"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel."


"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel." - Marie von Ebner-Eschenbach

Molon Labe versteht sich als privates Story- und Fansite-Projekt des von dem fantastischen Erzählwerk Robert E. Howards inspirierten Massive Multiplayer Onlinegame Age of Conan.

Vor allem ist es ein Schreibprojekt von Geschichten rund um die gespielten Charaktere, angeregt durch das Spielgeschehen Hyborias in Age of Conan wirkt es schliesslich in einer eigenen fantastischen Welt vorantiker archaischer Zeit - ganz im Stile von Sword, Sex and Sorcery.


Sämtliche Veröffentlichungen sind Entwürfe oder Manuskripte, also unfertig. Es geht dabei nicht um literarische Meisterschaft, sondern um das einfache Erzählen mithilfe des Schreibens.

"Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter." - Ralph Waldo Emerson




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Belite, die Eroberin - Hohe Dienerin Mitras


Hier entstehen die Geschichten um Belite, eine sagenhafte Gestalt uralter Legenden grauer Vorzeit.

Eine Kriegsamazone, selbstsicher und unabhängig, die einzige weibliche Primus Centurio des Blutordens der Mitraner in einer brutalen männlichen Welt der Gier nach Macht durch Unterdrückung und Unterwerfung.

Belite ist gütig und liebevoll, tugendhaft und aufrichtig. Freiheit und Gerechtigkeit gehen ihr über alles.

Belite betet Mitra an, die ihr schliesslich auf fernen Reisen in einer Vollmondnacht erscheint, ihr das wahre weibliche Anlitz der Naturgöttin zeigt und sie zu ihrer Erleuchteten im ewigen Krieg gegen die dunklen Mächte der Unterwerfung und Zerstörung macht.

Einsam, aber nicht allein tritt sie für die Schwachen, Armen und Wehrlosen ein, wird aber von diesen als unheimliche Bedrohung angesehen, denn dort, wo sie Magie und Schwert hinführen, gerät die alte Ordnung aus Betrug und Falschheit aus den Fugen.

So wird aus ihr eine einsame Abenteurerin im Zwiespalt mit der Welt und im Ringen mit den beherrschenden Mächten. Deshalb erscheint sie verflucht, verfolgt, ist ihrer Bestimmung und ihrem Schicksal ergeben.

Belite ist die Keimzelle für eine kleine eingeschworene Gemeinschaft voller Sehnsucht und Hingabe, junge und eigensinnige Gefährtinnen, die ihr in freiem Willen ergeben sind und gemeinsam mit ihr traumhafte Momente der Glückseeligkeit und tiefgrausamen Qual erleben sowie in wundersamer Weise todesmutig für das Gute eintreten - bis zum Untergang.

Es gibt kein Entrinnen oder Erbarmen. Unerbittlich gibt es nur eine Entscheidung: Gut oder Böse - Leben oder Tod !

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Mittwoch, 29. Mai 2013

Xoxo. Die Cimmererin V - Untergebracht


Kaum hatte Xoxo mit dem Plündern der Leichen begonnen, brach Vajria zusammen. "Es ist einfach zuviel, so schwer, alles ... mir ist schwindelig", seufzte Vajria erschöpft. Ihr Gesichtsausdruck war dabei seltsam entspannt, sie schien zu lächeln, "bitte, lass mich hier nicht allein, ..." Vajrias Kopf fiel zur Seite und ihr ganzer Körper sackte weg als Xoxo sich über sie beugte. "Nein, mach ich nicht und du stirbst nicht, vor allem jetzt nicht, wo alles vorbei ist." Xoxo stand auf, als sie sich sicher war, dass Vajria zwar zusammengesunken, aber keine Gefahr um ihr Leben bestand. Vajria war einfach am Ende ihrer Kräfte. Es blieb ein Rätsel, wie sie so schwach und abgemagert bis hierher gekommen war und dann dazu noch in der Lage war, ihre Wurfpfeile so zielsicher und in dieser Wendigkeit zu schleudern. Xoxo wusste darum, wie es war, schwerverwundet und völlig ausgelaugt zu sein. Es konnte plötzlich über ein kommen, dann war man weg. Sie war sich jedoch sicher, die kleine geheimnisvolle Stygierin würde sich schon bald erholen und zu Kräften kommen, dann würde sie sich bald einen Namen machen, sodass man sie entweder töten oder verehren würde. Ja, ganz ohne Scherereien würde es nicht ablaufen. Eine Stygierin in Cimmerien, das war nur was für Verrückte. Trotzdem, es gebührte ihr Respekt, vor allem, da sie ohne jegliche Arroganz und typischer Hochnäsigkeit stygischer Herrschaften aufgetreten war. Dies hatte Xoxo am meisten verwundert. Nun, bis zu diesem Wahnsinn, dachte sie, bis dahin ist noch Zeit und viel Blut würde die Berge hinabrauschen, eine Schlacht würde den Krieg gegen die Invasoren nicht entscheiden. Es würden noch viele folgen. 


Sie begann nun mit der Plünderung fortzufahren, sammelte die fremden Schmuckketten ein, nahm einige Rüstungsteile, die aus seltenen unbekannten Material geschmiedet waren und packte alle Waffen zusammen, warf alles auf einen Haufen. Die Leichen liess sie liegen, doch ihre Köpfe spiesste sie auf einer ihrer Lanzen auf und stob den Stiel in den Boden. Dann lief sie schnell zu den Hängen, brach einige Äste heraus und band diese mit den Wildgräsern rasch zu einer einfachen Tragbarre zusammen. Sie trat nochmal mit vollem Körpergewicht auf die Verspannung. Es hielt und war fest. Flink hatte sie alles draufgeschichtet und Vajria daneben angeschnürt. Dann spannte sie sich davor, die Gürtel der Feinde benutzte sie als Riemen, wovon sie einen um ihre Stirn legte und dann loszog. Das alles war viel leichter, als was sie gewöhnlich an Wild an einem Jagdtag erlegte. Ein Säbelzahntiger oder ein ausgewachsener Büffel wogen zigmal soviel, eigentlich zu schwer für einen kräftigen Jäger. Bergauf machte es sie hin und wieder doch zu schaffen und sie war am spucken und fluchen. Vajria schlief fest, manchmal stöhnte sie, öffnete die Augen für kurze Zeit, sagte aber nichts, starrte in den Himmel. Xoxo gab ihr dann schnell was zu trinken bevor sie wieder wegsackte. Vermutlich hatte sie tagelang auf ihrer Flucht nicht mehr geschlafen. So zog Xoxo Vajria und die Kampfesbeute den ganzen Rückweg bis zu ihrer Behausung. Sie brauchte mehr als die doppelte Zeit, die sie sonst für diese Weg benötigte und als sie dort eintraf, brach bereits die Abenddämmerung herein.


