"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel."


"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel." - Marie von Ebner-Eschenbach

Molon Labe versteht sich als privates Story- und Fansite-Projekt des von dem fantastischen Erzählwerk Robert E. Howards inspirierten Massive Multiplayer Onlinegame Age of Conan.

Vor allem ist es ein Schreibprojekt von Geschichten rund um die gespielten Charaktere, angeregt durch das Spielgeschehen Hyborias in Age of Conan wirkt es schliesslich in einer eigenen fantastischen Welt vorantiker archaischer Zeit - ganz im Stile von Sword, Sex and Sorcery.


Sämtliche Veröffentlichungen sind Entwürfe oder Manuskripte, also unfertig. Es geht dabei nicht um literarische Meisterschaft, sondern um das einfache Erzählen mithilfe des Schreibens.

"Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter." - Ralph Waldo Emerson




Seiten

Belite, die Eroberin - Hohe Dienerin Mitras


Hier entstehen die Geschichten um Belite, eine sagenhafte Gestalt uralter Legenden grauer Vorzeit.

Eine Kriegsamazone, selbstsicher und unabhängig, die einzige weibliche Primus Centurio des Blutordens der Mitraner in einer brutalen männlichen Welt der Gier nach Macht durch Unterdrückung und Unterwerfung.

Belite ist gütig und liebevoll, tugendhaft und aufrichtig. Freiheit und Gerechtigkeit gehen ihr über alles.

Belite betet Mitra an, die ihr schliesslich auf fernen Reisen in einer Vollmondnacht erscheint, ihr das wahre weibliche Anlitz der Naturgöttin zeigt und sie zu ihrer Erleuchteten im ewigen Krieg gegen die dunklen Mächte der Unterwerfung und Zerstörung macht.

Einsam, aber nicht allein tritt sie für die Schwachen, Armen und Wehrlosen ein, wird aber von diesen als unheimliche Bedrohung angesehen, denn dort, wo sie Magie und Schwert hinführen, gerät die alte Ordnung aus Betrug und Falschheit aus den Fugen.

So wird aus ihr eine einsame Abenteurerin im Zwiespalt mit der Welt und im Ringen mit den beherrschenden Mächten. Deshalb erscheint sie verflucht, verfolgt, ist ihrer Bestimmung und ihrem Schicksal ergeben.

Belite ist die Keimzelle für eine kleine eingeschworene Gemeinschaft voller Sehnsucht und Hingabe, junge und eigensinnige Gefährtinnen, die ihr in freiem Willen ergeben sind und gemeinsam mit ihr traumhafte Momente der Glückseeligkeit und tiefgrausamen Qual erleben sowie in wundersamer Weise todesmutig für das Gute eintreten - bis zum Untergang.

Es gibt kein Entrinnen oder Erbarmen. Unerbittlich gibt es nur eine Entscheidung: Gut oder Böse - Leben oder Tod !

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Freitag, 4. Januar 2013

Xoxo. Die Cimmererin. III - Begegnung


Der Nadelwald lag vor ihnen, ausladend und herunterfallend von den breiten Schultern der emporragenden Berggipfel. Dazwischen zwängte sich eine saftig grün bewachsene Gletscherzunge, die nach mehreren hundert Metern in einer Senke mündete, in dessen Mitte ein tiefdunkelblauer See als Quelle einen flachen und schmalen Bach speiste, der von dort schlängelnd seinen Anfang nahm, um hinter einem Fels unterirdisch in einer Nebelhöhle als glitzernder See zu versinken, danach als tosender Wasserfall in schwindelnder Höhe steil herabzurauschen und sich als fruchtbarer lebensspender Fluss hinab auszubreiten - ins weit entfernte und versteckte Tal, in dem sich ihre Siedlung befand. Sie hatten mit dem Abstieg begonnen und Xoxo schaute noch einmal den Hang hinauf zu ihrer Höhle. Doch sie war schon nicht mehr zu sehen. Dafür aber der terassenförmige Felssims, hinter dem eine steile Wand wie ein Portal alles überragte. Sie strahlte für einen kurzen Moment. Ihre Höhle war so unweit vor fremden Blicken gut versteckt. Niemand konnte ahnen, was sich dort verbarg. Sie war stolz diesen sicheren Platz damals ausfindig gemacht zu haben.

Sie durchschritten nun die lange Rinne mit stark überwucherten Geröll zwischen den Waldstücken und trafen auf die saftig grüne Wiese der alten Gletscherzunge mit dem kleinen See. Immer wieder erhoben sich vereinzelte Steinansammlungen. Sie wanderten nun eine Biegung entlang und brauchten dem Bachverlauf nur folgen. Dieser wurde nur einmal zwischen zwei aufeinandertreffenden Steilhängen unterbrochen, wo dieser unterirdisch verschwand, um später dahinter wieder als kleiner Wasserfall aufzutauchen. Sie zwängten sich durch diese felsige Klamm hindurch und die beiden Maultiere verhielten sich mitunter etwas störrisch, aber blieben willig und liessen sich doch gut führen. Hinter der Klamm brach ein erhebenes und zauberhaftes Panorama auf. Sie hielten wie immer, wenn sie diesen Weg nahmen, für eine Weile ein. Vor ihnen lagen zwei Täler zwischen den Bergen und direkt vor ihnen führte ein steiler Abstieg in ein schmales dicht bewaldetes Kerbtal, dass sich im Verlauf des breiter werdenden Baches sohlenförmig ausbreitete. Je breiter es wurde, desto weicher war der Bewuchs, geprägt von Buschwerk körperhoher Wildgräser und vereinzelt herausragenden Bäumen. Xoxo war bis zu den Schultern verdeckt während ihre Gefährten mit den Oberkörpern klar herausragten und weithin sichtbar waren. Die Bäume fehlten zum Ende ganz im Gegensatz zu den steilen Hängen, die dicht bewachsen waren. Hatte man dies durchschritten, stand man vor einer Verzweigung, die in einer Wendung zu dem jeweiligen Tal hinab führte. An dieser noch entfernten Stelle war die Hälfte des Weges erreicht.

Sie unterhielten sich ausgelassen, doch plötzlich war es Xoxo, die innehielt. Sie schien eine Witterung aufzunehmen. Es hiess, sie hätte den Spürsinn der Säberzahntiger übernommen, sich ihrer Seele bemächtigt, als sie sie bezwang und ihre Herzen ass, konnte Gefahren über sehr grosse Entfernungen ausmachen. Sie verharrten eine Weile, aber es war nichts zu sehen, keine auffällige Bewegung. Nichts. Sie zeigte auf eine weit entfernte buckelige Stelle an den Seitenwänden des linken Hanges. Es war eine frische Rutschspur, die bis zu den Gräsern führte. Das Gras war dort zu einer Ausbuchtung niedergedrückt. Eine Fallstelle und von dort ins Wildgras hinein und man sah an den Spitzen immer wieder Knickungen. Ihr Arm folgte dem Verlauf. "Da!" Und stoppte, wo die Spur endete. Es war klar, ein Tier war es nicht. Sie näherten sich nun langsam und auf der Hut bis zur Rutschspur, teilen sich aber nicht auf, blieben zusammen. Dort angekommen, betastete Wallax den Boden. Xoxo ging der Ausgangsspur folgend noch etwas weiter hoch, kam wieder zurück. "Überall geknickte Zweige. Auch Blut auf dem Boden und an den Ästen. Menschenblut." "Die Fremden!" stiess Wallax, schnüffelte an der Erde in seiner Hand. "Höchstens einer und auf der Flucht," fügte Xoxo trocken zu. Dann rief Xenay: "Seht." Er stand dort wo die Rutschspur mit einem Aufprall geendet hatte. Auf dem abgesprengten weichen Erdboden war ein Fussabdruck zu sehen. Chimir stellte seinen Fuss daneben und lachte auf: "Entweder ein Buschmann oder Kinder, aber die Eindringlinge sind doch riesengross. Angeblich noch grösser als wir." Beolg sagte dann: "Ein entflohener Gefangener vielleicht." Xoxo nickte schweigend. "Von uns ist es jedenfalls keiner. Er hat Angst, auch vor uns." stellte Beolg fest. "Hat sich ins Wildgras verkrochen und wartet auf die Jäger." "Und auf den Tod!"ergänzte Wallax. Wallax nahm seinen Bogen, spannte ihn. "Oder eine Falle ?", schaute verschmitzt in die Runde. "Schnapp, schnapp," Chemir grinste, kratzte sich am Nacken, doch eine Hand fasste kurz an den Axtstiel, rückte sie zurecht.

