremden nun Gewißheit. Sie reagierte nicht, wie fast alle anderen, die Nawatu so gesehen hatten, also nicht mit einer panischen oder gar brutal aggressiven Abstossungsreaktion, sondern fassungslos und offensichtlich mitleidend.

Nawatu konnte klar erkennen, wie die Augen der fremden Bogenschützin glasig wurden und in dem sonst von Trostlosigkeit gekennzeichneten Blick trauriges Mitgefühl miteinfloss und entgegengesetzte Stimmungen sich verzeifelt ringend überlagerten. Sie hatte braune Kastanienaugen und eine blonde Strähne ihres Haares fiel an ihrem linken Augen vorbei. Die Fremde zitterte sogar vor aufgeregter Anspannung, geriet gedanklich völlig durcheinander und lief rot an, obwohl sie größer war, hinter ihr eine sichtlich Schwerverletzte lag, Nawatu viel kleiner war als sie und sie eigentlich aus einer Position der Stärke hätte handeln können. Aber nun war sie ohne Bogen und beide hatten einen Dolch an ihrer Seite - und sie fühlte sich verwirrt.

Mit einem solchen Anblick hatte die Fremde nicht gerechnet. So zauberhaft schön und dennoch so unheimlich schrecklich zugerichtet.




Nawatu beruhigte dieses Verhalten der Fremden ungemein. Es war so unverstellt gefühlvoll in einer Situation, wo dies bei weitem höchst lebensgefährlich sein kann. Damit hatte Nawatu nicht gerechnet und ihr Blick hellte sicher immer mehr auf und sie lächelte freundlich nickend.

Die fremde Bogenschützin entspannte, offensichtlich erlöst durch diese Geste, schaute ebenfalls nun freundlicher, war aber immer noch um ihre Abwehrhaltung bemüht, und ergriff als erste das Wort.

"Ich bin Turiya aus dem fernen Aquilonien und habe mich verirrt. Schließlich gelangte ich in diese Höhle, weil ich in einen Schacht hinabfiel und bewußtlos lag, der auch zu steil und glatt war, um herauszukommen, sodass ich, nachdem ich zu mir kam, diesen entlangkroch bis zu einem großen inneren Höhlensee nicht sehr weit von hier. Leider war ich erst in einem labyrinthartigen anderen Gang der immer tiefer führte und mich zur Rückkehr zwang. Ich finde nicht mehr raus und bin am verhungern. Nun habe ich euch hier entdeckt, die ihr offensichtlich meine Sprache versteht. Ich bin am Ende, hatte sehr viel Angst, als ich euch sah, da ich anfangs vermutete, dass ihr nur die Lagerwache wäret. Deshalb habe ich geschossen. Ich will nur überleben.“

Mehr sagte sie nicht. Aber Nawatu war bereits sehr beruhigt und erleichtert, sogar schon etwas amüsiert. Eine Räuberin war die Fremde Turiya offensichtlich nicht. Die fremde Bogenschützin war sogar sehr offen, was für einen reinen Charakter sprach. Nicht diese herrisch gespielte Großspurigkeit, wie angeblich bei allen Weissen anzutreffen. Und ihr rötliches Anlaufen, wie man es auch nur bei Weissen beobachten konnte, vor allem aber die jetzt feuerroten abstehenden Ohren Turiyas entlockten Nawatu ein Lächeln, doch sagen tat sie nichts, da sie zu sehr das Aussehen und Verhalten von Turiya studierte.

„Nachdem ich gesehen habe, dass es sich bei der schlafenden Verletzten um eine Aquilonierin handelte, nahm ich erst an, ihr hättet sie gefangengenommen und ich wollte euch töten, dachte schon an Brandpfeile, die ich immer vorbereitet bei mir trage. Aber dann sah ich, die ganzen Bandagen und Verbände und dort vorne die frisch bereitgestellten Kräuterpackungen, und vor allem die liebevollen Weise mit der ihr mit der Verwundeten spracht, da nahm ich an, dass ihr eine Dienerin seid. Und an der Lanze dort vorne kann ich sehen, dass eure Herrin zumindest eine Mitranerin und aus hohem Hause ist, wie auch an einigen Sachen, die hier überall vertreut sind. Überall Seidenstoffe, auch als Lendenschutz an eurem spärlich bekleideten Körper. Mir scheint aber, dass ihr hier alleine seid .“

Nawatu lächelte sie an, sagte aber noch immer nichts, was Turiya zunehmend zu beunruhigen schien. Nawatu sah die kleinen Schweißperlen auf ihrer Stirn und dass Turiya Gänsehaut bekam.