Es sollte ein herrlicher cimmerischer Sonnenuntergang werden, der die ganze Umgebung in ein sattes orangefarbendes Licht tränkte. Sie liebte das, stellte sich völlig nackt mit gestreckten Beinen und ausgebreiteten Armen dem Sonnenlicht zugewendet auf und liess ihren Kopf leicht und wonnig in den Nacken fallen. So umarmte sie die Sonne und sie war glücklich, den Kampf überstanden und Vajria gerettet zu haben. Sie war mit sich im reinen und die Götter, da es soviele gab, waren ihr sicher. Nur Crom blickte argwöhnisch drein, als nähme er es ihr übel, die Stygierin nicht geopfert zu haben. "Das Blut meiner Feinde floss wegen ihr. Darüber solltest du dich freuen. Es sind auch deine Feinde. Die Feinde Cimmeriens und der Welt. Aber da du ihr Blut verachtest, ist es ist nicht dein Blut. Ich weihe es dem Blutrot der Sonne, der ewigen Mutter der Natur. Crom, du gemeiner Narr, geh hin zu deinen Mannen. Tränke mit ihrem Blut dein Schwert und lasse deinen Zorn bejubeln. Aber Vajria ist mein, ich hasse die Stygier nicht, denn Stygien war gut zu mir, verdanke ihnen mein Leben. Lass uns gemeinsam die Setisten und ihre sklavische Brut hassen. Sie sind die Feinde unserer Welt. Aber Vajria wird unser Land lieben, mehr wie dich und doch so sehr wie du. Sie wird ein Teil davon und Kunde davon in ihre Heimat bringen. Ein Kleinod über das selbst du bald wachen wirst, auch wenn du sie jetzt verfluchst wie alles Fremde und Unbekannte, ja, du wirst sie sogar lieben, als wäre es dein eigenes Kind. Und es wird deinen Zorn heraufbeschwören, wenn ihr jemand etwas tut ..." Sie hörte ihn wütend aufstampfen und böse fluchen. "Ja, ich höre dich. Polter nur du Rauhbein, ich kann nur darüber lachen. Du brutales Mannsbild eines Gottes, ihr seid doch alle gleich. Fast war es ihr, als hörte sie einen Knall vom lauten Zuschlagen der Tore des Hauses Crom. Doch sie ignorierte Croms schlechte Stimmung, war überzeugt, sich nicht in Vajria zu irren, wog sich rhytmisch in den Sonnenstrahlen, tanzte leicht und spürte ihre schamanische Kraft bis auch sie die Müdigkeit überkam. Sie entzündete noch schnell die alte Glut des Feuers, auch eine Fackel stellte sie auf. Dann legte sie Vajria auf ein aus federnden Zweigen und weichen trockenen gestauchten Gras bereitetes Lager, dass sie immer für Gäste hergerichtet bereit hielt. Xoxo cremte noch ihre Wunden. Die tiefe Schulterwunde brannte, als sie die ölige Medizin darauf träufelte, zog die Haut wie eine Beize zusammen. Doch sie war sich sicher, es war ein heilender und gesunder Schmerz. Die Wunde konnte ihr nichts anhaben. Weder war sie wirklich tief genug, noch war sie entzündet. Böse Wunden schmerzten anders oder manchmal gar nicht, brüteten im Innern ihre Fäulnis aus. Vajria schlief schon sehr fest und auch Xoxo wurde jetzt von der Müdigkeit überwältigt. Sie schaffte es noch, zwei ihrer Lieblingsfelle vor das Feuer auszulegen, nahm noch einen guten Schluck vom Beerenmeet, dann schlief auch sie am Feuer vor ihrer Höhle ein.


Das plätschernde Wasser in der steinernden Abflussrinne drang laut an Xoxos Ohren und weckte sie auf.  Vajria hatte die Dusche ausfindig gemacht und nutzte sie sogleich. Manche ihrer Stammesbrüder und -schwestern taten sich da schwerer, waren völlig unbeholfen diese Vorrichtung in Betrieb zu nehmen, da ihnen der Gebrauch unbekannt war, kam Xoxo in den Sinn. Ihr Zuhause mußte Vajria dennoch so primitiv vorkommen, die es sicher gewöhnt war, in Palästen und Tempeln mit unvorstellbarem Luxus zu leben. Wie es wohl Cyantia gerade bei den Mitranern erging ? Bald würde sie sie erneut besuchen. Xoxo räkelte sich und musterte ihre Wunden, die sie bereits gestern mit einer Kräuterpaste versorgt hatte. Sie waren nicht tief genug. Ihre Schulter lahmte nun doch, zog sich steif zusammen wie bei einer schweren Verrenkung, was sich aber nach einigen Streckungen wieder gab. Sie setzte sich auf in die Hocke, schaute den Hang hinab in die Weite. Lauschte dazu dem allmorgenlichen Konzert der Vögel tief unten in den Waldesrändern und auf den Hängen des Berges und beobachtete ein Reh in der Ferne. Sie schüttelte den Kopf, rieb sich die Augen, schaute neben sich auf das Rinnsal des Duschwassers.      


"Na, was sagst du dazu ? Einen Tempel habe ich dir nicht versprochen" rief Xoxo nach hinten, sitzend mit dem Rücken der Höhle zugekehrt, als das Geräusch des Wassers aufhörte. "Ich weiss", kam es prompt zurück, "doch so eine erbärmliche Höhle ist es nicht. Und deine Duschvorrichtung, damit habe ich gar nicht gerechnet, wie bei uns in Stygien, ich habe mich so gefreut, als ich sie sah. Ich mußte sie sofort in Betrieb nehmen. Ich habe seit Monaten nicht so geduscht und mir war dabei, als würde ich soviel Dreck abspülen, wie mein ganzes Leben nicht - soviel Schmerz und Schlechtigkeit." "Kommst du denn dabei mit einem Eimer aus ?" "Ha,ha, ja verdammt, ich bin doch keine miese Schlampe, das Wasser tut so gut und es duftet so herrlich vom fruchtigen Öl." "Ja, da habe ich die Idee auch her und habe sie hier aufgebaut. sowas findest du sonst nicht in Cimmerien." "Was dann?" "Frag lieber nicht, ich bin keine primitve Barbarin," Xoxo lachte. Vajria trat nun splitternackt und knochig vom öligen Wasser triefend hervor, verbreitete einen lieblichen Duft. Xoxo drehte sich zu ihr um und Vajria blieb etwas entfernt vor ihr stehen. Sie war so klein und spindeldürr. Ihr ganzer Körper war mit vielen nun rot glänzenden Narben übersäht, doch im Grunde schien ihr nichts wirklich zu fehlen, ganz abgesehen von ihrer geschwächten und ausgemergelten Gestalt. Sie war nicht verstümmelt oder entstellt. Nein, das war sie nicht, vielmehr schimmerte eine wundersame Aura der Würde und Eleganz noch immer aus ihr heraus, aber das lag wohl an ihrer schwingenden Art sich zu bewegen. Ihre Augen verschwanden funkelnd in dunklen schwarzen Gruben. "Hoi, du hast ja noch Öl dazugetan." Vajria lächelte, "mir geht es jetzt schon sehr viel besser und ich weiss gar nicht, wie ich dir danken soll, aber ich konnte plötzlich überhaupt nicht mehr" "Ach egal, ich kenn das, komm, ich habe kein Tuch zum reiben, ich setze mich immer in die Sonne oder ans Feuer, selbst im Winter. Du hast dich offenbar schon gut umgesehen. Komm, geniesse die Morgensonne, das Morgenlicht."


"Damit habe ich nicht gerechnet, ich dachte, oh bei allen Göttern, eine dunkle elende eklige Höhle, es erschauderte in mir, feucht, schmutzig und steinig, aber dann dachte ich, es ist besser, als das Dreckloch, wo ich vorher war. Doch wie soll ich sagen, das ist ja gar keine finstere Höhle. Es ist ein wunderschönes verträumtes Refugium. Was du alles angesammelt hast, ich werde mir vieles noch einmal anschauen. Es kommt, wie mir scheint von überall her. Wahre Schätze, ist dir das klar ? Bist du soweit schon überall gereist ?" "Ach nein, ich habe es von Händlern. Ich kann alles tauschen, wenn ich will, ich habe seltene Felle, Schwänze, Schädel, Klauen, Hörnungen soviel ich will. Dafür kriege ich alles. Ich war erst viermal in Aquilonien und einmal in Stygien. Das ist schon viel." Vajria kam näher, setzte sich im völlig flachen Schneidersitz dazu, dann liess sie ihre Handrücken der geöffneten Hand auf ihren Schenkeln ruhen. Xoxo freute sich mächtig, denn endlich war sie auf eine Person gestossen, die offenbar den wahren Wert ihrer Höhle, der ganzen Utensilien, die Artefakte ohne sonderliche Mühe zu begreifen verstand. Doch zuerst erklärte Xoxo ihr den Ablauf der nächsten Tage bis zu dem Tag, wo sie aufbrechen wollte zur nahenden Schlacht. Aber sie erklärte ihr auch, was ihr die Sonne bedeutete, die Natur und ihre cimmerische Götterwelt, die aus unendlich vielmehr bestand als aus Zorn, Hass und Gewalt. Ihre Heimat von der sie lebte und von der sie nie mehr nahm als sie brauchte. Vajria wurde klar, dass Xoxo nicht nur eine geschickte Wildtöterin und Kriegerin war, sondern auch eine Heilerin und reifende Schamanin. Diese göttliche Fügung der Begegnung hatte ihr das Leben gerettet. Jeder andere cimmerische Barbar hätte sie wohl getötet, töten müssen, um seine Ehre zu bewahren.