"Die Vögel sagen das nicht. Auch der Wind trägt mir nichts herüber. Aber was ich spüre, ist unermessliche gefrorene Angst. Diese Seele ist von Angst zerfressen. Hinter ihr liegt das Lied der Qualen. Deshalb versteckt sie sich. Wartet auf ihr Schicksal. Wie das gestellte Wild, das die Wölfe erwartet. Wartet auf den Tod." "Die Frage ist nur, ob wir ihr Schicksal sind oder ob noch eine andere Gefahr hier lauert - auch auf uns ?" hakte Wallax nach. "Naja, die Verfolger werden bald auftauchen, sofern es sie gibt," sagte Beolg kühl. "Wir ziehen jedenfalls weiter. Wir werden sie auf dem Schlachtfeld begrüssen. Sie sickern sowieso überall ein." Xoxo schaute weiterhin in die Richtung, wohin die Spur der verbogenen und abgeknickten Halme führte, erwiderte darauf ohne ihre Haltung irgendwie zu ändern. "Und wenn der Flüchtling etwas weiss, was uns weiterhelfen könnte. Uns etwas über unsere Feinde verrät, um ihre Stärke zu brechen?" "Xoxo, wenn der so dumm ist, wie er sich hier in der Wildnis verhält, dann kann ich auf seine Ratschläge gut verzichten." Wallax grinste und wühlte mit seinen Fuss im Sand. Er kannte Xoxo. Sie würde gehen, ob nun allein oder mit ihnen. "Ich gehe und schaue nach. Dann sehen wir, was es auf sich hat und ob es sich für uns lohnt." Wallax und Chemir stimmten ihr zu, auch Xenay nickte. "Gut, viel Zeit haben wir aber nicht. Mach schnell Xoxo. Und lass den Kopf für Wallax übrig." Sie ging nun den Hang ganz hinunter und verschwand schnell im hohen Gras. Nur ihr rotbrauner Haarschopf war noch zu sehen. Es war von der Gruppe aus eine Zickzacklinie, den ihr Gang beschrieb bis sie einen Bogen machte und nur etwa hundert Meter von ihnen in der Mitte zum Stehen kam. Sie blieb dort eine Weile stehen. Es gab keine Kampfanzeichen. Dann verschwand ihre Gestalt ganz. Sie guckten sich an. Plötzlich hörten sie ein kurzes Aufschreien. Es war eine schrille Frauenstimme. Und wieder. "Ihr bleibt bei den Maultieren," rief Beolg zu Chemir und Xenay. Dann rannten Wallax und Beolg los. Sie eilten in grossen Sätzen durch das Gestrüpp. Doch Xoxo winkte ihnen bereits wieder zu und gab Zeichen sie sollten sich zurücknehmen. "Sie hat ihn, ich quetsch alles aus ihm raus,"raunzte Wallax. Schliesslich kamen sie vor den beiden zum Stehen und schoben das hohe dichte Gras beiseite.    

Rasch verfolgte Xoxo die Spur, war derjenige doch so ungeschickt und unachtsam. Auch wenn dieser im Zickzack sich im Gras hin und herbewegt hatte, sprach dies mehr für Orientierungslosigkeit als für jemanden, der verwirren wollte. Oder für jemanden, der mit der Natur und der Wildnis nicht vertraut war. Der Fremde war nur noch wenige Schritte entfernt. Xoxo lauschte noch einmal völlig regungslos. Sie spürte nun die Nähe der fremden Gestalt und ihren Angstschatten, doch das Gras war so dicht, dass man nichts erkennen konnte. Dann gab ein Windzug, der über die Spitzen der Wildgräser streifte und manchmal Furchen darin zog für einen Augenblick die Sicht ins Versteck frei. Die Fremde hockte mit den Beinen fest angepresst und mithilfe ihren dünnen Arme fest umschlungen seitlich von Xoxo abgewandt. Sie blickte starr hinaus, dorthin wo ihre Gefährten warteten und man ihre Stimmen hören konnte, nahm Xoxo überhaupt nicht wahr. Sie hatte kurze zerzauste struppige kastanienfarbene Haare. Ihre Haut war fremdländisch braun, wie trockener Schlamm, so wie Xoxo es nur einmal gesehen hatte in den Grenzgebieten Stygiens. Die Fremde hatte eine Hakennase. Ja, es war eine Stygierin keine Frage. Sie war völlig nackt, sehr klein und zierlich, war aber dazu noch stark  abgemagert. Ihre Rippen schienen deutlich an der Seite durch und auch die Wirbel auf dem gekrümmten und von Peitschenstriemen gezeichneten Rücken. Man konnte alte vernarbte und frische Striemen von Stock- und Peitschenhieben erkennen. Xoxo war sich im Klaren, sie könnte ihr mit einem einzigen Tritt den Rücken brechen. Die Fremde war keine Gefahr, völlig wehr- und hilflos, zitterte am ganzen Leib. Wenn Gefahr drohte, dann von ihren Verfolgern oder ihren eigenen Gefährten. Der Wind legte sich und Xoxo preschte vor, kam direkt vor der Fremden zu stehen. Die Fremde rührte sich nicht, zitterte und der Angstschweiss lief ihr am ganzen Leib herunter, den sie fest umklammerte und ihren Kopf hatte sie nach vorn auf den Boden starrend gestreckt. Sie bot Xoxo auf diese Weise ihren ausgestreckten Hals offensichtlich zur Enthauptung dar. Es war das Zeichen der vollständigen Unterwerfung. Sie atmete laut und heftig, schluchzte dabei und erwartete Schläge, Peinigung und ihren nahenden Tod. Ihr Hals hatte tiefe Wund- und Würgemale einer Fesselung, ihre Hand- und Armgelenke auch. Ihre Füsse waren blutig aufgerissen, ihr ganzer Körper zerschrammt und von blauen Flecken übersäht, von den Zweigen, Büschen an denen sie vermutlich wie panisch hindurchgerast war. Xoxo legte ihre Axt langsam und ruhig auf den Boden. Und grübelte, welch stygische Brocken sie noch beherrschte. Ohne weiter nachzudenken, lag ihr ein Ausspruch bereits auf der Zunge, weil er melodische Ähnlichkeit hatte mit einem cimmerischen Gesang. Ja, den würde sie verstehen, wenn sie wirklich eine echte Stygierin war: "Keine Finsternis ist dem Kummer gleich. Erlischt die Seele in der Trauer, so brennt sie in der Todesflamme und im dunklen Rauch zieht sie über das weite Land. Heil dir, der du verletzt und lebend bist." Stille. Sie regte sich nicht, aber für einen Augenblick zitterte sie nicht mehr. Sie hatte verstanden. Xoxo betrachtete den Tränenfluss, der an den schmalen dürren Beinen der Stygierin in der Sonne glänzend herunterlief. "Ihr sprecht stygisch?" murmelte die Stygierin, noch immer zum Boden gewandt. "Ja, aber nur einfache Brocken der ländlichen Bevölkerung im Grenzgebiet." "Was ihr sagtet, ist aus einem uralten und heiligen Gedicht. Woher wisst ihr ?" Sie hustete. Dann bückte sich Xoxo, ging in die Knie und fasste sie leicht an den Schultern. Die Stygierin erschrak, schrie auf. Doch als nichts weiter passierte, verstummte sie sofort. Sie hatte offensichtlich nur Angst vor jeder Berührung und immer wieder um sich schauend vor den Verfolgern. Xoxo hob sie hoch. Beide standen nun sich gegenüber und ihr Zittern am ganzen Körper setzte wieder ein. "Schau mich an", sagte Xoxo. Sie riss ihren Kopf hoch als wöge er sehr schwer, schnaufte dabei und das Zittern setzte wieder ein. Ihr Kopf reichte Xoxo gerade einmal bis zu ihren üppig ausladenen Brüsten. Die Stygierin war kein Kind, sondern eine erwachsene Frau. Sie war dürr, ihre Rippen schienen durch und ihre Brüste waren erschlafft, zogen Falten. Sie war in einem schlimmen Zustand und würde allein sicher nur noch wenige Tage überleben sofern nicht Raubtiere sie nicht vorher entdeckten. Ihre dunkelbraunen fast schwarzen Augen hatte sie weit aufgerissen, waren völlig glasig und blutrot unterlaufen. Salzige Tränen rannen vereinzelt wie Kristalle die Wangen herab. Ihre spröden rissigen Lippen wipperten zusammengepresst wie bei einem Fieber. Sie rang um ihre Würde und um ihre Selbstachtung blickte nun Xoxo direkt an. Für einen Moment blieben ihre Blicke an der grossen dicken Narbe neben Xoxos Busen hängen. Xoxo war von ihrem Ringen um Haltung tief beeindruckt. Sie war unglaublich stark. Wieviele Gefangene hatte sie schon gesehen, sie hätten niemals den Mut gehabt ihr in die Augen zu sehen, meist nur unter Anwendung von Gewalt. Und ihr Blick, zwar völlig verzweifelt und ausgeliefert, aber darin war noch immer ein kleiner Rest Stolz und Würde sowie Mut und Entschlossenheit verborgen. Man hatte sie fürchterlich erniedrigt, aber nicht endgültig gebrochen. Sie würde sich davon erholen mit der Zeit. Sie mußte eine Städterin, vermutlich aus einem Tempel oder einem Palast sein, stammte der Statur nach sogar aus der Oberschicht, doch ihr abgemagerter Zustand liess nur eingeschränkt Rückschlüsse zu. Schwere körperliche Arbeit kannte sie sicher nicht, aber sie mußte unglaublich zäh sein, was zu allem gar nicht passte. So dünn und geschwächt konnten sich viele andere kaum auf den Beinen halten geschweige denn noch laufen, aber sie hatte es bis hierher getan. Und hier war offensichtlich Endstation. so schien es als wartete sie hier wie ein gejagtes Reh auf den reissenden Jäger. Sie zitterte unentwegt am ganzen Leib und der Schweiss lief an ihr unaufhörlich herunter. Xoxo blickte sie noch immer scharf einschätzend, aber nicht wütend an. Überlegte, was sie tun sollte. Eine gottverdammte Stygierin. Eine Katastrophe. Die Fremde rührte sich nicht, bemühte sich fest und aufrecht vor ihr zu stehen, wankte dabei sicher wegen schwindener Kräfte. Sie war so selbstbewusst und so verloren. Fast alle anderen wären auf der Stelle zusammengebrochen, würden betteln und flehen. Sie tat es nicht. Xoxo gefiel das sehr und war sich nun absolut sicher, dass die Stygierin keine einfache Dienerin oder Sklavin eines Palastes war. Warum sollte man sie sonst auch noch durch diese Wildnis jagen ?  Einen wertlosen Sklaven bestimmt nicht, der höchstens ein Fressen für die Krähen und Würmer war, denn es wäre ihr völlig neu, dass ein Stygier in der cimmerischen Wildnis je überlebt hätte. Tiefe blutunterlaufene Scheuer-, Schlag und Würgemale hatten ihre Spuren hinterlassen. Auch ihr rechter Oberarm wies solche Stellen auf. Man hatte sie sicher sehr häufig vergewaltigt und geschlagen. Ihr schmaler Brustkorb schien pausenlos vom rasenden Herzschlag zu erzittern. Sie hatte solch verdammte Angst, war sich zunehmend unsicher, ob Xoxo sie nun doch noch töten würde. Cimmerer waren aus ihren Erzählungen das Schlimmste, was sich Stygier vorstellen konnten. Xoxo mußte ein solcher entsetzlicher Anblick gewesen sein in ihrer cimmerischen Wildheit, weiblich kräftigen Üppigkeit und ihrem starken von Muskeln durchzogenen Körper. Die Stygierin betrachtete ihre Muskeln, die auch ihren Bauch wellig durchzogen, wenn ihr Bauch spannte wie bei einem durchtrainierten Krieger. Aber sie war eine Frau. "Sag, wie willst du hier überleben ?" Die Frage war für die Fremde völlig verwirrend, sie hielt sie für eine Falle, für ein Ablenkung. Ihr Herz raste jetzt und sie atmete immer heftiger und nach Luft schnappend. Xoxos Miene war kalt und ernst ohne Ausdruck, ohne Regung, aber auch ohne Hass. "Wir töten dich nicht. Auch wirst du nicht versklavt. Ich wiederhole es, hast du gehört ?" Die Stygierin schluckte, als würde sie einen Kloss herunterwürgen und nickte dann heftig. "Wir - töten und versklaven - dich nicht." Die kleinwüchsige Stygierin regte sich ab, fuhr langsam herunter.aber es hinderte sie etwas sich ganz zu beruhigen, schaute auf den Boden und zur Seite in die Ferne schweifend. Dann stammelte sie hervor: "Ich weiss nicht. Wir werden alle sterben. Sie werden gleich hier sein. Ich werde sterben. Und ... Ihr auch." "Ich sterbe nicht. Und du auch nicht, wenn ich es doch sage. Es wird dir nichts geschehen. Stell dich hinter mir. Warte ab und sei still." Sie wandte der Fremden den Rücken zu und fragte sich, wie das alles enden würde. Ihre Entscheidung hatte sich schicksalhaft auf ihre Lippen gelegt. So war es gesprochen. Dann winkte sie ihre Gefährten heran, die sie bereits kommen hörte und jetzt vor ihr zum Stehen kamen.