„Sagt doch bitte was oder könnt ihr nicht ? Seid ihr etwa stumm, wie soviele Diener, denen man die Zunge rausschneidet? Man hat euch übel gefoltert offensichtlich. Für eine wahrhaftige Mitranerin wäre dies allerdings eher äußerst verdächtig und ich müßte eure Herrin als hinterhältige Banditin oder verräterische Söldnerin ansehen.“

„Ich danke euch für eure aufrichtigen Worte. Ihr hättet uns töten können. Wir haben genug zu essen und zu trinken, auch für euch. Ihr seht abgekämpft und hungrig aus. Ich gehe jeden Tag etwas kleines jagen und pflücke viele Beeren und Kräuter. Da ihr seeseitig vom Schacht gekommen seid, könnt ihr den Weg nach draussen gar nicht kennen. Und ihr könnt heilfroh sein und Mitra danken, dass ihr den Weg aus dem Labyrinth zurückfandet. Hier seid ihr richtig. Ich bin Nawatu, bin nicht stumm und kann aquilonisch halbwegs sprechen. Meine Herrin ist eine Hohe Dienerin Mitras, falls ihr wisst, was das ist und sie ist wie eine Mutter zu mir. Wir sind auf der Flucht und müssen Venoyha zurück nach Aquilonien verlassen. Leider sind wir in dieser Höhle stecken geblieben und meine Herrin ist von einem tagelangen Kampf unten in den Tiefen sehr schwer verletzt, sodass wir noch viele Monde hier ausharren müssen. Sie ist momentan wieder weggetreten und in tiefen Schlaf, aber Mitra sei Dank auf dem Weg zur Besserung. Ich entnehme euren Worten, dass es euch ähnlich geht und in der Weise, wie ihr sprecht und euch verhaltet, das ihr aufrichtig und edelmütig seid. Falls ihr mögt, könnt ihr euch uns anschliessen. Es ist einsam und kann allein sehr gefährlich werden. Ihr könntet uns sehr helfen, zum Beispiel bei der Jagd. Wir können Gefährten sein. Lasst uns ans Lagerfeuer setzen. Ihr geniesst unsere Gastfreundschaft. Heute gibt es Rebhuhn, Beeren und frisches Hirsebrot. Seid getrost, auch ich hatte eben mächtige Angst und dachte alles Leben wäre vergebens. Ich habe seit Wochen keinen Menschen mehr gesehen und auch wenn ich einsam bin, bin ich sehr froh darüber. Aber ihr scheint anders als die meisten anderen zu sein.“

Nawatu wunderte sich über ihren eigenen Vortrag in recht gutem aquilonisch. Noch nie hatte sie in dieser Weise und Dauer sprechen müssen.

„Ich danke euch sehr und werde euer Vertrauen nicht enttäuschen, lasst uns miteinander weiteres besprechen. Eure Gastfreundschaft werde ich euch niemals vergessen. Mich hält in Venoyha auch nichts mehr, bin sowieso auf dem langen Weg zurück. Ich kenne den langen Landweg und Wege abseits gefährlicher Räuber- und Kriegerrouten. Ich helfe euch bei den Zubereitungen für das Mahl. Habt vielen Dank für eure Gastfreundschaft. Ich bin so froh auf friedliche Menschen getroffen zu sein. Entschuldigt, aber habt ihr was zu trinken?“

Nawatu ging zu den Trinkbeuteln, reichte einen davon Turiya rüber. „Ihr habt sicher großen Durst und seid erschöpft. Dies ist ein Stärkungstrunk. Trinkt soviel ihr mögt.“

Turiya nahm einen ersten kleinen Schluck nur für den Gaumen. Sie war sich nun sicher, dass der Trunk rein und nicht vergiftet war. Dann setze sie hastig an und trank einen ganzen Liter ohne abzusetzen.

„Oh, wie wunderbar ! So erfrischend. Das ist aber kein normaler Trunk. Seid ihr Schamanin oder Zauberer ?“ womit Turiya beide meinte.