Ihre gemeinsamen Tage vergingen wie im Fluge. Xoxo stellte schon am ersten Tag für Vajria aus den Lederresten, die in vielen Kisten einsortiert waren, ein paar gewickelte Bundstiefel her. Sie verstand sich im Zuschneiden, Knoten und Knüpfen, wovon Vajria rein gar nichts verstand. Auch knotete sie ihr ein feines weiches Brustoberteil und einen Lendenschurz aus flauschigen Schwänzen erbeuteter Nager und Füchse. "Naja, du mußt noch etwas reinwachsen, aber du wirst ja noch zulegen, nehm ich an. Eine Mütze gibt es erst zum Winter." Vajria sah darin ulkig aus wie ein Zwerg. Auch untersuchte Xoxo alle ihre Wundmale, auch die teils eitrigen Stellen, quetschte sie aus, behandelte sie mit ihren verschiedenen Heil- und Kräuterpasten. Auch Vajria kannte sich in Heilkünsten aus und so konnten sie sich austauschen, doch viele Heilkräuter, die es in ihrer Heimat gab, gab es hier nicht. Deshalb schlüpfte Vajria als Gast zunächst einmal in die Rolle der Schülerin. Denn sie war wissbegierig und in Bezug auf stumpfsinnige cimmerische Barbaren hatte sie zumindest in Xoxo sehr schnell ihr Bild gewandelt. Sie fühlte sich so zu ihr hingezogen. Es war alles so anders, ganz und gar nicht so wie es heimische Hetze der stygischen Priester über Begegnungen mit barbarischen Cimmerern geschildert hatten: "Alles verdammte Wilde. Tötet sie. Häutet sie. Dann richten sie keinen Schaden an." 


Und diese Barbaren konnten tatsächlich sehr feinfühlige und intelligente Menschen sein, zumindest dem Anschein nach ?

Am nächsten Tag zeigte Xoxo Vajria die nähere Umgebung, wo sie frische Beeren, Pilze und Wurzeln finden würde und zu welcher Zeit sie diese Zonen aufsuchen sollte, um unliebsamen Kontakt mit Raubtieren zu vermeiden. Sie mußten immer wegen des geschwächten Zustandes von Vajria viel Rast einlegen. Und abends führte sie sie durch die Höhle, zeigte ihr überaus stolz alles und sie stellte fest, dass Vajria ihr über manche Dinge sehr viel mehr Aufschluss geben konnte. Vajria kannte sich aus in der Welt der Mythen, der Legenden, der Götter, der Toten und der Schattenreiche und dies offensichtlich über viele Regionen hinweg. Sie wusste sehr viel mehr. Die Edelsteine konnte sie alle benennen und woher sie stammten. Xoxo holte sogar noch verkramte Dinge aus alten Kisten hervor und Vajria mußte teils fassungslos mit dem Kopf schütteln, da sie den Wert sehr schnell erkannte, vor allem den immateriellen. Das einte beide, denn der materielle Wert bedeutete beiden sehr wenig, es war gut ihn zu wissen, um zu tauschen, aber wahre Bedeutung hatte er für sie nicht. Vajria entdeckte darunter schliesslich ein breites ovales und schweres Lehmbündel mit einem halben Meter Durchmesser und geriet darüber völlig in Euphorie. Sie stürzte sich sofort darauf, um die Lehmschicht mit Wasser einzuweichen. Dann nach einiger Zeit legte sie die rundliche Platte frei, die in einem Sack mit Seilen fest und dicht umwickelt war, wohl um Stösse abzuwenden . "Du weisst nicht, was das ist ? Glaube mir, das ist eine wahre Kostbarkeit ! Das gibt es nur in den Tempeln und Palästen. Ich selbst hatte auch nur einen, der aber kleiner war." Sie legte es hastig immer weiter frei, schliesslich blieb noch rauhes Tuch und darunter feines Fell. "So, jetzt pass auf. Es ist ein wahres Wunder." Beide lösten zusammen vorsichtig das Fell, zogen die schwarze Platte heraus. Es war eine rundliche Obsidianscheibe, völlig fein geschliffen und poliert. Beide konnten sich schon darin erkennen. "Es ist ein wunderbarer Spiegel. Viel feiner als meiner. Sie haben ihn über viele Tage auf Hochglanz geschliffen. Los komm noch mehr ans Licht." Beide konnten sich nun ganz klar sehen. "Ein seltenes Kunstwerk von höchster Reinheit. Sicher stammte es aus einem Tempel oder Palast bzw. es war dafür bestimmt und gut verpackt auf dem Weg dorthin. Ein Raubstück bestimmt. Und keiner dieser Räuber erkannte dessen Wert." Xoxo nickte lächelnd, "vermutlich Barbaren". Xoxo betastete sich andauernd vor dem Spiegel. Vajria und Xoxo beugten sich immer wieder abwechselnd vor und grinsten sich an. "Du kennst dich wirklich aus. In Aquilonien habe ich soewas mal gesehen. danach nie mehr." "Ha, ha, das ist noch nicht alles. Wir legen ihn jetzt flach hin. Siehst du den feinen Rand ? Komm, gib mir etwas Öl." Vajria beträufelte die Platte verrieb es bis kein Film mehr zu sehen war, hielt die Platte gegen das Licht, legte sie wieder ab auf einen Schemel. "Siehst du den feinen Rand. Lass uns das reine Felswasser nehmen. Sie träufelte es auf die Platte und es begann zu perlen und zu glitzern bis die Platte sich mit einem feinen Wasserfilm überzogen hatte. Das Staunen war nun noch grösser, es war ein perfekter Spiegel. Alles war klar und deutlich zu sehen, was der Spiegel aus der Umgebung einfangen konnte. Es war atemberaubend und für Xoxo das erste Mal überhaupt diesen Spiegelglanz für sich zu entdecken.


Zum Abend lud Vajria, der es merklich besser ging, am dritten oder vierten Tage Xoxo zu wohltuenden Ganzkörpermassagen ein, sie wolle damit etwas zurückgeben, um ihre Dankbarkeit zu erweisen für die Gnade und Gastfreundschaft, die sie erfahren hatte. Es waren Massagen, die so in Cimmerien eher nicht gebräuchlich, vielmehr gänzlich unbekannt waren. Xoxo hielt das ganze anfängliche Gehabe mit den Betröpfelungen von Öl und feinsten Blütenstaub zunächst für etwas überzogen und lächerlich, doch dann merkte auch sie, wie sehr es sie öffnete und entspannte. Vajria spürte jeden Winkel ihrer Muskeln, Bänder und Sehnen auf, teils fühlte sie mit den Fingerspitzen wie auf einem Seidenfaden entlang, dann wiederum knetete sie mit den vollen Händen. Manchmal klopfte und trommelte sie ihren Rücken durch, dann gleitete sie wieder sanft und grossflächig über ihre Haut. Auch hockte sie federleicht auf Xoxos Rücken und Bauch, walkte ihre grossen fülligen Brüste, auch besonders dort wo ihre grosse Narbe war und Xoxo erzählte ihr dabei von ihren Kämpfen mit den Säbelzahntigern, der Jagd in der Wildnis, aber auch von den Problemen in ihrem Dorf, der neidischen Streitsucht einiger Bewohner. Beide lachten dabei viel. Vajria löste schnell ihre versteckten Verkrampfungen, war sehr einfühlsam und zärtlich, hatte ein tiefsinniges Gespür dafür. Beide kamen sich noch näher. Und eines Abends tanzte Xoxo für sie ihren beschwörerischen Tanz vor dem Feuer. Ja, sie war eine wahre Geschichtenerzählerin und Vajria empfand tiefsten Respekt, bewunderte Xoxo sehr, ihre Einfachheit, ihre Wildheit, ihre Freiheit, aber auch ihre Stärke und ihren Mut. Doch sie wollte noch warten bis sie Xoxo ihre wahre Geschichte anvertrauen wollte, noch immer hatte sie Angst, ob sie damit nicht alles zerstören würde. Diese finsteren Gedanken verdrängte sie, doch sie spürte, es war bald an der Zeit es zu tun, doch sie wagte es nicht, es noch vor der Abreise zu tun, nahm sich vor, es bei der Rückkehr Xoxos von der Schlacht zu tun. 


Vor allem auch ihre Behausung gefiel ihr, zwar sehr einfach, aber sehr schön und liebevoll beschmückt und behangen, sodass es für sie wie eine Entdeckungsreise war: wunderbare weiche Felle, zauberhafte Amulette und verzierte Talismänner, steinernde und hölzernde Masken, prachtvoller Federschmuck, edle Ketten aus Knochen und Edelsteinen, bemalte Schalen und Krüge, feinste seidene Vorhänge und Tücher ... und sogar einen wertvollen schwarzen Obsidianspiegel. Niemals hätte sie dies für möglich gehalten. - 
So hatte sie sich weder eine cimmerische Begegnung, noch eine barbarische Höhle vorgestellt. Alles war wie ein Traum, war wie ein Wunder.