"Xoxo, was soll das ?" fragte Beolg aufgebracht. Neben ihm baute sich der riesige Chemir auf. Wallax und Xenay standen hinter ihr, griffen nach der kleinen Stygierin, die sich nun an Xoxo verzweifelt festklammerte und die Augen mit dem Kopf nach unten schloss. "Ihr macht ihr Angst, sie ist wehrlos und auf der Flucht vor unseren Feinden." Sie konnte nicht weitersprechen, denn es brach aus Wallax heraus: "Mann, seht euch das an, eine stinkende Stygierin. Und Xoxo beschützt sie." Er spuckte aus, wollte sie Xoxo fortreissen, doch sie drehte sich herum, wich ihm dann flink aus und ging einen Schritt zur Seite. "Lass sie in Ruhe," fauchte sie Wallax an. "Eh, was ist, diese kleine Hexe, ich zerhack sie in Stücke und häng sie für die Raben auf." "Nein, das wirst du nicht. Sie gehört mir, ich habe sie gefunden. Sie ist hier in der Wildnis und frei. Ich nehme sie mit in meine Höhle. Sie unterliegt weder Gesetzen des Dorfes, noch des Stammes, denn seine Grenzen reichen nicht bis dorthin. Deshalb lebe ich dort. Aber wir sehen uns auf dem Schlachtfeld, ich werde cimmerisches Blut nicht entehren. Und sie wird uns vielleicht verraten, wer die Feinde sind. Kenne den Feind besser als dich selbst, dann wirst du siegen." Es herrschte langanhaltenes eisiges Schweigen. "Beolg, du weisst, was mir in Stygien geschah, es waren Stygier, die mich gerettet haben. Einfache Nomaden. Es sind Menschen. Mit der Brut Sets und ihren schrecklichen Herrschern haben sie nichts zu tun. Viele von ihnen sind Sklaven. Ich gebe zurück, was sie mir gaben, so ist es Brauch." Beolg atmete tief durch, dann nickte er langsam, gab Wallax und Xenay, die von neuem nach der Fremden griffen und die sich um Xoxo hektisch herumwand, ein unmissverständliches Zeichen. Dabei knurrte er laut wie ein Bär. "Schluss jetzt." Sie hielten ein. "Scheiss Weiber ! Beolg, eine Stygierin bringt uns nur das Elend und Seuche." "Ja ? Wirklich ?"  Das ist doch eine verkrüppelte Vogelscheuche. Sie kommt nicht in unser Dorf. Steck sie von mir aus in deine verdammte Höhle. Mir egal. Bring sie aber niemals ins Dorf. Guckt sie dir an. Nur Haut und Knochen. Die frisst dir alle Vorräte weg. Am ende wird sie dich im Schlaf meucheln, vollgefressen von deinem Hab und Gut. Zeig sie mir. Mach endlich Platz. Er deutete, die andern zu sich heran, sodass sie ihn zu beiden Seiten umsäumten. Er wollte sie nur sehen. Von Angesicht zu Angesicht. Xoxo drehte sich ihr zu, dann schob sie sie nach vorn. Schubste sie. Sie schaute mit gekrümmten Nacken auf den Boden, zitterte wie vorher am ganzen Leib. Xoxo wisperte ihr zu:"Schau ihn an." Sie reichte ihnen mit dem Kopf nur bis zum Bauch und schaute rasend vor Angst in ihre Gesichter, in die düsteren Mienen hünenhafter kriegerischer Cimmerer, deren schweissöliger und lederner Körpergeruch wie eine Beize in ihre feine Nase stieg. Der massige Chimir wirkte mit seiner wilden Behaarung wie ein bäriges Ungetüm auf sie. Obwohl Xoxo sie festhielt, zitterte sie immer stärker am ganzen Leibe, japste nach Luft, es schien als würde ihr Atem stocken, dann begann sie zu urinieren. Den mächtigen Gestalten und ihren grimmigen und wütenden Blicken hielt sie nicht stand. Das Trauma der Torturen, die sie überstanden hatte, brach über sie ein, so als würden sie von neuem beginnen. Sie begann noch während sie urinierte zu ventilieren, dann kippte sie um.