„Meine Mutter, ihr Name ist Belite, also Belite ist in Glaube, Magie und Heilkunst sehr bewandert, wohl eine Meisterin. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt ohne ihr Einverständnis nicht sagen. Sie hat mich in sehr kurzer Zeit so vieles gelehrt, auch die aquilonische Sprache. Dass ich noch lebendig bin, verdanke ich allein ihr. Nun bin ich gefordert, ihr zurückzugeben, was sie mir gab. Ihr habt ihren Zustand gesehen. Aber sagtet ihr Landweg?“ fragte Nawatu erstaunt. „Sie spricht immer vom Seeweg zu den Schwarzen Königreichen.“

Turiya antwortete. „Der Seeweg dauert länger, ist aber sicherer vor menschlichen Gefahren, die größer sind, als das Risiko eines Sturms auf See. Aber ich kann euch sicher führen auch über Land. Es sind geheime Pfade, die nur von wenigen genutzt werden. Nur dazu bräuchten wir Pferde. Meines ist gestürzt und durchgegangen. Ich glaube kaum es wiederzufinden. Aber auch ihr hattet Pferde, den Spuren nach zu urteilen. Anders hättet ihr das ganze Gepäck nicht hierher schaffen können. Habt ihr die Pferde etwa noch ?“

„Ich kann das nicht entscheiden. Für mich ist es die erste große Reise in eine fremde Welt und wie mir scheint ist sie wirklich sehr gefährlich. Wenn Belite, euch als Gefährtin akzeptiert, ist sie sicher wissbegierig, sofern sie es noch nicht weiß. Ihr könnt auf Augenhöhe mit ihr sprechen. Unterwürfigkeit verabscheut sie zutiefst. Sie erwartet Respekt und Selbstoffenheit. Lügner haben bei ihr einen schweren Stand.“ Nawatu wies mit der Hand zur Kehle. „Aber ihr werdet euch verstehen. Ich spüre es. Ich habe die Pferde nach draussen geführt. Jeden Tag schaue ich nach ihnen und sorge für sie, ändere ihren Äsungsplatz und dass sie etwas zu trinken bekommen. Das Arsenal um diese Gebirgshöhle ist menschenleer, deshalb als sehr sicher anzusehen. Die Stämme ringsrum wagen sich nicht hierher. Sie fürchten das Dunkle in der Tiefe.“

Nun kümmerten sie sich gemeinsam um die Zubereitungen für das Essen. Nawatu holte sogar heimlich einen Weinbeutel und legte diesen beiseite. Sie wollte einfach den Abend mit Turiya geniessen und sie viel besser kennenlernen, da sie Turiya schon jetzt in ihr Herz geschlossen hatte, was bei bei ihr wirklich ganz selten vorkam. Turiya wirkte überwältigend auf sie. Sie konnte es selbst kaum fassen, aber jeder Gedanke an Turiya und ihre Nähe liess ihr Herz stärker schlagen. Sie formte die Brotfladen aus dem Teig den sie schon bereitstehen hatte. Turiya federte zwei Rebhühner, nahm sie aus und spießte sie zum rösten. Sie kümmerte sich auch um das Feuer während Nawatu für eine Weile nach Belite schaute und einige Kräuterpäckchen erneuterte und freigelegte Körperstellen zart und vorsichtig mit einer dicken Salbe cremte. Belite schlief dabei tief und fest.

Und während Turiya am Feuer hockte und den Spieß erneut drehte, kam Nawatu dicht zu ihr und ihre nackten Schenkel berührten sich. „Lass mal sehen,“ sagte Nawatu, blickte Turiya zuerst in die Augen, dann auf ihren geschrammten Bluterguss und tastete ganz sanft mit ihren Finger darauf, dann nahm sie vorsichtig den linken Ellenbogen von Turiya, der dick und dunkelblau bis braun und gelb verfärbt angeschwollen war, sogar eine verkrustete, sickernde Wunde mit einer Eiterbeule aufwies und die Bewegungen von Turiya sichtlich sehr erschwerte, weshalb sie eine gewisse Bewegungssteife vorwies. Dann schaute sie Turiya, die sich ihr offen hingewandt hatte, lächelnd in die braunen Augen.