Mittwoch, 16. Januar 2013

Xoxo. Die Cimmererin IV - Überfall


Dann ergriff alle die Hektik des erneuten Aufbruchs. "Was ich gesagt habe, gilt, bring sie niemals in unser Dorf, niemals," sagte Beolg und fügte hinzu: "Wir sehen uns dann auf dem Schlachtfeld. Ein Pferd steht nahe der Böschung, du weisst schon wo. Die neue schwere Rüstung erhältst du dann wohl erst im Heerlager. Viel Glück." 

Sie machten sich nun auf und liessen Xoxo mit der Stygierin zurück. Sie taten so, als wäre es ein normaler Vorgang, aber allen war klar, sollten die Verfolger der Entflohenen wieder auftauchen, so stünde Xoxo allein. Auch, wenn sie sehr stark war, sie würde es wohl nicht überleben, nach allem, was man über die fremden Eindringlinge gehört hatte. Schon bald waren sie ausser Sicht und verschwanden hinter einer Biegung in einer steilen Schlucht bergabwärts.

"Bis zur Höhle mußt du es so schaffen, es sind noch zwei Stunden und es geht bergauf. Dort versorge ich dich dann und behandle deine Wunden." Xoxo reichte der Stygierin eine lederne Binde. "Hier, wickel das um deine Füsse bevor sie völlig hin sind. Wir müssen es einfach schaffen." Dann reichte sie ihr einen anderen  Trinkbeutel "Trink, du mußt viel trinken. Dies ist flüssiges Brot."

"Nun, sag schon, wieviele ? Wieviele sind hinter dir her ?" Auch sie machten sich nun auf den Weg. Xoxo hatte nur ein dickes Bündel, alles andere hatten die anderen auf den Maultieren mitgenommen. Und ihre Waffen hatte sie geschultert. Während der ersten Schritte brach die Stygierin endlich ihr Schweigen. Sie begann nun wie ein Wasserfall zu reden und dies im einfachen entfernt ländlichen cimmerischen Dialekt aus den aquilonischen Grenzregionen, der Xoxo wegen ihrer Reisen nach Aquilonien noch gut geläufig war. Xoxo unterbrach sie manchmal, bat sie langsam zu reden, denn sie überschlug sich manchmal, wobei sie einige Worte und Begriffe durcheinanderwirbelte und mit stygischen vermischte. Sie war es offenbar gewohnt schnell zu reden, war sehr redegewandt. Der Stygierin gelang es schliesslich das Erlebte ihrer Flucht und die Lage sehr genau zu schildern. Es  gelang ihr im Verlauf immer besser bis nahezu flüssig in cimmerisch zu sprechen. Der Stygierin war offensichtlich klar, wie sehr sie jetzt voneinander abhingen und zueinander finden mußten. Sie mußte sich öffnen, auch wenn sie nicht so recht wusste, was mit ihr geschehen würde. Aber sie hatte keine Fesseln angelegt bekommen, was für sie wie ein Wunder war. Die schrecklichen barbarischen Cimmerer liessen sie am Leben, wo sie doch immer gedacht hatte, sie würden viel schlimmer sein, als alles, was sie vorher erleiden mußte. Sie schilderte die Situation. Sie seien nun beide in allergrösster Gefahr. Die Skyther würden sie verfolgen. Sie könne ihr noch nicht erklären warum und wer sie waren, weil sie es nicht glauben würde. Es würde auch alles zu lange dauern. Es reiche, wenn sie wisse, dass sie eine Tempeldienerin sei. Sie habe ihr ganzes Leben nur in Tempeln, Gärten und Städten verbracht. Die Wildnis sei ihr völlig unbekannt. Sie sollte deshalb auch erst als Letzte geopfert werden, es seien nur sehr wenige ihrer Gefolgschaft noch am Leben, wenn überhaupt. Man habe sie jeden Abend auf einen Platz öffentlich geschändet, um zu beweisen, dass es ihren Gott nicht geben würde. Und häufig hatten sie zum Höhepunkt eine Person aus ihrem Gefolge direkt vor ihren Augen bestialisch getötet. Sie sollte abschwören, doch sie tat es nicht. Durch einen Zufall habe sie sich befreien können, doch in dieser Wildnis würde sie nicht lange überleben. Freie Natur kenne sie nur von hören und sagen. Sie könne lesen, schreiben, rechnen, malen, tanzen, dichten und viele andere Dinge, die ihr hier gar nichts nützten und bestimmt auch unbekannt seien. Wenn sie sich nicht beeilen würden, wären sie schon bald gefangen. Xoxo fragte wieder, wieviele es seien, alles andere könne sie doch später erzählen. Sie antwortete, sie habe fünf gesehen. Einer davon, sei ein Anführer aus der Adelsschicht. Und auch ein Schamane sei dabei. Ihre Schamanen seien aber auch Krieger. Die anderen seien einfache Jäger oder Späher aus der Kriegerkaste. Sie habe sie an einem Hang beobachtet, gestern als sie ihr so nah waren, dass sie sie leicht hätten fangen können, aber sie sammelten sich und machten Rast. Das war ihre Rettung. Sonst wäre alles vorbei gewesen, weil sie nicht mehr wusste, wie sie weitergehen sollte. Und genau so mußte es denen auch gegangen sein. Eine tiefe und unübersichtliche felsige Senke mit einem Bachlauf hatte ihnen die Verfolgung erschwert. So konnte sie sehr viel Zeit zurückgewinnen. Sie würden aber nicht aufgeben, denn ohne sie oder ihre Leiche bräuchten sie sicher nicht mehr in ihr Lager zurückkehren. Sie hätten bestimmt schon wieder aufgeholt, da sie ja sogar Blutspuren hinterliess. Nur in dem Wasser hatte sie ihre Spuren für kurze Zeit verwischen können. Aber sie hatte immer mehr an Kraft verloren und deshalb hielt sie in den Gräser aus. Sie war völlig erschöpft. Ihre Verfolger wären bestimmt schon in der Nähe und würden sie bestimmt schon beobachten.

Das Erlebte hatte sie am Ende in nahezu perfekten cimmerisch, wenn auch eines hier eher unüblichen, aber für Xoxo sehr gut verständlichen und bekannten Dialektes geschildert, was Xoxo nun veranlasste, sie zu fragen, wie sie als Stygierin dazu gekommen sei. Sie erklärte, sie beherrsche sehr viele Sprachen, es sei nun einmal ein Teil ihrer Ausbildung gewesen, auch habe es sie interessiert und sie sei überaus sprachgewandt. Sie spreche hochstygisch, also das der herrschenden Kaste, auch das seteigene stygisch der Priester als eine besondere Elite und drei stygische Dialekte, die teils verwandt, aber auch grundverschieden seien, kushitisch, aquilonisch, shemitisch, darfari, vendhynisch, turanisch und eben dieses cimmerisch für den Notfall, wie ihre Lehrer stets kopfschüttelnd betonten, womit sie meinten, dass es bei diesen Barbaren sowieso sinnlos sei, was man sagte, denn der nicht weniger barbarische Tod sei einem in Gefangenschaft gewiss. Und dieser Umstand sei ja nun tatsächlich eingetreten, obwohl niemand ihrer Mitschüler und Lehrer es jemals für möglich gehalten hätte, dass sie die cimmerische Begegnung überleben würde. Und glauben würde ihr diese Geschichte auch niemand. Xoxo entdeckte in ihr ein unterschwelliges und flüchtiges Lächeln, das über ihre stets ernste und von Angst erfüllte Miene huschte. Sie dachte an ihre Tochter Cyantia, die nun in Aquilonien vermutlich einen vergleichbaren Weg der Lehre im Mitrakloster durchschritt. Vielleicht war auch dies ein Grund, weshalb sie von der Stygierin so beeindruckt war. Sie erinnerte sie so sehr an ihre Tochter, obwohl die Stygierin wohl älter war und ihre Ausbildung offenbar erfolgreich abgeschlossen hatte, denn so selbstbewusst, wie sie nun auftrat, hatte sie noch keine Gefangene erlebt. Xoxo war sich sicher, Vajria gehörte einer herrschenden Kaste der Stygier an, wofür sie sie, wie ihre cimmerischen Brüder, eigentlich hassen müßte. Eine einfache Tempeldienerin war sie sicher nicht und sie hatte sicher Angst es zuzugeben, weil sie wohl glaubte, dann sterben zu müssen. Sicher würde sie bald mehr erfahren.  