"Mann ist die fertig, pisst hier rum wie Sau," Wallax feixte, schüttelte den Kopf dabei. Die anderen auch. "Viel Spass mit ihr, Xoxo. Am Ende kriegste die Maul- und Klauenseuche und läufst vor Mäusen weg. Miau !" Jetzt gröhlten alle vor Lachen, nur Xoxo nicht, sie fühlte Wut in sich aufsteigen über soviel Stumpfsinn, Stumpfsinn der tötet und erst danach die Fragen stellt, aber ja, sie war nichts anderes gewohnt von ihnen. Sie wandte sich gereizt zu Wallax um:"Sieh mich an, Wallax, sagt dir der Name Reallia was ? Ja ? Schon vergessen ? Niemand hätte damals jemals daran gedacht, dass sie heute als stumme Magd ihren belanglosen Dienst verrichtet. Es heisst, sie wischt den Dreck und die Kotze der Säufer mit ihren Tränen auf, wenn sie ihre Krämpfe kriegt. Und weil, niemand, der sie nicht kennt, glauben würde, dass sie einst die stärkste Kriegerin des Stammes war. Und nur deshalb lebt sie noch heute. Sie hat ihren Preis gezahlt. Und niemand im Dorf hat je eine grössere Summe an den Feind aufgebracht. Wallax, sag mir, wie sie aussah, als wir sie fanden, wieviel Zeit sie bei den Schamanen und Heilern verbrachte und was von ihr noch übrig ist!" Wallax schaute auf den Boden, dann schweifte sein Blick in die Weite zu den Abhängen hinauf. "Los sag es mir ..." "halt dein verfluchtes Maul, sei still du Hure, sie verdient es nicht mit einer stygischen Hexe verglichen zu werden. Sie ist stinkender Abschaum." "Hör auf Xoxo, das kannst du nicht vergleichen, genug," Beolg hielt seinen Arm vor Wallax. Selbst Chimir stampfte, von einem Bein auf dem anderen. "Schön, dass ihr euch erinnert. Und lange Zeit lief sie in Ziegenfellen herum, wie eine Bäuerin, um ihr geschändetes Anlitz zu verdecken, wie eine Leprakranke habt ihr sie laufen lassen bis sie von mir ein federweich gefüttertes Fell eines Schneeleoparden erhielt. Keines ihrer unzähligen Wundmale riss seitdem auf. Sie trägt es selbst in der Hitze, weil sie auch im Sommer friert. Vor ergreifender Dankbarkeit umarmte sie meine Beine, fiel auf die Knie, wie eine Bettlerin. Das habt ihr aus ihr gemacht." "Schluss jetzt", raunte Beolg ein letztes Mal. Den drängenden allmählich aufkochenden Wallax hielt er zurück. Zwischen Xoxo und Wallax passte kein Blatt. Xoxo wandte sich abrupt ab, beugte sich über die Stygierin. "Los, gebt mal was zu trinken her, ihr cimmerischen Hurensöhne," ihr Ton war wieder kumpelhaft, streckte frech und fordernd ihren Arm in Richtung Wallax aus. "Oder soll sie von eurem miesen Anblick sterben ? Ich habe immer gesagt, ihr seht sowas von potthässlich aus, dass die Milch versauert." Sie grinste neckisch, lachte für alle hörbar in sich heinein. "Was ist nun, soll mein Arm auch noch abfallen ?" Und tatsächlich nach einer Denkminute reichte Wallax ihr mit ausdrucksloser Miene seinen Trinkbeutel rüber. Der Streit war weggewischt. "Ich hoffe, das Zeug ist nicht vergiftet, das wäre eines Barbaren bei Crom nicht würdig. Sowas kenne ich nämlich nur aus Stygien ..." Jetzt lachten sie alle zusammen. "Aquilonien hast du vergessen," fügte Beolg hinzu.Man durfte sie nicht ernst nehmen mit dem, was sie sagten. Das einzige was zählte, waren ihre Taten. Und man mußte sie manchmal zurückholen, dorthin, wo die Wahrheit so hart und kalt war, wie Granit im Schatten. Sie träufelte der ohnmächtigen Stygierin nun den Beerensaft ins Gesicht und sie kam zu sich, blickte Xoxo wie aus weiter Entfernung an. In ihren Augen funkelte es kurz, wie in einem Diamant. Xoxo hob ihren Kopf mit einer Hand und sie trank nun, erst einzelne Schlucke, dann hastig. Sie war durstig, wie ausgebrannt, ausgehungert auch, war viele Tage unterwegs. Sie hatte sich ihrem neuen Los ergeben.

Es grenzte schon an ein kleines Wunder, ihren Häschern solange entkommen zu sein, so abgemagert und geschwächt wie sie war. Und warum hatten sie die Wölfe nicht gerissen ? Sie roch doch verdammt nach Blut. So dumm konnte sie also nicht sein. In einer Wildnis, von der sie überhaupt gar keine Ahnung hatte, dem sicheren Tod entronnen zu sein. Die Art ihrer Begegnung wies Xoxo innerlich unmissverständlich darauf hin, dass die Stygierin nicht die Absicht hatte, wie Reallia zu enden. Sie war verdammt stolz und zäh. In keiner ihrer Regungen fand sie Unterwürfigkeit - nur panische Angst und Entsetzen. Sie würde schon bald erfahren, wer die Stygierin war, was die Feinde ihr antaten, wer sie waren und wie sie kämpften. Und vermutlich würde sie die Cimmerer eines Tages noch überraschen.  

Sie war nur am Ende ihrer Kräfte, über lange Zeit misshandelt und ausgezerrt - sonst nichts. 




Dienstag, 29. September 2009

Belite II: "Befreiung aus den Qualen"

Nawatu wurde in einem kleinen Dorf im fernen Venoyha geboren weit vor der großen Hauptstadt Ayodhya des Herrschers Suma Shoka.

Das Dorf Akolum lag hinter den ausgedehnt angelegten bewässerten Feldern vor den kleineren auslaufenden Waldzonen des am Rande der Berge beginnenden Urwalds. Die Dorfeinwohner lebten überwiegend vom Handel mit nur über Trampelpfade erreichbare Walddörfer, von der Jagd und von der Anwerbung von Söldnern und Kriegern für den Herrscher. Jeder Krieger, den sie lieferten, minderte ihren Tributzoll und kostete dem Dorf keine zusätzliche Versorgung. Zwar unterlag ihr Dorf der derzeitigen Staatsreligion des Herrscherpalastes, dem venoyhanischen Mitra-Kult, sodass sie viermal im Jahr von einem Mitrapriester besucht wurden. Die friedlichen Mitrapriester nahmen es jedoch nicht so genau, wenn auch mit gemischten Gefühlen, solange die Akolumer sich keiner Todsünden schuldig machten, da es bereits zu den Dörfern der Ureinwohner gezählt wurde und als Bindeglied zwischen den Urwaldeinwohnern und dem Landvolk eine wichtige Funktion ausübte.

Der Mitra-Kult in dieser abgewandelten venoyhanischer Form war auch eine erst seit Jahrzehnten währende persönliche Modeerscheinung des Herrscherhofes und manches deutete daraufhin, dass bald mit dem jungen ehrgeizigen Herrscher Suma Shoka erneut ein Wandel folgen könnte. Dabei hatte der ursprüngliche naturverbundene Mitra-Kult in Venoyha seine Wurzeln, aber das Land war zu riesig und die Verlockungen für starke Herrscher zu groß, als das sie das interessierte. Es war einfacher die Religionsausübung den Staatserfordernissen anzupassen und unbequeme Gläubige mit einem Schisma zu belegen oder in öffentlichen Religionszeremonien zu foltern und zu töten. Viele befürchteten eine Entwicklung zu einer aggressiven Religionsausübung verbunden eventuell mit einem Wechsel der Staatsreligion. Deshalb wurde der venoyhanische Mitra-Kult von allen Volksgruppen im Großraum der Haupstadt nur sehr vorsichtig unterstützt, aber eben nicht von jenen, die ein eigenes Interesse an den Machtgelüsten des Herrschers hatten. Deshalb gingen die Dorfbewohner weiterhin ihren schamanistischen und okkulten animalistischen Glaubensriten nach, zumal sie ihre Mittlerrolle geschickt ausnutzen konnten und dies der Duldung unterlag.

Nawatu war eines von zwölf Kindern, neun Mädchen und drei Jungen, und ein Mädchen galt hier traditionell nicht sehr viel. Ihre Eltern verkauften zwei ihrer Töchter bereits sehr früh als Kleinkinder und zwei weitere kränkelnde liehen sie aus zum Steineklopfen an einem Nachbarn, sodass sie der Sippe nicht mehr zur Last fielen. Die anderen behielten sie zur Versorgung der Sippe und für die Erledigung lästiger und schmutziger Arbeiten. Die beiden Schönsten jedoch wurden gehegt und gepflegt, erhielten alle Vorteile, um so einen möglichst attraktiven, d.h. wohlhabenden Brautwerber zu gefallen. Die Jungen waren der ganze Stolz der Eltern, denn zwei davon eigneten sich schon sehr früh für den Weg des Kriegers, der andere jedoch taugte sogar auch als Händler, weil er sehr geschickt feilschen konnte und überragte alle. Das Geld, was sie später verdienten, benötigten sie für den Kauf ihrer Frauen, deren Mitgift den Aufwand dafür mehr als aufwogen. Je jünger die Frauen, desto geringer die Mitgift, desto höher aber die Gewißheit der Unberührtheit und Jungfräulichkeit. Das war der Grund, weshalb die überschüssigen Töchter schon sehr jung als Kinder vermittelt wurden. Außerdem gab es dann nicht so große Probleme mit den Äusserlichkeiten. Die Töchter, die von vornherein besser aussahen, hob man sich in aller Regel für später auf, da sie einen hohen Kaufpreis versprachen. Die Hässlichen gingen schwerer Arbeit nach und verschwanden irgendwann aus dem Blickfeld der Eltern, meist landeten sie in einem der großen Slums am Rande der Hauptstadt oder gerieten in die Fänge von Menschenhändler, die sie als Arbeitssklaven verkauften. Es gab aber auch mächtige Kannibalenstämme die diese manchmal zu höheren Preisen aufkauften, wenn es um große festliche Vorbereitungen ging und Überfälle auf benachbarte Stämme vermieden werden sollten. So war der Menschenhandel ein einträgliches Geschäft und half dem Herrscher manche Regionen für sich zu sichern und ohne teure Kriegszüge zu befrieden.