„Das wird schnell wieder gut,“ flüsterte Nawatu während Turiya sie erstaunt und mit weit geöffneten Augen anschaute. Sie waren sich auf einmal ganz nah. Die Hände Nawatus berührten behutsam und sanft ihre Brust, ihre Fingerspitzen fühlten die auf dem weiten Naturstoffhemd durchscheinenden starken Brustspitzen Turiyas und rieben ganz leicht kreisend daran. Turiya zeigte keinen Widerstand, sondern wirkte leicht verlegen und verwundert. Nawatu weckte längst versunkene Lebensgeister und Sehnsüchte nach Nähe und Wärme, Zuneigung und Geborgenheit.

Dann sprang Nawatu mit einem Ruck genauso so plötzlich wieder auf, lief zum Lagerplatz, kramte und sortierte eine Weile und kam mit unterschiedlichen Kräuterbandagen und einer Wundpaste zurück. „Setze dich mit ausgestreckten Beinen hin und mache deinen Oberkörper ganz frei. Behalte ruhig deinen Lederrock an.“ Turiya zog nun ihr Hemd über den Kopf, die aber am Rücken klebte und ihr dies nur mit einiger Mühe gelang. Sie spürte nun einen schwellenden Schmerz auch vom Rücken, der auf einmal stechend bis zu ihrer Schläfe zog.

Nawatu ging um sie herum, anschliessend in die Hocke und tastete den breiten athletischen Rücken Turiyas, der auch verfärbt und angeschwollen war und die Beule an der Hinterkopfseite, die aber nur dick und ungefährlich schien.

„Alles vom Sturz,“ stellte Nawatu nüchtern fest und Turiya nickte. „Ich stürzte zweifach, erst vom Pferd gegen die Grubenkante, dann prallte ich unten mit dem Rücken im Schacht auf“, erwiderte Turiya. Nawatu kniete sich hinter sie, spülte mit Salzlauge mehrfach und nahm die Kräuterpaste, die sie ganz dick auftrug, und auf dem Rücken ganz sanft und gleichmäßig verteilte. Eine andere Salbe tupfte sie vorsichtig mit ihren Fingerspitzen auf ihre Beule. Für Turiya war dies nach den anhaltenden Prellungsschmerzen eine Wohltat und Nawatu massierte schließlich auch ihren unverletzten Nacken, ihre Taille und hintere Brustseite entlang.

Sie reinigte und versorgte Turiyas großflächig offen geschrammten Bluterguß am linken seitlichen Oberschenkel mit einer geschmeidigen Fingerfertigkeit, die Turiya so noch nicht erlebt oder gesehen hatte, außer in einem mitranischen Lazarett in Tarantia. Doch da war sie noch sehr jung und es war lange her. Turiya kam währenddessen nicht umhin auch Nawatu intensiv zu beobachten, deren weitgehend nackter kleiner Körper sich sehr biegsam bewegte und so anders gleichwohl faszinierend war, als alles, was auch sie vorher gesehen hatte, jedoch noch nie so dicht und hautnah. Sie tastete leicht auf Nawatus dunkler Haut, die sich überwältigend seidensamtweich anfühlte. Doch überall fühlte sie viele Ansätze von kleinen vernarbten Gewebestellen. Betrachtete den dunklen hin und her schaukelnden Busen von Nawatu. „Nawatu, Du bist wunderschön. Aber verrate mir, wer hat dich so übel zugerichtet ?“

Nawatu verkrampfte, richtete sich dann vor ihr im Kniesitz ganz gerade auf und legte ihre Hände flach auf die Schenkel. Sie schloss nun fast auf gleiche Augenhöhe auf. Und Turiya sah nun das wahre Ausmaß der riesengroßen quer über den Oberkörper von Nawatu verlaufenden Narbe ganz dicht vor ihren Augen.