"Gut, sag mir deinen Namen, den, wenn sie dich rufen und alle in Eile sind, mich nennen alle Xoxo." "Hm, ich weiss nicht, dann heisse ich nur Vajria, als das göttliche Werkzeug dem ich angehöre." "Werkzeug?" "Ja, es heisst, es sei ein Dolch vom Himmel gefallen ..." "Nicht jetzt, welche Waffen haben sie ?" Vajria blieb stehen und sprang zu einer sandigen Stelle, riss einige Grasbüschel heraus, plättete mit den Händen die Erde und dies so geschickt, wie es Xoxo noch nie gesehen hatte, malte sie die Waffen und ihre markanten Klingen, die sich in ihrer Form von allen hier bekannten unterschieden. Dann zeigte sie jeweils darauf, stand auf und machte Bewegungsmuster vor. Xoxo war überrascht. Vajria ahmte die typischen Kampfbewegungen nach, gekonnt und wiederholt und vor allem sehr wendig und gelenkig, als sei sie ein Trainer und das obwohl sie so geschwächt und so abgemagert war. Mal langsam um das Bewegungsmuster zu verdeutlichen, dann schnell, als sei es jetzt passiert. Das war unglaublich und es schien, als würde die Stygierin alle ihre letzten verfügbaren Reserven aufbringen, wohlwissend, dass ihr beider Leben an einem dünnen Faden hing, auch wenn es in ihrer Dürrheit sehr bizarr wirkte. Xoxo mußte sich darauf einstellen, denn zu jeder neuartigen Waffe gehörte ein typischer Bewegungsablauf und sei es nur durch die veränderte eigentümliche Klingenform bedingt. "Ich sehe , du kannst Dinge, wovon andere keinen Schimmer haben, aber das ahnte ich schon, als ich deine schmächtige Gestalt sah. Es scheint, du bist eine Künstlerin. Wir können viel voneinander lernen. Wir werden den Weg beibehalten, aber wir müssen aus diesen Wildgräsern heraus, denn diese bieten auch ihnen Deckung und wo das Gras dicht steht, ist es schwerer für mich Witterung zu nehmen."

Nach einer Weile, sie waren noch nicht ganz aus den hohen Gräsern heraus, das Tal verengte sich, blieb Xoxo stehen. "Sie sind da. Die Vögel sind stumm. Ich spüre ihre Gegenwart." Vajria rückte hautnah an Xoxo heran, blickte nervös um sich und zitterte leicht. Xoxo löste die Schlingen ihrer kleinen Äxte. Sie war nun kampfbereit. "Schau, dort werden sie auf uns warten. Entkommen können wir nicht. Weglaufen wäre der sichere Tod. Wir tun so, als wüssten wir es nicht. Wir stellen uns dumm." Sie blickte dabei zu einer Stelle mit dichten Buschwerk und einem alten knorpeligen Baum mit etwas freier Fläche. Vajria war nur noch von Angst erfüllt, aber sie fügte sich dem unausweichlichen Schicksal. Was wollte diese stolze Wilde gegen diese Krieger allein ausrichten ? Sie würden gemeinsam sterben. "Sie werden denken, ich sei nur ein dummes Mannsweib, eine Primitive, pass auf Vajria, du machst gar nichts, verstehst du ? Nichts. Bleib einfach liegen, grab dich ein bis alles vorbei ist." Dann lächelte sie. "Gleich erlebst du die tiefe Seele Cimmeriens, der Geist des Säbelzahntigers wird sie zerfleischen." Vajria war kreidebleich. Sie schaute starr vor Angst und fasste plötzlich ganz zaghaft den Arm von Xoxo. Sie suchte Halt, wollte noch einmal einen Menschen fühlen, der sie beschützen wollte bevor sie sterben würde, obwohl sie sie hätte töten oder einem schlimmeren Schicksal hätte überstellen können. Warum lieferte sie sie nicht einfach aus ? Ja, warum nicht auf diese Weise in einen grausamen gemeinsamen Tod stürzen ? P
lötzlich stiess Xoxo Vajria mit voller Wucht zur Seite. Es ging los. Indem sie mit ausgebreiteten Armen flach ausgestreckt nach vorn hechtete und dann sich von Vajria entfernend in entgegengesetzte Richtung rollte, gelang es ihr geschickt den feindlichen Speeren auszuweichen. Dann sprang sie zur Seite um ihre eigene Achse drehend, liess beide Einhänder in der Luft wirbeln und brüllte ihre Wut heraus. So lenkte sie alle Aufmerksamkeit auf sich. Grosse furchterregende Gestalten, völlig tätowiert und mit fremdartigen Rüstungen und dunklen Umhängen griffen sie nun an. Vajria prallte hart auf den Boden auf. Der heftige Stoss hatte ihr den Atem weggenommen. Sie hatte Angst zu ersticken, jabste nach Luft. Noch während ein Speer flach über sie hinwegrauschte und den Boden durchpflügte,

konnte sie tiefer in das Gestrüpp robben, drückte ihr Gesicht, ihren ganzen kleinen Körper auf den Boden und ihre Finger krallten sich in die morastige Erde. Sie schloss ihre Augen und jeden schrecklichen Augenblick fürchtete sie von den übermächtigen Fremden ergriffen, missbraucht und wieder ins Lager zurückgebracht zu werden. Ein dumpfes Ziehen verengte ihren Unterleib, die Erinnerungen an die nicht endenen Torturen durchströmten sie. Aber vielleicht würden sie sie gleich auf der Stelle töten, ohne sie zu foltern. Oder wie gefangenes Wild fesseln und ins Lager bringen. Dort würde dann die Strafe auf sie warten. Oder erst über sie herfallen, sich mit ihr vergnügen und dann erst aufbrechen und sie mitschleifen. Es gab soviele Möglichkeiten der Pein, der Tortur. Hoffnung hatte sie nicht. Ihre unermessliche Furcht steigerte sich in frostige Kälte, sie zitterte und wimmerte in sich hinein. Dann hielt sie wie von einer seltsamen Kraft gelenkt inne, noch immer hatte sie niemand an den Beinen gezerrt, sie herausgezogen und sich über sie hergemacht. Sie hatten sie ausser Acht gelassen, weil sie sich ihrer sicher fühlten oder weil die Wilde sie so sehr ärgerte. Endlose Augenblicke der Stille folgten und ihre Sinne lauschten während der Erdboden von bedrohlichen Stampfen und Tritten zu erschüttern schien. Das mächtige Klirren von Metall auf Metall, das knarrende Zerspringen von Rüstungsteilen und das tiefe reissende Schmatzen von Fleisch, wenn Hiebe darin malmten, es teilten und durchtrennten, drang an ihr Ohr. Qualvolles Stöhnen und Röcheln. Xoxo war jetzt bestimmt gefallen. Es war alles aus, sie schloss mit ihrem Leben ab und spürte die Kälte, die von ihr Besitz ergriff.  Dann brach wildes wutenbranntes Geschrei über sie herein, das der skythischen Krieger. Und es wurde durchbrochen von einem grellen hyänischen Zischen, Fauchen und hasserfüllten Kreischen. Es war Xoxos Stimme. Wie konnte es sein ? Wirklich, sie hielt noch immer aus, kämpfte wie ein unberechenbares Tier in der Falle, dann folgte wieder ein bedrohliches Gröhlen ihrer Feinde wie eine Vergeltung. Es war ein wildes Toben in Gange, ständig die Richtung wechselnd. Immer von gewaltigen Schlagabtausch unterbrochen. Verdammt, Vajria konnte es noch immer nicht fassen. Das war unmöglich. Aber es war wirklich, es war real. Tropfen aus heissem Blut spritzten plötzlich auf ihren Kopf und Rücken. Sie zuckte zusammen und mit ihren Händen presste sie ihren Kopf noch fester auf den Erdboden, der unter den kräftigen Stössen und Sprüngen wie bebend durch ihren Körper fuhr. Sie wollte schreien, aber konnte es nicht. Der brutale Kampf ging weiter.

Ein weiterer entsetzlich gellender Schrei riss sie unkontrolliert wie von Sinnen in die Höhe und sie wandte sich nach hinten zurückkriechend und abstützend dorthin um, sah eine Blutfontäne aus einem mächtigen Körper emporschiessen und ein abgetrennter Kopf mit weit aufgerissenen Augen, glotzend vor Entsetzen, rollte vor ihre Füsse. Dann fiel der schwere Körper zu Boden. Aber die anderen Kämpfenden waren bereits wieder verschwunden. Der Kampf schien unter sehr hohem Bewegungstempo abzulaufen, kam schnell näher und entfernte sich wieder und sie hatten die Cimmererin noch nicht zur Strecke gebracht. Sie kämpfte unermüdlich weiter. Vajria sah vor sich in einigen Abstand bereits zwei Leichen, die eine enthauptet und die andere mit gespaltenen Schädel indem noch die Axt steckte. 