Im Falle Nawatus verlief alles irgendwie anders und recht ungewöhnlich. Dies kam daher, da die Augen Nawatus schon von Beginn an so ganz anders strahlten und Männer, ob nun jung oder alt, sofort in ihren geheimnisvollen Bann gerieten. Es waren hellbraune Augen mit einem ockerstrahlenden durchdringenden Schimmer, einige sagten wie der kräftige Schein der Morgensonne und von polierten Gold, andere wiederum verglichen es mit dem Glanz von schwerem heißem Metall einer Speer- oder Schwertspitze. Der alte, mittlerweile verstorbene Dorfschamane, hielt es für eine Spiegelung einer fernen Gottheit, die man nicht aufwecken solle, aber nicht für einen bösen Fluch, sodass Nawatu nichts geschah. Dieser besondere Umstand war der Grund, weshalb Nawatu schon sehr früh im Alter von vier Jahren zu einem wundersam hohen Preis an einen Nachbar, der wiederum ein Vetter des Dorfältesten war, verkauft wurde, noch bevor ihre wahre noch schlummernde Schönheit aufblühen und ihre verborgenen in ihr schlummernden Mächte erwachen sollten.

Ihre neuen Stiefeltern behandelten sie jedoch schon bald sehr schlecht, da der Sohn, für den Nawatu bestimmt war, nur wenige Jahre nachdem der Kauf von Nawatu abgeschlossen war, einer ranghöheren Dorftochter aus Zugewinnabsichten zugeführt werden sollte. Dies hatte der Ältestenrat des Dorfes so beschlossen, da der Sohn so übermaßen talentiert war und viele Gleichaltrige und sogar Ältere in seinen Fähigkeiten weit in den Schatten stellte. Er vereinigte schon sehr früh absehbar auf geniale Art die Fähigkeiten des Wirtschafters, des Verhandlers und Kriegers in einer Person.

Nawatu war nun überflüssig, auch wenn man überlegte, sie als leibeigene Magd und Nebenfrau für diesen Sohn beizugeben, da auch er sie behalten wollte. Doch hatte man aber überdurchschnittlich für sie zahlen müssen. Der Ärger darüber war sehr groß und diesen liess man Nawatu zunehmend spüren. Sie mußte schon im Alter von acht Jahren alle Besorgungen machen und später mit zehn dazu immer schwer schuften. Stets dreckig lief sie umher. Ihre allmählich erwachende wahre Schönheit wurde dabei vom Schmutz der Mühsal und der Straße überdeckt. Anfangs hatte der Sohn, für den sie bestimmt war, ihr noch tröstende Worte gespendet und ihr kleine Geschenke gemacht, doch im Laufe der Zeit hatte er nur noch Augen für die von seiner Sippe so sehr umworbene ranghohe Schöne, die ein Jahr älter war als Nawatu und schon sehr früh im Alter von zwölf Jahren erste reifende frauliche Reize ausspielen konnte und stets in besten Tüchern gehüllt war. So wendete er sich von Nawatu schließlich ab und wollte, als auch sie zwölf Jahre alt war nichts mehr von ihr wissen. Er bedachte sie mit der zukünftigen Rolle einer schäbigen Magd als Nebenfrau, wie es die Eltern wünschten, zumal er sie ja später nach Belieben gebrauchen könnte. Würde sie sich nicht einfügen, beabsichtigte er für sie einen höheren Preis bei den Menschenhändlern auszuhandeln, als man für sie einst gezahlt hatte. Das würde seine Verhandlungskunst gegenüber der ranghohen Familie bekräftigen und deren Respekt für ihn würde weiter wachsen. Er fand, das sei eine sehr geschickte Lösung und auch besser für Nawatu, als gepeinigt und ohne alles schwer verwundet, verstossen oder geopfert zu werden. Die anderen Gefahren, die ihr durch bei Menschenhändler drohte, wie z.B. als Lustsklavin oder Opferfestgabe, blendete er geschickt, auch sich selbst gegenüber aus.

Nawatu begann allmählich die Welt mit rauhen Augen zu sehen, in denen dieses grelle Blitzen und Funkeln immer stärker aufleuchtete, sobald sie andere Blicke erwiderte. Dies machte vielen zunehmend klammheimliche Angst und sie mieden sie, wo es ging und streuten böse Gerüchte. So fingen die Stiefeltern an, sie bei kleinsten Versehen zu schlagen oder tagelang in einen Stall bei den Schweinen einzusperren. Diese Zeit war sehr schlimm für Nawatu. Während andere Kinder die religiösen Dorfschule besuchen durften, um deren Riten und Gebräuche zu erlernen und wie man sich den männlichen Oberhäuptern und Sippenführern gegenüber gefällig dienend zu verhalten habe, zog dies nun an Nawatu vorbei, wie eine Wolke in der Ferne.

Sie hatte sich mit einem besonders intelligenten Schwein im Stall angefreundet, sprach mit den Tieren auf ihren manchmal tagelangen Wegen auf den Trampelpfaden durch die Wildnis zu den weiter entlegenen Dörfern. Mit einer auf einer gefährlichen, von allen wegen Tigerangst gemiedeten Lichtung beheimateten Kobraschlange verstand sie sich besonders gut. Überhaupt mochte sie Schlangen sehr. Die Kobra kam Nawatu schon bald aus dem Gebüsch entgegen, wenn sie des Weges kam und sie spielten mit einem Elfenbeinstab, den Nawatu vor längerer Zeit am Wegesrand fand. Dabei blühte Nawatu völlig auf, denn die Kobraschlange bewegte sich im melodisch geführten Rhytmus des von Nawatu geführten Elfenbeinstabs. Ja, es wirkte in Nawatus Vorstellungskraft so, als befände sie sich in einem großem mystischen Areal mit einem gewaltigen Publikum von Sehern und Zauberern und die Kobra war eine Riesenschlange gleich einem Drachen oder als befände sie sich auf einem einsamen Felsen in der Wildnis und würde dort mit furchterregenden Bestien ringen und diese beschwören, um schließlich magische und geheimnisvolle Zauberkünste zu vollstrecken.

Niemand wußte davon. Sie verbarg es allen, so gut sie konnte. Und ihre Gefühle zu verstecken, das hatte sie inzwischen sehr gut gelernt, weil sie es als lebenswichtig empfand. Sie entwickelte sich allmählich zu einem schönen frühreifen Mädchen, war sehr schlank, beinah drahtig und blieb offensichtlich kleinwüchsig mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung unbekannter Herkunft gleich einer magischen Aura trotz allen Ungemachs, dass ihr widerfahren war. Nur der Staub, die schmutzige Kleidung und die vielen Kratzer am ganzen Leib verhüllten ihre noch etwas kindlich geformte Schönheit. Für sie waren Menschen zunehmend jämmerliche Geschöpfe von niederen Beweggründen und Motiven getragen, wie Neid, Mißgunst und Gier. Sie hasste sie deswegen nicht, sondern verachtete sie nur, hielt sie für primitive Wesen, die alles beherrschen und knechten wollten und dabei auch die eigene Spezies versklavten. Soetwas kannte sie sonst nur von Insekten, den Ameisen und Termiten, die sie manchmal hatte beobachten können. Oder sie verglich sie mit den Wölfen der hügeligen Ebene hinter den Feldern, die auch ständig nach Beute lechzten. Nur bei denen wußte man, woran man war, denn sie kannten die Lüge nicht.

Einmal war sie dorthin hinausgegangen, wo sonst nur starke Jäger sich aufhielten, und ein Bär begegnete ihr neben einem stacheligen Busch auf einem Hügel, brummte grollend und sträubte seinen ganzen dunkelbraunen Pelz. Sie sah seine fletschenden Zähne. Zunächst absolut still mußte Nawatu auf einmal unwillkürlich kichern angesichts seiner Struppigkeit und sie hob ihren Elfenbeinstab in der gleichen Weise, wie es nur ein Dirigent vermag. Der Bär wendete sich ein paar Mal um die eigene Achse, dann brummte er mehrmals auf, kam Nawatu mit mehreren Sätzen bedrohlich nahe, blieb wie angewurzelt stehen, Nawatu rührte sich nicht und mit einem Male wendete er sich ab und lief wild hin und her springend in die weite Wildnis davon.



Eines Tages kam ein fremder ranghoher Schamane in das Dorf und ging nach einem Besuch beim Häuptling und dessen Dorfschamanen von Sippe zu Sippe. Nachdem er bei ihrer Sippschaft zu Gast Nawatu auf dem Hof das Feuerholz abklopfen sah und Nawatus Blicke, als sie ins Haus schaute, sich mit den seinigen zufällig kreutzen, empfahl er ihren Stiefeltern, sie schleunigst einem Ritual zu unterziehen, da sie von bösen Kräften beherrscht sei. Sie würde daran nicht sterben, aber sie würde danach innerlich gerichtet sein und die bösen Geister, die sie bewohnten, würden ihren Wirt verlassen. Nur in seltenen Fällen, wenn das Böse in ihr sich zu manifestieren suche, anstelle zu entfliehen, nur dann werde ihr schlagendes Herz dem göttlichen Ritual geweiht. Nur das könne man erst entscheiden während des Verlaufs und den nicht vorhersehbaren Ereignissen einer rituellen Zeremonie. Er sprach sogleich beim neuen Dorfschamanen vor, der sich unterwürfigst verhielt und es wurden die Vorbereitungen für das Blutfest getroffen.