„Es waren rituelle Schänder und Folterer, die mir langsam das Herz herausschneiden wollten. Die Wunde war da, wo das Messer steckte, tief im Fleisch“ und zeigte dabei mit beiden Händen abmessend auf den breiteren Narbeverlauf beginnend unterhalb des rechten Busens auf dem Bauch. Belite brannte sofort die Wunde aus, sonst wäre ich elendig ausgeblutet. Sie stillte auch alle anderen Blutungen wie durch heilende Magie. Ich bin so glücklich, wie es ist, fast hätte das Messer die komplette Bauchdecke durchtrennt und den Leib geöffnet, dann hätte ich nicht überlebt und Belite sagte, vielen Ritualopfer würde man lebendig die Brüste abschneiden bevor man ihnen das Herz entnimmt, doch ich wurde unentwegt geschändet, weshalb ich sie noch hab.“ Nawatu rang nach Luft. „Ich habe sehr oft Krämpfe. Sie ziehen dann über meine ganze Brust bis zu meinen Unterleib ja sogar bis ins Rückenmark. Das werde ich wohl niemehr los. Ich spüre jeden Wetterwechsel und jedes Unwetter in meinem Unterleib lange bevor es da ist. Und schlimmer noch, ich weiß heute, dass sie sowieso alle vor hatten mich an Menschenhändler oder Kannibalen zu verkaufen, andernfalls aus dem Dorf zu jagen oder zu steinigen. Und das alles nur wegen meiner Augen, meines Blickes, den ich selbst nicht einmal spürte, sondern der unmerklich über mich kommt.“

Turiya legte ihre längliche Hand sanft auf Nawatus Schenkel. Mit der anderen fasste sie streichelnd Nawatus Hand. Nawatu liefen Tränen die Wange hinunter und sie schaute mit glasigen Augen sehr ernst gefasst zur Seite, stand auf und dann ergriff sie Turiyas verletzten Arm, drehte diesen leicht und sagte: „Turiya, jetzt tut es gleich wahnsinnig weh.“

Als Turiya nickte öffnete sie die sickernd eitrige Wunde mit einem schnellen Ritz eines Messers, sodass viel Eiter herausquoll und es heftig blutete. Turiya ruckte nach hinten und ihr Atem stockte, zog den Kopf nach hinten. Aber sie schrie nicht auf, presste die Lippen, kam wieder vor und ertrug den quetschenden Schmerz, der bereits nachliess.

„Und noch einmal“, sagte Nawatu. „Bist du bereit?“ Turiya nickte erneut. Nawatu träufelte etwas in die Wunde, sodass diese fürchterlich brannte und der Schmerz an den Sehnen und Nervenenden entlang über die Schulter bis zu den Fingern zog. Turiya stöhnte laut und drückte ihren Rücken durch. Nawatu klopfte ihr leicht auf die Schulter. Dann spülte Nawatu den Arm und bandagierte den Ellbogen mit viel Heil- und Kräuterpaste, als die Blutung an Kraft verlor. Turiya spürte indes bereits Erleichterung. „Du wirst sehen, es heilt jetzt viel schneller und die Schwellungen sind bald weg. Und morgen schon machen wir alles neu. Jeden Tag versorge ich die Verletzungen von Belite und deine auch Turiya.“

Turiya schaute zu Nawatu. Sie war dankbar und freute sich.

„Und du?“ fragte Nawatu mit auf einmal schüchternder Stimme. „Was ist mit dir geschehen, Turiya?“ Turiya holte tief Luft und hob ihren Kopf. Dann riss sie sich zusammen, blickte tief niedergeschlagen.

Nawatu spürte, was da vor sich ging und sagte: “Wenn es zu schlimm ist, mußt du nicht.“ „Doch, du bist so freimütig zu mir und ich will es auch sein. Es war alles so schrecklich. Ich will nur weg von hier. Ich erzähle es dir nachher am Lagerfeuer. Ich möchte nur meine Gedanken ordnen,“ erwiderte Turiya.

Nawatu nickte und als sie mit dem bandagieren fertig war und beide aufstanden, umarmten sie sich ganz doll und fest. Beiden liefen gleichsam die Tränen und sie spürten, dass sie das Schicksal zusammengeführt hatte. Beide waren voll innerer Verzweiflung über all das, was sie in letzter Zeit erlebt hatten und der inneren Angst davor, was noch kommen mochte.

Nawatus kleiner Kopf reichte nicht zu dem von Turiya hoch und versank sich deshalb in Turiyas weicher Brust. Nawatu hörte den beruhigenden Herzschlag Turiyas und Turiya fühlte den heissen Atem Nawatus, die Nässe der Tränen an ihrer Brust, spürte die Wellen, die von Nawatus Schläfe ausgingen und ihre Brust durchströmten. Sowohl Nawatu und Turiya fühlten in diesem Augenblick, dass sie zusammengehörten. Turiya streichte durch Nawatus Haar, hob einen Zopf dabei. Nawatu schien vollständig erschöpft von den vielen Tagen und Nächten, wo sie um Belite gebangt und sie laufend versorgte.