Wie hatte sie das fertiggebracht ? Das Wildgras war niedergetrampelt. Dann drangen Rufe zu ihr herüber. Sie waren es. Hatten sie sie jetzt ? Verdammt die Cimmererin hielt ihren Kopf für sie hin und sie war von Angst zerfressen, noch immer im Bann der Torturen, der sklavischen Erniedrigung und Pein. Sie war nicht sie selbst, ein elendes Geschöpf aus Verzeifelung und Jammer. Was sollte denn noch geschehen ? "Nein!", sie schrie es laut heraus. All ihre Angst brach nun als trotziger Zorn aus ihr heraus. Das war der entscheidene Moment, kein weiterer würde folgen, wenn nicht dieser sich erfüllte, dann keiner mehr. Niemals mehr. Plötzlich wie verwandelt, ging alles sehr schnell. Sie senkte sich in die Hocke, presste so kräftig sie konnte, es tat weh, presste würgend und zog an der kleinen klebrigen Schlaufe, die aus ihrem After hing, zog es schmerzend heraus und öffnete die verschmierten weichen ineinander verknüpten dreigliedrigen Lederröllchen. Blanke schmale Pfeilspitzen funkelten sie aus jedem Röllchen einzeln an. Sie wischte flink ihre Finger im Gras. Hörte wieder Schreie und das Schlagen von aufeinanderprallenden Waffen. Eine riesige Gestalt kam ihr langsam entgegen. Es war die blutüberströmte wankende Gestalt eines der hünenhaften Krieger - nur noch mit einem Arm. Es war der Dritte, den die Cimmererin sehr schwer getroffen hatte, so dass er wie verirrt suchend daherkam. Doch er war nicht tot, er war noch immer gefährlich und lebendig, benebelt vom Verlust und den Schmerz, aber voller Wut und wild entschlossen. Und als er sie entdeckte, ging er schnurstracks auf Vajria zu, ergriff einen grossen Krummdolch, der bei einem Toten am Boden lag. Vajria schoss geitesgegenwärtig in die Höhe und mit einer kaum wahrnehmbaren sehr schnellen Handgelenkdrehung schleuderte sie die erste Wurfspitze zielgenau in seinen Hals. Er wurde durch den Treffer sofort verlangsamt, machte nur noch zwei oder drei träge Schritte, dann fiel er ohne einen Laut, still und stumm direkt vor ihr zu Boden. "Das Gift wirkt und das nach solanger Zeit," stellte sie erstaunt kritisch, aber höchstzufrieden fest.


Sie frierte nicht mehr. Im Gegenteil, Wärme durchströmte ihren Körper, ihr Blut begann regelrecht zu kochen, begann zu schwitzen, war mit einem Mal klitschnass, dann rannte sie los, nichts hielt sie mehr, dorthin, wo der Kampf jetzt tobte. Ihre Füsse brannten, aber sie spürte sie nicht. Ihr Körper war wie verwandelt, war jetzt immun gegen Schmerz, so wie auch ihr Geist. Xoxo schrie auf, wie eine verletzte Tigerin. Und es setzte das triumpfierende verhöhnende Lachen dieser Bastarde ein. Dann wieder ein schmerzgeischender Schrei wie der eines verwundeten Büffels. Xoxo hatte noch einen niedergestreckt. Vajrias kleine schmächtige Gestalt trat nun aus dem Wildgras heraus. Sie sah Xoxos verblüffte Augen, die deuteten, sie sollte fliehen. Xoxo atmete heftig. Ihre Mähne war schweissgebadet und von fremden Blut durchtränkt, ihre Brüste sprangen unter dem heftigen auf und ab ihrer Lungen pendelnd umher. Ihre lederne Rüstung lag verstreut am Boden. Sie war jetzt auch nackt bis auf die Stiefel. Und voller Blut. Vajria schien, Xoxo war an die Grenzen ihrer Kräfte angelangt, atmete überheftig und schwer, hatte Streifwunden am Arm, am Oberkörper und an den Beinen. Offensichtlich ohne Gift, nur von den Lanzen. Es waren noch immer drei, die sie umringten. Sie hatten sie gestellt. Krummdolche und Reisslanzen waren auf sie gerichtet. Sie beachteten Vajria nicht, blickten nur kurz zu ihr herüber. Grinsten. Sie war für sie nur ein dummes Opfer, wähnten sich des Sieges. 

Xoxo hatte nur noch einen kleinen Einhänder, hielt ihn entschlossen mit beiden Armen fest. Der grosse Zweihänder steckte im zersprengten Brustkorb des zuletzt Gefallenen. Vermutlich würde sie noch einen mit in den Tod reissen. Sie rückten Schritt für Schritt vorsichtig näher. In wenigen Augenblicken würde alles entschieden sein. Vajria wirkte unscheinbar in ihrer schmalen, fast knöchernden und geschundenen Gestalt. Sie verneigte sich langsam, hatte dabei ihre Hände flach zusammengepresst, so als wollte sie ein letztes Gebet sprechen. Sie blickte auf, sah Xoxos versteinerte Miene. Dann streckte sie ihre schlanken  Arme weit auseinander, als wollte sie den Himmel empfangen, wirbelte sich blitzschnell zusammenziehend, in einer einzigen fliegenden Drehung wie in einem kreisenden Tanze herum. Ihre Hände waren nun weit geöffnet und ihre dürren Arme ragten verharrend hervor, dorthin weisend wo die anderen standen. Zwei von ihnen ruckten, noch ehe, sie erfassen konnten, was geschah. Xoxo sah in ihre weitaufgerissenen glasigen Augen, ihre Unterkiefer fielen schlaff herunter. Dann sackten sie ohne ihre Haltung noch ändern zu können zusammen. Nur einer war übrig, der Anführer. Mit einem gewaltigen Schrei stürzte Xoxo sich auf ihn, wich seinem Stoss mit der Lanze aus, schleuderte herum, sodass auch sein zweiter Hieb mit dem Krummdolch ins Leere stiess, sie nicht einmal ratschte. Dann rollte sie in einem Bogen über seine Schulter nach hinten herab und noch bevor er sich herumwenden konnte, trieb sie ihm ihren Einhänder von unten tief zwischen die Beine. Dann stellte sie sich vor ihm auf. Er hatte seine Waffen starr vor Schmerz fallengelassen. Es war ein tödlicher Stoss. "Du feiges Schwein", das war alles, was er noch von Xoxo hörte als sie ihn mit einem Fusstritt zu Boden warf, dann sich mit voller Wucht auf ihn stürzte und ihre Fäuste gnadenlos wie ein Steinhagel auf seinen Schädel einhämmern liess. Sie schien nicht mehr aufhören zu können, schnaufte wild und keuchend. Die Schläge wurden langsamer, wie ein träges Stampfen. Sein Gesicht war zusammengebrochen, zertrümmert zu einem Brei und ihre Knöchel aufgeschlagen. Vajria trat näher, ging in die Hocke, legte ihre Hand auf Xoxos Schulter, betrachtete Xoxos bohrende Stichwunde unterhalb des Schulterblattes. Sie hatte sicher viel Blut verloren, es floss noch immer, doch sie schien kaum geschwächt. "Er ist tot. Es ist vorbei." Sie wiederholte es langdehnt und lauter: "Er ist tot" und allmählich drang ihre Stimme zu Xoxos Bewusstsein vor, zunächst aus scheinbar weiter Entfernung in einem unwirklichen Echo, dann klar und fast schrill. Xoxo fuhr ruckartig  herum. Erst jetzt hörte sie auf, der Schädel des feindes war nunmehr völlig eingestampft und sein gehirn quoll seitlich heraus wie Gallermasse. Sie prustete heftig, stierte Vajria wie von weit in der Ferne an, kam langsam zu sich. Vajria blieb ungerührt stehen, hatte keine Angst mehr. Sie war ganz plötzlich von einem Moment zum anderen wie abgeschüttelt. Sie hatten keine Macht mehr über sie. Xoxo hockte noch immer auf dem mächtigen leblosen Brustkorb des feindlichen Kriegers, stützte sich nun auf den Schenkeln ab, senkte ihren Kopf dabei. "Ich habe mich völlig vergessen, war wie von Sinnen, aber sie wollten uns töten. Ich weiss nicht, was war, es brach aus mir raus. Es war der reine Hass. In einer Schlacht kann soetwas für einen selbst sogar sehr tödlich enden, weil man alles um sich rum vergisst." 