Schon lange hatte es ein solches Ritual in dem Dorf nicht mehr gegeben und die Stiefeltern, die sie so schändlich behandelt hatten, jammerten, da sie noch immer auf Ersatz für ihren hohen Kaufpreis hofften. Der ranghohe fremde Schamane versprach, ein Ausgleich fände auf religiöse Weise statt und durch den Rang, den die betroffende Familie mit der Ausrichtung der Zeromonie erwerbe, werde dieser Ausgleich über die Jahre mehr als aufgewogen. Vor allem sei dies sehr vorteilhaft für den guten Ruf und die noch in diesem Jahr geplante Hochzeit des Sohnes. Das leuchtete den Stiefeltern sofort ein und auch der Sohn, der nur noch Augen für seine ranghohe Schönheit hatte, die mittlerweile im Alter von sechzehn Jahren bereits in voller fraulicher Reife und standesgemäß im überfälligen Hochzeitsalter befand. Die umfänglichen Hochzeitsvorbereitungen waren bereits in vollem Gange. Der Sohn hatte bereits zwei weitere Dorftöchter als Nebenfrauen vorbestimmt bekommen, da der ranghohe Clan der Zukünftigen darauf bestand, sollte die Tochter doch von häuslichen Arbeiten verschont bleiben. Und eine weitere Magd für die besonders schmutzigen Arbeiten würde sich unschwer finden lassen, falls Nawatu nun doch schon sterben sollte. Und so bemühten sich alle alles erdenkliche Gute zum Gelingen der geplanten grausamen Prozedur beizutragen, egal wie diese für Nawatu ausgehen würde, denn das lag in den Händen der göttlichen Zeremonie.

Indes die wahre Schönheit Nawatus, die sich nunmehr auch zu einer überaus naturhübschen jungen Frau entwickelt hatte, und ihre innere charakterliche Stärke und Weisheit, die sich im Umgang mit der Wildnis der Natur ausgeformt hatte, blieb allen weiter verborgen, da sie sie kaum beachteten und sie sie nicht pflegten, wie die anderen, sondern sie weiterhin schmutzig im Stall schliefen liessen und ihr das karge Essen wie den Haustieren auf einen angestammten Platz stellten. Doch Nawatu wußte sich auf ihren Wegen entlang den Wäldern zu helfen indem sie frische Beeren, Früchte und Kräuter pflückte und sich davon ernährte. Auch reinigte und pflegte sie sich heimlich. Einen Kamm und eine Knochenfeile für ihre Nägel hatte sie in ihrer Not vor einiger Zeit einem Händler unauffällig gestohlen, der diesen noch nicht einmal beim Verlassen des Dorfes vermisste. Sie badete an geheimen Seen und Flüssen. Ein schwarzer Panther, der ihre Fährte genommen hatte und ihr an einem großem Baum auflauerte, liess von ihr schwach fauchend ab, als sie völlig nackt, einer jungen schwarzen Urwaldgöttin gleich, einem duftenden mit blühenden Pflanzen bedeckten Teich entstieg. Sie sprach ihn leise und sanftmütig in ihrer scheinbaren Unbekümmertheit mit ihrer leicht in sich gekehrten Stimme an, so wie sie es bei allen Tieren tat. Auf ihrer dunkelbraunen glänzenden Haut perlte das weiche Wasser ihre schlanken Rundungen und vollen Brüsten entlang und es umgab sie die Aura einer wunderbar und seltsam berauschenden Erscheinung. Und es war diese Magie einer fremden in ihr ruhenden Kraft, die den Panther dazu bewegte, sich zur Seite zu legen und sie schmiegte sich an ihn, als wäre dieser Panther ganz zahm und seine Wildheit erloschen. Hätten sie jemals in dieser jungen geheimnisvollen Schönheit ein Krieger oder anderer Mann des Dorfes so liegen sehen können, hätte alles einen anderen Lauf genommen, da dieser sicher jeden Preis gezahlt hätte, nur um sie zu begehren, sie vermutlich einfach voller Begierde geraubt hätte.

Aber sie kam immer in staubigen Lumpen und zerzausten Haaren verschwitzt ins Dorf zurück. Nur einmal, als sie die erste Male ihre Regelblutungen hatte, waren mehrere Dorffrauen gekommen, hatten sie ein wenig gesäubert, um sie zu untersuchen und eingehender betrachtet, da sie nach uralten Brauch eine Beschneidung vornehmen wollten. Da sie aber zu diesem Zeitpunkt viele Schrammen und blaue Flecken und Prellungen aufwies und eine leichte Entzündung vorwies, hielten sie sich begleited von unflätigen Kommentaren zurück und liessen alles so wie es war. Später fragten die Weiber noch einmal bei der Sippe nach, doch der Vater wiegelte ab und sagte, dass der Sohn dies später entscheiden werde, so wie es ihm gefiele, da über den Verbleib und Handel mit Nawatu noch nicht entschieden sei. Eine Beschneidung mache daher noch keinen Sinn, da dies unter Umständen den Handelspreis an fremde Stämme, vor allem den Preis der Lustkultobjekte, also junger Frauen, die sie ihren Göttern opferten, schmälern könnte. Dies wolle seine Sippe unbedingt noch abwarten.

In den Abendstunden auf ihren mühsamen langen Wegen vor der geplanten Weihung als rituales Zeremonienopfer traf sie unterwegs, als sie kurz rastend auf der einsamen Lichtung mit ihrer Kobraschlange sprach und diese eifrig mit dem Elfenbeinstab dirigierte, auf eine stolze Reiterin, die wie eine furchteinflössende Kriegerin aussah, aber ihren Blick ganz anders und völlig furchtlos, sogar ungewohnt respektvoll erwiderte, als alle anderen Menschen, denen sie jemals begegnet war. Deshalb erschrak sie nicht und auch ihre Kobra schien wider Erwarten nicht in aggressive Stimmung zu verfallen. Die Kriegerin stieg von ihrem glänzenden dunklen Rappen und ging auf sie zu. In ihren grünen Augen war ein Aufflammen wie das des Steines der Öffnung zur Welt und der Selbstheilung, eine schillernde Mischung aus Achat und Amazonit. Die Kriegerin blieb nun in leichter natürlicher Distanz vor ihr stehen, senkte leicht ihren Kopf und schaute Nawatu klar und offen an. Sie war schlank und sehr hellhäutig ganz leicht gebräunt, wie aus den fernen Ländern des Westens, hatte dunkles gewelltes Haar mit kurz geflochtenen Zöpfen. Ihre Bewegungen waren höchst geschmeidig und sehr edel, wirkten aber entspannt und natürlich. Ihr Oberkörper war unbekleidet ohne Rüstung völlig entblößt und auch ihr wogender Busen war mit einer geheimnisvollen vollflächigen dunklen Bemalung überdeckt, deren Sinn Nawatu nicht verstand,. Es umhüllte sie ein großer Rückenumhang aus Edelwolle und Seide. Die Kriegerin berührte sie nicht, blickte ihr unentwegt in die Augen und sagte schließlich mit klarer Stimme zu Nawatu in ruhigen sehr ernsthaften Ton: "Du bist zu wertvoll, als dass du jämmerlich wie eine Ziege dahinbluten sollst. Ich sehe, welcher Gott dir mächtige noch schlummernde Gaben gab. Dass seine Arme bis hierher reichten, das erkenne ich nun an dir und war mir bisher unbekannt. Sets Arme reichen sogar bis in diese weitentfernte Welt. Kein Weg und kein Opfer scheint ihm zu weit, um das Böse in die Welt zubringen. Nun, schon heute Abend gehörst Du zu mir. Deine wahre Seele und Magie werde ich entfesseln. Deine Zaubermacht des Set wird Mitra dienen. Ich weiß die Sünde geht hier um und ich rieche sie wie die Pest. Deine Qualen werden mit einem grausam starken Schmerz beendet sein und deine Seele befreien. Das Feuer Mitras wird die Widerwärtigkeit verbrennen."
Auch die gefährliche und sonst so gefürchtete Schlange schien entgegen ihrer reptilischen Natur verwirrt zu sein. Die Kobra fixierte noch immer leicht drehend sowohl Nawatu und die Kriegerin, aber ohne zu zischen, wie bei gemeinen Menschen. Nawatu war wie gebannt, stand wie verwurzelt und ihr ockergelber Schein in ihren Augen flammte zu vulkanischer Farbe auf. Jedwede andere Person wäre voller Entsetzen davon gerannt. Doch die Kriegerin liess sich davon nicht beeindrucken, zeigte nur etwas Anspannung und ihre stählernden Muskeln schimmerten hinter dem satinhaften Schein ihrer Haut hervor und ihre bebende Brust wuchs mit dem tiefen Atem an. Ihre Augen hüllten Nawatus vulkanisch blitzendes Anlitz in einem eigenartig grünen Wiederschein betäubend ein. Die Kriegerin ging sodann zurück zu ihrem Pferd, winkte und ritt davon, verschwand im Dickicht so schnell und lautlos wie sie erschienen war.