Nach diesem Moment der Sinnlichkeit erhob sich Nawatu jedoch, wischte sich die Tränen und sagte: „Zieh die Bluse noch nicht wieder an, die Heilkräuter müssen erst noch einwirken.“ Sie schluchzte dabei. „Am besten tue es mir nach ein paar Tage. Es heilt dann alles sehr viel besser. Ich kenne außerdem einen kleinen Gebirgssee. Lass uns dorthin morgen gehen, wenn wir die Pferde versorgen, das wird uns beiden guttun. Ich trage dann alles wieder neu auf. Ja, wir müssen auch bald wieder Kräuter sammeln. Und übermorgen zeige ich dir den Höhlensee. Sein warmes Wasser scheint wahre Heilkraft zu haben.“

Turiya war tief gerührt und beeindruckt, warum hatte man ihr das alles angetan ? Nawatu war so voller Gesten des Vertrauens und der Freundschaft und Turiya spürte, wie auch ihr Herz in Bewegung geriet.

„Trink, du brauchst das,“ Nawatu hielt Turiya eine Schale hin. Turiya nippte mit ihren Lippen zuerst, der intensive Geruch der zähen Flüssigkeit zog ihre Nase zusammen, trotzdem leerte sie mit einer verzerrten Miene die grässlich schmeckende Flüssigkeit mit einen Zug. Beide lächelten sich an. „Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll. Es ist ein Glück, dass ich auf dich getroffen bin. Ihr hättet auch Plünderer oder Kannibalen sein können. Morgen werde ich uns allen Großwild jagen, dann haben wir viele Tage kräftiges Essen.“

„Wenn die Zeit dafür reicht. Ich würde mich so sehr darüber freuen. Ich selbst kann nicht so gut jagen, da viele Tiere meine Freunde sind. Aber du darfst einen bestimmten Bereich nicht überschreiten, sonst ziehen wir das Unglück an. Diese Nebelhöhle ist Niemandsland bis zum angrenzenden dichten Wald am Fuße des Berges. Hier oben können wir uns ungestört bewegen, müssen aber in Sichtweite zur Waldgrenze Deckung suchen, damit uns niemand sehen kann. Wir dürfen niemanden anlocken, sonst laufen wir Gefahr überfallen zu werden.“

Turiya nickte und verstand sofort. „Na, wenn hier in der Nähe welche sind, kann ich sogar Bären erlegen.“ Nawatus Augen leuchteten bei dem Gedanken an frisches Bärenfleisch. „Das wäre ein Traum. Auch für Belite wäre das sehr gut. Ich habe sogar am See Spuren gesehen“. „Ja ? Das ist ja fantastisch!“ Turiyas Augen waren nun riesengroß vor Erregung und Jagdfieber. „Wie willst du es allein gegen einen Bären schaffen?“ rief Nawatu und streckte beängstigt ihre Hände zu Turiya aus. Turiya ergiff seelenruhig die ausgestreckten Hände, schaukelte mit ihnen leicht und beide blickten sich ganz fest in die Augen: “Nawatu, mit Pfeil und Bogen erlege ich dir jeden Bären der Welt.“.

Sie bereiteten nun das Essen zu, redeten dabei viel und heiter. Turiya konnte es gar nicht mehr erwarten. Sie war so hungrig. Als sie soweit fertig waren und sich setzten, kam es vor allem Turiya vor, wie ein Festessen. Aber auch für Nawatu war es ein krönender Moment der neuen Begegnung mit einem Menschen, den sie von Anfang an in ihr Herz geschlossen hatte. Turiya verschlang ihr Rebhuhn hastig, zerriss es förmlich und stopfte immer zwischendurch Hirsebrot nach oder trank von dem Sirup oder dem Wasser. Nawatu freute sich riesig und war auch laut am schmatzen.

Dann auf einmal schaute Turiya sie geradlinig an, richtete sich in ihrer Sitzhaltung aufrecht zu ihr hin. Nawatu öffnete ihren Mund weit und liess das Essen sinken. In ihren Augen war die weisse aquilonische Turiya in ihrer schlanken, athletisch hochgewachsenen und vollbusigen Erscheinung voller erhabener Schönheit und sinnlich erotischer Weiblichkeit.