"Ohne dich wäre ich jetzt wieder gefangen. Vielleicht schon tot. Oder sie würden mir im Lager viele Dinge antun. Schlimmer als alles, was war. Ich habe gesehen, was sie dann machen. Du hast mich gerettet." Xoxo drehte sich wieder zu ihr um, stand auf. Sie war von Blut überströmt und verschmiert, von eigenen und fremden, in frischem nassen rot und angetrockneten rotbraun, atmete noch immer sehr heftig, ihr nackter Oberkörper stieg auf und ab und an ihren schaukelnen Brüsten tropfte das Blut herab. Sie hatte Schnittwunden an Oberarm und Oberschenkel und eine Platzwunde am Kopf sowie die Stichwunde hinten in der Schulter. Sie stand in voller Anspannung, man konnte jeden einzelnen Muskelstrang sehen, die weichen Polster waren ganz und gar entschwunden. "Ja, Schrecken kennt kein Ende. Man denkt immer, es ist vorbei, dann wird es noch schlimmer. Aber sag, was war das mit dir ?" "Was?" "Was hast du da gemacht ? Vor allem wie ?", Xoxo deutete auf die Toten. "Es waren Giftspitzen und ich sage dir, hätte ein Krummdolch dich erwischt, so wärest auch du auch an seinem Gift zugrunde gegangen. Du kannst dich glücklich schätzen, nur von ihren Lanzen geratscht worden zu sein." "Ja, es war unmöglich diesen unbeschadet auszuweichen, ich hatte es geahnt, aber die sind tatsächlich alle vergiftet ?" Vajria nickte stumm. Dann fügte sie hinzu: "Eines ihrer Erfolgsgeheimnisse." Xoxo spuckte in den Boden. "Wo hattest du sie her?" "Ich habe sie immer bei mir getragen. Sie stammen aus unserem Tempel, habe sie stets verborgen oder versteckt in meinem Hintern. So haben sie es nicht bemerkt." "Aber wieso erst jetzt ?" "Ich weiss nicht, nie schien der Moment wirklich geeignet gewesen zu sein. Das Risiko war immer viel zu hoch. Manchmal dachte ich meinem Leben damit ein Ende zu setzen und der Pein zu entkommen. Aber mein göttlicher Schwur verbietet es. Aber diesmal spürte ich, dass sie ihre Berufung gefunden hatten. Todessicher. Und darauf kommt es an. Für solche Momente sind sie geschaffen. Du machtest es möglich. Noch nie habe ich eine Frau so kämpfen gesehen. Du bist eine wahrhaftige Kriegerin. Ich bin froh ihnen entkommen zu sein. Und das ich auf dich traf. Du bist wahnsinnig. Und das du mich am Leben lässt. Es ist wie ein Wunder." Xoxo schaute sie sprachlos an. "Wo hast du das gelernt ?" Vajria nickte, "Es ist Teil einer Meditationsübung im Tempel," grinste leicht dabei und fuhr weiter. "Ein Teil meiner Ausbildung, eigentlich sogar der überwiegende Teil befasste sich mit der Formung von Seele, Geist und Körper und diese dreieinig zu vereinen. Man erreicht dann mit minimaler Kraft und Energie unglaublich viel, nutzt die Aura des Gegners für den eigenen Widerstand. Und dazu gehörte der Umgang mit Dolch und Wurfpfeil. Dies sind sehr spezielle Spitzen mit denen man auf zehn Meter ins Schwarze treffen kann. Und ich kann es blind." Vajria schien imstande und in Verfassung ihr einen Vortrag halten zu wollen. Xoxo runzelte die Stirn. Sie war wie verändert. "Blind ?Das mußt du mir unbedingt erklären, später in meiner Höhle. Wie so vieles. Denn eine Dienerin bist du nicht." Dann bückte sich Xoxo zum Getöteten und mit den geübten Schnitten eines Wildtöters hielt sie ihr rasch sein warmes Herz entgegen. "Es ist deins. Du hast den ersten Biss." Vajria schüttelte den Kopf. "Ich will nicht." Sie hatte geahnt, dass das folgen würde, dass Xoxo eine Bluttrinkerin war und sein Herz essen würde. "Du willst nicht ? Los, komm, es ist heilig und frisch." "Nein, er ist böse. Es ist nicht gut, sein verfluchtes Herz zu essen. Es vergiftet unseren Körper und unsere ganze Seele. Soll er als Aas zugrunde gehen, verteilt in alle Winde." "Dann mache ich es eben," Xoxo begann gierig vom Herzen zu essen. "Das Herz deines Feindes macht dich stark. Jeder geschlagene Gegner stärkt unsere eigene Kraft. Bei erlegten Tieren mache ich es auch so." "Nein, Tiere sind rein, aber er war nicht stark, er war feige, gemein und hinterhältig. Ein widerliches Schwein. Seine Seele ein Abbild der dämonischen Finsternis. Er hat gequält, gefoltert und lebendig gehäutet während er sich an sie vergangen hat. Er hat mir alles angetan und genommen, was ich war." "Xoxo schaute sie stumm und grüblerisch an während sie erneut abbiss, dann spuckte sie fluchend aus. "Er war das ? Verdammt, du hast recht." Dann schleuderte sie das restliche Herz in einen hohen Bogen durch die Luft. "Verflucht sollen ihre Seelen sein," rief sie aus. Dann ruhig, zu ihr gewandt. "Sein Herz hat auch nicht geschmeckt. Es war bitter," grisnte dabei breit. Nach einer kurzen Pause, sie sahen wie die ersten Raben über ihnen kreisten. "Bist du dir sicher, es kommen nicht mehr ?" "Nein, das waren alle, sonst wäre er nicht dabei, bestimmt. Das waren alle. Mehr kommen nicht." "Du kanntest ihn?" "Ja, er war ein Schwein," Vajrias Miene war plötzlich eisig und kalt, aber ihr Blick war klar und unverhangen. "Du zitterst nicht mehr und deine Augen, sie funkeln richtig." "Ja, es ist weg, alles ist weg. Abgefallen. Es passierte während mir klar wurde, was geschah und mein erster Pfeil den Feind niederstreckte. Ich fühle mich so überwältigt befreit und unendlich dankbar. Ich fühle wieder neues Leben, neue ungeahnte Stärke in mir fliessen, wie vorher, bevor alles begann. Und doch wird von nun an alles anders sein. Nichts wird mehr wie es war.  Ich bin mir jetzt sicher, dass du mich ihnen nicht ausliefern wirst. Ich vertraue dir, mein Blut ist dein." Vajria fiel auf einmal auf die Knie, küsste Xoxos dreckige Stiefel. "Verdammt, nein, komm hoch oder ... ich töte dich." Dann lachte Xoxo. "Komm", zog Vajria hoch und drückte sie für einen Moment fest an sich. "Du bist doch frei. Du mußt dich nicht unterwerfen. Ich halte keine Sklaven. Wir sind von nun an Freunde. Auch ich habe dir mein Leben zu verdanken, auch wenn du mich erst in diese Situation gebracht hast, aber früher oder später wäre es sowieso passiert." Vajria liefen die Tränen, sie schluchste. "Was ist mit dir?" "Nichts, gar nichts," vergrub ihr Gesicht in den kleinen Händen. Dann rieb sie sich die Wangen. "Ich fasse das alles nicht." Xoxo ergriff nun sanft ihre Arme. "Ach Vajria, komm, komm schon. Los." Und dann: "Wenn du jetzt wieder umfällst, ich warne dich, ich lass dich hier liegen, du kannst dann elendig verrotten, du miese stygische stinkende Schweinepest !" Xoxos Augen zwinkerten und leuchteten keck dabei. Sie fing an zu lachen. Das erste Mal sah sie ein strahlendes Lächeln in Vajrias bislang so niedergeschlagene und traurig düstere Miene aufbrechen. Es war wie ein herrliches Licht, bezaubernd und voll magischer Anziehungskraft, so wie die aufgehende Sonne Stygiens.    