Nawatu war noch immer stumm und regungslos und verstand das alles nicht. Noch nie hatte sie jemand in dieser aufrechten Weise angesprochen, sondern immer erst nachdem er sich mit ihren Stiefeltern in Verhandlungen befand oder sogar einig war, was aber in letzter Zeit nicht vorgekommen war. Und dann meist in einer herablassenen und entwürdigenden Art. Sie fühlte auf einmal echte Wertschätzung. Es war ein seltsames Gefühl. Ach, was wollte sie sich darüber den Kopf zerbrechen über diesen widerwärtigen Prozess. "Will sie mich denn etwa kaufen? Eine Edeldame aus hohem Hause ?" Nawatu hatte die Worte der Kriegerin noch nicht richtig verarbeitet, da selten mit ihr jemand sprach. Und noch nie war Nawatu einer Person von solch hohem Range begegnet. Dabei schien diese von Schmuck und Prunk nicht viel zu halten, vielleicht gab sie sich auch nur als solche aus, war nur eine Herumtreiberin mit gestohlenden Pferd, aber diese viele feinen und geheimnisvollen Dinge an ihr ? War sie überhaupt auf einen Handel aus ? Sie sah eher so aus, als würde sie sich nehmen, was ihr denn bestimmt sei. Nur eines wußte Nawatu sicher, sie würde dieser neuen Herrin überallhin folgen, da ihr das Dorf immer unheimlicher wurde. Manchmal hatte sie solche Angst, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren wollte. Und nicht nur das, sie verspürte neben der ehrfurchtgebietenen Ausstrahlung der Kriegerin eine innere Anziehungskraft, was sie bisher so nur von ihren Geschwistern von früher her kannte. Etwas Vorbestimmtes und Vertrautes, wie es nur dem gleichen Blut entspringen konnte. Aber wie sollte das möglich sein ?

Nawatu schossen verzweifelt soviele Gedanken durch den Kopf. Ihr wurde davon richtig benommen. Jedoch von der Tortur, die der Abend ihr bringen sollte, ahnte sie nichts, denn alle Vorbereitungen liefen um sie herum im Verborgenen ab. Nawatu hatte nur seit Tagen gespürt, dass etwas vor sich ging und ihre Stiefeltern sie nicht mehr so oft schlugen, was für sie wie eine Wohltat war. Sie ging nun ihres Weges zurück zum Dorf und die Kobra folgte ihr, wollte nicht mehr von ihr weichen. Nawatu gab es auf, der Kobra ihren Ruheplatz zu weisen bis sie verschwand, denn es wirbelten immer neue Spekulationen über die Reiterin in ihrem Kopf herum. Und sie hörte rätselhafte ächzende Stimmen aus den dunklen Tiefen ihrer Seele, die sie so noch nie vernahm. Etwas erschöpft und einem leichten Schwindel gleich näherte sie sich dem Dorfeingang und klopfte ihren Namen rufend gegen die große Eingangspforte inmitten des manneshohen Palisadenzaunes. Wie immer öffnete die Pforte sich, sie schritt hindurch und nach dem Schliessen und Einschnappen des starken Riegels wurde sie hinter der Schwelle aus dem Dunkel gleich an den Armen gepackt. Sie spürte einen dumpfen Schlag an ihrem Kopf von hinten der ihr bis ins Rückenmark fuhr und verlor sofort das Bewußtsein.





Als sie aufwachte, war um sie herum ein bengalisches Schimmern von Fackeln und Kerzen eingehüllt in einen Duft von Weihrauch. Wasser lief von ihrer Stirn und brannte in ihren Augen. Sie lag auf dem Rücken aufgebahrt, konnte sich nicht frei regen und bewegen, weil ihre Hand- und Fußgelenke gefesselt waren. Ihr Körper war völlig unbekleidet, nackt und überall mit okkulten Symbolen bemalt. Um sie herum sah sie die Dorfbewohner in festlich leichten Gewändern und vor ihr standen mit ihren Dienern zur Seite der ranghohe Schamane und zur anderen Seite der Dorfschamane. Sie murmelten gebetsartig vor sich hin gleich einer Beschwörung. Immer wieder träufelte jemand salziges Wasser auf ihre Stirn und in ihre Augen, um das ockerfarbene Aufleuchten ihres Blickes zu behindern und sie von den Geschehnissen stark abzulenken, hielt ihren Kopf an ihren Zöpfen dabei ziemlich fest in Haltung.

Sie war gebannt, konnte nicht wirklich schreien, wimmern vermochte sie auch nicht. Sie presste und biss sich verzweifelt auf die Lippen, die aufplatzten und blutig liefen.

Der Dorfschamane begann nun entlang den okkulten Körperbemalungen auf ihrem Leib ganz fein mit einer gespitzten Vogelkralle zu ritzen. Sie zuckte krampfartig, da ihre Haut an vielen kleinen Stellen fürchterlich zu brennen begann und windete sich verzweifelt unwillkürlich in alle Richtungen. Die grausame Prozedur war noch nicht zu Ende, da wurde sie vom drückend schweren Unterleib eines Vermummten mit langsamen Stössen aufwärts geschoben und sie spürte, dass etwas Hartes in ihr tief und unbarmherzig eindrang. Sie stöhnte voller innerer Qualen. Es war alles so unwirklich und ehe es voll ihr Bewußtsein erfasste, was ihrem jungfräulichen und unbefleckten Körper geschah, spürte sie auf einmal ein eisig kaltes Metall auf ihrer erhitzten Haut über ihre gesamte Brust schräg und langsam hochgleitend das Fleisch aufschlitzen. Der furchtbare Schmerz betäubte ihre Sinne und noch immer konnte sie nicht aufschreien, sie schrie in sich hinein, wimmerte schließlich matt und aussichtslos vor sich hin. Sie versank ohne ihr Bewußtsein zu verlieren in ein Meer von Tränen und eine Grube tiefer seelischer Dunkelheit. Ihre Hand- und Fußgelenke waren angelaufen und blutig gescheuert vom Zerren an den Fesseln.

Der Ritzer stand nun vor ihrem Kopf, wollte auch dort die Ornamentik auftrennen. Plötzlich tobte eine Schockwelle durch den ganzen Raum und es brach ein enormes von Wut und Panik erfülltes Gebrüll um sie herum aus und Mengen von Blut spritzten zu allen Seiten, ganze Gliedmaßen, ja sogar die Köpfe flogen über sie hinweg und wirbelten triefend umher. Nawatus Kopf wurde losgelassen und sie hörte den mehrfachen dumpfen Aufprall der leblosen Körper ihrer Peiniger am Kopfende. Sie sah verschwommen ein unentwegt sichelartig drehendes, zermalmend schwertgleiches und feuriges Metall in der Luft wirbeln. Überall Blut ! Der ausgebrochene Tumult brach zusammen in einem grausamen Blutbad gleich einem Massaker.

Das grosse kühle Messer noch immer längsaufliegend nahe der Brust am Oberbauch ruhte nunmehr still und einsam in ihrem Fleisch. Der Arm, der es hielt, lag nun mit geöffneter Hand abgetrennt daneben. Ein Blutquoll schoss aus dem enthaupteten Rumpf des ranghohen Schamanen, ein Blutstrom aus Hals und Armstumpf, bis dieser wie eine leblose Statue mit einem einzigen weit ausgestreckten Arm erstarrt zur Seite fiel. Nawatu drehte ihren Kopf weg und zerrte an ihren blutgetränkten Fesseln, doch die Bewegung des in ihrem Fleisch ruhenden Messers dämmte erdrückend ihre qualvollen Bemühungen zu sehr ein. Es war ein unerträglich tiefer Schmerz, der nun ihren Körper durchdrang. Sie spürte mit jeder geringsten Bewegung ihr eigenes Brustgewebe zerreisen. Ihr Unterleib und ihr Oberkörper waren von brennenden Schmerzen ganz und gar bis ins Knochenmark erfasst. Ihr wurde kalt. Flammen breiteten sich um sie aus und die Schreie und der Krach von wilden Gestalten und Gliedern waren verstummt. Dunkle Schwaden von Feuerrauch und Gerüche von Blut umgaben sie nun, vermischten und verdrängten den schwüligen Weihrauch.

Schon weit entrückt konnte sie das Klirren des großen Messers aus ihrem Körper auf dem Steinfußboden blechernd grell, einem Gongschlag gleich, übernatürlich laut hören. Spürte einen erlösenden heisswarmen Blutschwelg sich über ihren frierenden Körper ergiessen. Und wie hastig starke, aber schlanke Finger nach ihrer Brust griffen, entlang der Schnittwunde mehrmals drückten, klammerten und pressten, um die starke Blutung zu stillen. Sie erkannte im feurigen Widerschein eine ihr bekannte Gestalt, die entblößten wogenden Brüste mit der geheimnisvollen Bemalung und die grün funkelnden Augen. Diese stand völlig blut- und russverschmiert da in all ihren schnellen Bewegungen, als würde die Feuerbrunst sie nicht erfassen und ohne erkennbare eigene Verletzung. Nein, als würde sie selbst von einer glühenden Feuerhaut umgeben.