„Alle sind tod. Meine Eltern, meine ganze Sippe, mit der ich hierher reiste. Nur ich habe überlebt. Sie haben ihr Ziel nie erreicht. Und ich mußte mit ansehen, wie sie grausam getötet wurden. Aber ich konnte nichts tun. Meine Brüder wurden von ihnen erschlagen oder erschossen im Kampf. Meinen Vater spiessten sie mit einer Lanze am Boden liegend auf. Auf diese Weise festgehalten, liessen sie ihn mitanschauen, wie sie meine Mutter und meine Schwestern schändeten. Sie hatten ihre Füße und Beine gespreizt am Boden gebunden und an ihren Armen den ganzen nackten Körper aufgerichtet über einen starken Ast eines großen Baumes nach oben gezogen. Dann vergingen sie sich im Stehen abwechselnd an ihnen. Zuerst alle nacheinander, dann auch wild abwechselnd. Sie zogen und bissen an ihren Brüsten, weiteten ihre Scham und rührten mit ihren Armen darin. Ich höre ihre vom Wind zu mir getragenen Schreie bis heute. Vieler Nachts kann ich nicht schlafen. Dann kappten sie die Stricke meiner jüngeren Schwestern, die teils leblos zu Boden sanken. Ihnen, sofern sie nicht qualvoll gestorben waren, und meinen gebrochenen Vater hackten sie lebendig die Arme und Beine ab und nahmen ihren Rumpf aus, grillten die Stücke und frassen sie. Mit den Köpfen spielten sie Ball, dann banden sie sie mit den Haaren an ein Seil und legten es um ein Pferd, wo schon hunderte Schrumpfköpfe hingen. Dann später immer wieder von Zeit zu Zeit während der Essenspausen, sie aßen nur Menschenfleisch, vergingen sie sich an meiner Mutter und meiner älteren Schwester, die noch lebten, die ganze Nacht durch. Das schmerzverzerrte Gewimmer meiner Mutter und Schwester war unerträglich. Aber es erregte sie und trieb sie weiter an. Irgendwann schliefen sie alle. Es waren insgesamt fünfzehn Menschenfresser. Fünf von ihnen hielten ständig Wache. Am nächsten Morgen ging der Schamane unter ihnen zu meiner Mutter und Schwester, die noch immer nicht ganz regungslos dahingen, also noch lebten, doch dahindämmerten und schächtete sie. Er trank ihr Blut dabei und goss es über sein Haupt, unter lautem Gejohle verteilte er es an die anderen, während sie ausbluteten und elendig zugrundegingen. Dann öffnete er die Körper, sodass die Eingeweide, die Innereien herausfielen. Die Herzen assen sie. Die geschundenen Körper banden sie später auf ein Pferd als Proviant. Dann ritten sie weg. Zurück liessen sie verstreut die leblosen Überreste unserer ganzen Sippe. Ich denke sie waren in Eile, denn Folterungen zur Unterhaltung haben sie nicht vorgenommen. Ich selbst war unbewaffnet und kauerte in einem dichten Strauch an einer Hügeldeckung. Mich hatten sie nicht erwischt, wie durch ein Wunder hatten sie mich in dem Gewirr übersehen als alle durcheinander in alle Richtungen rannten. Die anderen hatten sie noch mit ihren Pfeilen erschossen und liessen sie liegen. Es war reiner Zufall, dass ich überlebt habe. Ich konnte nicht weiter weg, war festgesetzt und harrte deshalb aus. Deshalb mußte ich zusammengekauert und von furchtbaren Krämpfen geschüttelt alles mitansehen. Lautes Weinen und Schreien hätte mich verraten, sodass ich am Ende nur noch Galle würgte. Ich kauerte sehr lange in dem Versteck, schon allein wegen der Aasfresser, die herankamen vom Blutgeruch getrieben, aber an mir vorbeizogen. Erst Tage später, als die Luft rein war, rappelte ich mich auf. Sie hatten kaum geplündert, nur das Gold, selbst die Waffen nicht, sodass ich mich gut ausrüsten konnte. Es war ihnen wohl zuviel Gepäck. Vier unserer Pferde waren zurückgekehrt. Zwei habe ich später in einem Dorf an einen Pferdehändler verkauft. Eines ist mir später eingegangen. Wie ich hierher kam, habe ich erzählt. Bin seit dem Aufbruch meiner Familie vor zwei Jahren unentwegt auf der Reise. Meine Eltern ahnten damals nicht, dass der Schrecken auf Erden hier kein Ende hat. Nun bin ich entwurzelt. Ich will nur zurück. In Aquilonien wartet niemand auf mich, aber ich weiß, wie ich mich dort durchschlagen kann. Mitra hat mich beschützt und mich zu euch geführt. Mein Leben werde ich nun Mitra widmen, wenn ihr und eure Mutter und Herrin mich darin lehren könntet. Die Welt ist voller Grausamkeit. Sehe ich Menschen, sehe ich Verfolgung, Folter und Tod. Doch ihr scheint wahrhaft anders zu sein. Ich wäre froh, wenn wir zusammen blieben."