Dann saugte die Kriegerin mehrmals ihre große Wunde entlang, spie es wiederholt aus und träufelte im gleichen Zuge etwas hinein, die ganze Breite entlang, sodass es wahnsinig wie eine Säure brannte. Nawatus Schläfen hämmerten. Nawatu sah wie sich die mächtige Schwertspitze gelbocker glühend, genauso wie der Blick ihrer Augen, dampfend auf ihre Wunde legte. Ihre Nervenbahnen spannten sich wie Drahtseile und zerrten wie ein Spinnennetz in ihrem Fleisch. Nawatu verlor dennoch nicht das Bewußtsein, denn ihr entbehrungsreiches geknechtetes Leben und die Natur der Wildnis hatten ihr gelehrt mit starkem Schmerz umzugehen, auch wenn dieser Schmerz der grausamste in ihrem Leben war und wirklich überall beissend brannte. Der Dampf ihres eigenen Fleisches umgab ihre Sinne und der Feuerrauch in der großen hausgleichen Hütte. Nun legte die Kriegerin eine grünbläuliche, triefende und eiskalte Kräutermasse darauf und darüber ein großes netzartiges Wundkissen, drückte fest aber sanft mit ihren kraftvollen Händen. Ein gleissender minzartiger Stoss schoss durch Nawatus Blutbahnen. Nawatu begann zu röcheln und zu husten.

"Verdammt ! Atme nicht! Bei Mitra! " rief sie energisch zugleich zutiefst besorgt Nawatu zu. Strich dennoch zart mit ihrer Hand über Nawatus Mund und seufzte luftholend: "Kein Blut! Mitra sei dank !" Meinte damit, dass kein Blut aus Nawatus Nase, Ohren und Mund drang und keine offensichtliche Gefahr bestand, dass ihre inneren Organe Schaden genommen hatten. Die Kriegerin legte kurz ihre Finger gestreckt auf Nawatus Stirn, die ihre Augen in einem total von Schmerz erfüllten Ausdruck ihres Gesichts schrecklich weit und weiss starrend geöffnet hatte. Und Nawatu sah obwohl der ernsten, hochkonzentrierten Kämpfermiene der Kriegerin, glänzende Tränen die Wange hinunterlaufen und entdeckte an ihrer Stirn, was ihr zuvor auf der abendlichen Lichtung entgangen war, eine bläuliche Tätowierung in der ungefähren Form eines Blattes.

Sie befreite Nawatu nun eilig von den Fesseln, zog flink und flüssig die Stricke unter ihren Rücken und zurrte diese nicht zu fest um Nawatus Brustkorb mit einem Schlingenknoten. Die Kriegerin hob mit sehniger Anspannung Nawatus Oberkörper mit angelegten Armen in der Waagerechten, schritt so eiligst durch die Flammen hinaus ohne auch nur Luft zu holen. Nawatus Kopf und ihre blutverschmierten Beine hingen dabei baumelnd nach unten. Auch aus ihrem Unterleib sickerte Blut, dass an ihren schlaffen Schenkeln bis zu ihren Zehenspitzen entlanglaufend auf den Boden tropfte.

Derweil sprach sie zu Nawatu: "Ich mußte sie auf frischer Tat erwischen, deine Schändung hätte als Beweis niemals gereicht, aber der rituale Schnitt mit dem Messer war die nahende Vollendung ihrer Grausamkeiten. Dein schlagendes Herz konnten sie nicht mehr fressen. Sie brennen nun und morgen sind sie Staub und Asche. Aber - Mitra sei Dank - Du lebst !" Lachte dabei laut und triumphierend auf und hob den rechten Arm dabei nachdem sie Nawatu auf einem Ruheplatz gelegt hatte. Dann hochaufgerichtet streckte sie beide Arme weit geöffnet zum funkelnden Sternenhimmel Venoyhas auf, liess ihren Kopf mit ihren schwarzen Haaren in den Nacken fallen und das Mondlicht strahlte leuchtend auf ihre emporgestreckte bebende Brust mit der mystischen Bemalung, die das Licht in feinsten Strahlen zu reflektieren schien. "Mitra!" rief sie aus. "Deine Freundschaft für ihre Seele. Dein Herz für ihre Fruchtbarkeit. Deine Gnade für Ihr Leben. Mein Leben als deine Vollstreckerin bis in den Tod."

Nawatu stöhnte von Krämpfen durchzogen auf, rang nach der klaren Luft, spürte die gespenstische Totenstille um sich herum, die nur vom entfernten Geräusch der Flammen und knirschenden Holz duchdrungen war, und rief voller Entsetzen, aber äußerst geschwächt heraus: "Habt ihr denn alle, das ganze Dorf getötet?" Während die Kriegerin Nawatu behutsam auf eine mit einer dicken Decke ausgelegte Bambusliege legte, erwiderte die Kriegerin um Fassung ringend: "Die schänden, verstümmeln dich, wollten dir dein Herz bei lebendigen Leibe rausreissen und du wagst mir quer aufgeschlitzt solche Fragen zu stellen? Du müßtest dich sehen. Bist du denn nicht Tod zu kriegen ? Hat dich etwa die Hölle geschickt ?"

Nawatu schüttelte heftig und ungläubig voller Entsetzen den Kopf und ihre Augen wurden dabei immer größer.

"Halt!" Belite beugte sich zu ihr hin und legte behutsam ihre Hand auf Nawatus Schulter. "Du bist es wirklich wert ! Jede gemeine Bluttrophäe.“ Dann schrie sie unbeherrscht und ringsherum schallend laut auf: “Ja, eigentlich hätte ich das wirklich tun sollen – das ganze vergiftete Dorf ! " Nahm einen geschwungenen Wurfdolch und schleuderte ihn krachend in den zentralen und heiligen Hauptpfosten des Dorfplatzes, fuhr sodann ruhig zu Nawatu hingebeugt aber voller Grimmigkeit fort: "Nein, nur die Wachen, den Kultfanatiker des Set, die primitiven Schamanen und ihre Diener, den Häuptling, den vermummten Peiniger habe ich noch mit einem Wurfmesser erwischt und wer sich mir sonst entgegenstellte." Dann lauter: "Ich hätte ihn kastrieren sollen. Die anderen liefen vor den Flammen und voller Angst davon - zurück in ihre schäbigen Löcher. Dies wird ihnen eine wahre Lehre sein." Sie richtete sich erneut auf, drehte sich in alle Richtungen schauend um und hob wutergreifend ihre rechte Hand mit ihrem Schwert in die Höhe und rammte mit der linken einen Speer fest in den Boden: "Ich warne euch, lasst euch nicht sehen oder ihr seid tod. Ich lösche euch sonst alle aus. Erst wenn ich weg bin, könnt ihr den üblen Dunst eurer Sippe weiter verbreiten. Sollte ich wiederkommen, bleibt von eurem Dorf nur ein Grab.“

Dann auf einmal völlig besonnen und weich wie eine Feder direkt zum Ohr von Nawatu leise flüsternd zugewandt: „Ich bin Belite, Hohe Dienerin Mitras, und ich heile dich. Du gehörst jetzt zu mir. Halte ein ! Du machst mir wirklich Sorgen, wenn du dich aufregst. Huste nicht, hörst du, die große Brustwunde darf nicht erneut aufbrechen. Hast du verstanden ?" Die Kriegerin lächelte auf einmal so warmherzig, schaute erleichtert auf das Wundkissennetz mit der Kräutermasse, strich Nawatu zart über die pochende Schläfe und durch ihr grünlich glänzend gefärbtes Haar und bedeckte den von okkulten Bemalungen und von vielen blutverschmierten Schlitzwunden übersähten nackten Oberkörper Nawatus mit einem leichten samtweichen und luftigen Seidentuch. So ein edles und weich anschmiegsames Tuch hatte Nawatus Haut noch nie gefühlt. „Was ist mit meinem Gesicht ?“ platzte es erschrocken aus Nawatu heraus ?

„Ruhig, dein Gesicht ist so schön wie die aufgehende Sonne, so erfrischend süß wie eine Mangofrucht und so anschmiegsam wie das eines Streifenhörnchens.“ In Nawatu erströmte völlig erleichtert ein unendliches Glücksgefühl, sie freute sich so sehr trotz der vorangegangenen Folter und Qualen. Seit Jahren - wohl noch nie - hatte niemand soetwas Liebes zu ihr gesagt.

„Das Wurfmesser steckt noch immer in diesem sadistischen Hund“, grummelte Belite bissig vor sich hin. "Ich hol es mir morgen zurück, wenn er verkohlt ist. Boah, dieser fürchterliche Gestank. Diese sadistischen Schweine !" Sie fuchtelte mit ihrem Arm in einer dicken Rauchschwade herum, dann öffnete sie Nawatus rechte Hand und legte etwas Schlankes hinein und ganz flink und fest schloss sich Nawatus Hand. Es war alles, was ihr gehörte, ihr einziger wahrer Schatz. Es war ihr kleiner Elfenbeinstab. „Den werde ich dir nicht vorenthalten meine kleine Priesterin, auch wenn er einer anderen fürchterlichen Gottheit, dem stygischen Set, dienen sollte, wir werden uns nicht knechten lassen und Mitra zu ihm bringen,“ sagte die Kriegerin höhnisch und mit dämonisch anmutenden Unterton.

Doch Nawatu vernahm dies nicht mehr. Nawatus Sinne kreisten und dämmerten unaufhaltsam dahin in fremde ferne Welten, alles ging so rasend schnell und über ihr lag der klare Sternenhimmel Venoyhas. Das war alles, was Nawatu noch mitbekam bevor sie vollkommen ohnmächtig das Bewußtsein verlor und in wahnsinnigen Träumen versank.

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