Abrupt brach die bleiernde Fassung in Turiya zusammen und sie begann ganz fürchterlich zu weinen. Nawatu blieb fassungslos sitzen wie versteinert. Rührte sich nicht. Konnte sich nicht rühren. Sie spürte wie ihre Narben schmerzhaft zogen bis tief in den Unterleib. Nach einigen Minuten hatte Turiya sich wieder noch immer schluchzend gefasst. Sie hatte, um sich die Tränen abzuwischen ihr Gesicht total mit dem Essensfett verschmiert.

„Bitte, lasst es uns vergessen. Du bist wirklich so lieb zu mir wie schon lange niemand.“ Beide streckten ihre Arme aus und umarmten sich so fest sie nur konnten, weinten nicht mehr, sondern küssten sich. „Turiya, ich mag dich auch so sehr, schon vom ersten Augenblick an,“ sagte Nawatu und wischte sich mit dem Ellenbogen ihre Tränen ab. „Lass uns Wein trinken, man kann dann gut vergessen“ „Richtiger Wein?“, fragte Turiya noch immer schluchzend und erstaunt. „Aber ja, Belite kommt wie du aus Aquilonien und wird das wohl wissen. Ich kannte Wein ja vorher überhaupt nicht.“ machte einen kurzen grimmigen Gesichtsausdruck und lachte Turiya auf einmal heiter an.

„Eine Wache müssen wir hier Mitra sei Dank nicht halten. Ich schaue noch einmal zu Belite.“ Sie kam nach einer Weile zurück mit einem kleinen einlitrigen Trinkbeutel. “Es geht ihr gut.“ Dann hielt sie stolz mit beiden Armen den Trinkbeutel hoch. „Es ist nicht viel, aber für uns beide genug. Es ist ein starker alter Wein. Spülen wir die Schrecknisse fort.“

Sie plauderten noch eine Weile am Feuer und tauschten sich lebhaft über ihre vielen Erlebnisse aus. Sie gaben sich Trost und waren fröhlich dabei und verstanden sich schon fast wie ein Herz und eine Seele. Als Nawatu sich erneut erhob, torkelte sie schon etwas. Turiya grinste breit und war auch ziemlich benommen. Als Nawatu zurückkam, dämmerte Turiya bereits leicht, öffnete aber ihre Augen und hatte sich zur Seite zum Lagerfeuer hingelegt. Nawatu nahm ihre Lagerdecke und legte sich zu ihr, kuschelte sich an sie ran und umfasste mit einem Arm Turiyas Taille.

Beide waren völlig unbekleidet und ihre Körper glänzten seidig im Feuerschein. Turiya legte ihren Arm um Nawatu und legte ein Bein um sie, kraulte Nawatu zärtlich durch das Haar, schloss dabei die Augen und Nawatu fasste nun mit ihren kleinen Händen sanft Turiyas Bauch, rieb leicht kreiselnd um ihren Bauchnabel. Dann glitten sie von dort über Turiyas üppigen Brüste, die sich wie Wanderdünen ausstreckten. Ihre Hände ruhten noch etwas spielend auf den ungewöhnlich hartdicken Brustknospen Turiyas bis beide schnell und fest einschliefen.

Sie waren nun ganz eng umschlungen. Sie suchten beide die Nähe, wollten beide in dieser trostlosen Einsamkeit etwas Sanftheit, ihre Körperwärme und menschliche Zuneigung und Geborgenheit spüren und die grausamen Schrecknisse vergessen. Denn für den nächsten Tag hatten sie viel vor und sie mußten sich gegenseitig voll und ganz vertrauen.

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