Freitag, 4. Januar 2013

Xoxo. Die Cimmererin. III - Begegnung


Der Nadelwald lag vor ihnen, ausladend und herunterfallend von den breiten Schultern der emporragenden Berggipfel. Dazwischen zwängte sich eine saftig grün bewachsene Gletscherzunge, die nach mehreren hundert Metern in einer Senke mündete, in dessen Mitte ein tiefdunkelblauer See als Quelle einen flachen und schmalen Bach speiste, der von dort schlängelnd seinen Anfang nahm, um hinter einem Fels unterirdisch in einer Nebelhöhle als glitzernder See zu versinken, danach als tosender Wasserfall in schwindelnder Höhe steil herabzurauschen und sich als fruchtbarer lebensspender Fluss hinab auszubreiten - ins weit entfernte und versteckte Tal, in dem sich ihre Siedlung befand. Sie hatten mit dem Abstieg begonnen und Xoxo schaute noch einmal den Hang hinauf zu ihrer Höhle. Doch sie war schon nicht mehr zu sehen. Dafür aber der terassenförmige Felssims, hinter dem eine steile Wand wie ein Portal alles überragte. Sie strahlte für einen kurzen Moment. Ihre Höhle war so unweit vor fremden Blicken gut versteckt. Niemand konnte ahnen, was sich dort verbarg. Sie war stolz diesen sicheren Platz damals ausfindig gemacht zu haben.

Sie durchschritten nun die lange Rinne mit stark überwucherten Geröll zwischen den Waldstücken und trafen auf die saftig grüne Wiese der alten Gletscherzunge mit dem kleinen See. Immer wieder erhoben sich vereinzelte Steinansammlungen. Sie wanderten nun eine Biegung entlang und brauchten dem Bachverlauf nur folgen. Dieser wurde nur einmal zwischen zwei aufeinandertreffenden Steilhängen unterbrochen, wo dieser unterirdisch verschwand, um später dahinter wieder als kleiner Wasserfall aufzutauchen. Sie zwängten sich durch diese felsige Klamm hindurch und die beiden Maultiere verhielten sich mitunter etwas störrisch, aber blieben willig und liessen sich doch gut führen. Hinter der Klamm brach ein erhebenes und zauberhaftes Panorama auf. Sie hielten wie immer, wenn sie diesen Weg nahmen, für eine Weile ein. Vor ihnen lagen zwei Täler zwischen den Bergen und direkt vor ihnen führte ein steiler Abstieg in ein schmales dicht bewaldetes Kerbtal, dass sich im Verlauf des breiter werdenden Baches sohlenförmig ausbreitete. Je breiter es wurde, desto weicher war der Bewuchs, geprägt von Buschwerk körperhoher Wildgräser und vereinzelt herausragenden Bäumen. Xoxo war bis zu den Schultern verdeckt während ihre Gefährten mit den Oberkörpern klar herausragten und weithin sichtbar waren. Die Bäume fehlten zum Ende ganz im Gegensatz zu den steilen Hängen, die dicht bewachsen waren. Hatte man dies durchschritten, stand man vor einer Verzweigung, die in einer Wendung zu dem jeweiligen Tal hinab führte. An dieser noch entfernten Stelle war die Hälfte des Weges erreicht.

Sie unterhielten sich ausgelassen, doch plötzlich war es Xoxo, die innehielt. Sie schien eine Witterung aufzunehmen. Es hiess, sie hätte den Spürsinn der Säberzahntiger übernommen, sich ihrer Seele bemächtigt, als sie sie bezwang und ihre Herzen ass, konnte Gefahren über sehr grosse Entfernungen ausmachen. Sie verharrten eine Weile, aber es war nichts zu sehen, keine auffällige Bewegung. Nichts. Sie zeigte auf eine weit entfernte buckelige Stelle an den Seitenwänden des linken Hanges. Es war eine frische Rutschspur, die bis zu den Gräsern führte. Das Gras war dort zu einer Ausbuchtung niedergedrückt. Eine Fallstelle und von dort ins Wildgras hinein und man sah an den Spitzen immer wieder Knickungen. Ihr Arm folgte dem Verlauf. "Da!" Und stoppte, wo die Spur endete. Es war klar, ein Tier war es nicht. Sie näherten sich nun langsam und auf der Hut bis zur Rutschspur, teilen sich aber nicht auf, blieben zusammen. Dort angekommen, betastete Wallax den Boden. Xoxo ging der Ausgangsspur folgend noch etwas weiter hoch, kam wieder zurück. "Überall geknickte Zweige. Auch Blut auf dem Boden und an den Ästen. Menschenblut." "Die Fremden!" stiess Wallax, schnüffelte an der Erde in seiner Hand. "Höchstens einer und auf der Flucht," fügte Xoxo trocken zu. Dann rief Xenay: "Seht." Er stand dort wo die Rutschspur mit einem Aufprall geendet hatte. Auf dem abgesprengten weichen Erdboden war ein Fussabdruck zu sehen. Chimir stellte seinen Fuss daneben und lachte auf: "Entweder ein Buschmann oder Kinder, aber die Eindringlinge sind doch riesengross. Angeblich noch grösser als wir." Beolg sagte dann: "Ein entflohener Gefangener vielleicht." Xoxo nickte schweigend. "Von uns ist es jedenfalls keiner. Er hat Angst, auch vor uns." stellte Beolg fest. "Hat sich ins Wildgras verkrochen und wartet auf die Jäger." "Und auf den Tod!"ergänzte Wallax. Wallax nahm seinen Bogen, spannte ihn. "Oder eine Falle ?", schaute verschmitzt in die Runde. "Schnapp, schnapp," Chemir grinste, kratzte sich am Nacken, doch eine Hand fasste kurz an den Axtstiel, rückte sie zurecht.

"Die Vögel sagen das nicht. Auch der Wind trägt mir nichts herüber. Aber was ich spüre, ist unermessliche gefrorene Angst. Diese Seele ist von Angst zerfressen. Hinter ihr liegt das Lied der Qualen. Deshalb versteckt sie sich. Wartet auf ihr Schicksal. Wie das gestellte Wild, das die Wölfe erwartet. Wartet auf den Tod." "Die Frage ist nur, ob wir ihr Schicksal sind oder ob noch eine andere Gefahr hier lauert - auch auf uns ?" hakte Wallax nach. "Naja, die Verfolger werden bald auftauchen, sofern es sie gibt," sagte Beolg kühl. "Wir ziehen jedenfalls weiter. Wir werden sie auf dem Schlachtfeld begrüssen. Sie sickern sowieso überall ein." Xoxo schaute weiterhin in die Richtung, wohin die Spur der verbogenen und abgeknickten Halme führte, erwiderte darauf ohne ihre Haltung irgendwie zu ändern. "Und wenn der Flüchtling etwas weiss, was uns weiterhelfen könnte. Uns etwas über unsere Feinde verrät, um ihre Stärke zu brechen?" "Xoxo, wenn der so dumm ist, wie er sich hier in der Wildnis verhält, dann kann ich auf seine Ratschläge gut verzichten." Wallax grinste und wühlte mit seinen Fuss im Sand. Er kannte Xoxo. Sie würde gehen, ob nun allein oder mit ihnen. "Ich gehe und schaue nach. Dann sehen wir, was es auf sich hat und ob es sich für uns lohnt." Wallax und Chemir stimmten ihr zu, auch Xenay nickte. "Gut, viel Zeit haben wir aber nicht. Mach schnell Xoxo. Und lass den Kopf für Wallax übrig." Sie ging nun den Hang ganz hinunter und verschwand schnell im hohen Gras. Nur ihr rotbrauner Haarschopf war noch zu sehen. Es war von der Gruppe aus eine Zickzacklinie, den ihr Gang beschrieb bis sie einen Bogen machte und nur etwa hundert Meter von ihnen in der Mitte zum Stehen kam. Sie blieb dort eine Weile stehen. Es gab keine Kampfanzeichen. Dann verschwand ihre Gestalt ganz. Sie guckten sich an. Plötzlich hörten sie ein kurzes Aufschreien. Es war eine schrille Frauenstimme. Und wieder. "Ihr bleibt bei den Maultieren," rief Beolg zu Chemir und Xenay. Dann rannten Wallax und Beolg los. Sie eilten in grossen Sätzen durch das Gestrüpp. Doch Xoxo winkte ihnen bereits wieder zu und gab Zeichen sie sollten sich zurücknehmen. "Sie hat ihn, ich quetsch alles aus ihm raus,"raunzte Wallax. Schliesslich kamen sie vor den beiden zum Stehen und schoben das hohe dichte Gras beiseite.    

Rasch verfolgte Xoxo die Spur, war derjenige doch so ungeschickt und unachtsam. Auch wenn dieser im Zickzack sich im Gras hin und herbewegt hatte, sprach dies mehr für Orientierungslosigkeit als für jemanden, der verwirren wollte. Oder für jemanden, der mit der Natur und der Wildnis nicht vertraut war. Der Fremde war nur noch wenige Schritte entfernt. Xoxo lauschte noch einmal völlig regungslos. Sie spürte nun die Nähe der fremden Gestalt und ihren Angstschatten, doch das Gras war so dicht, dass man nichts erkennen konnte. Dann gab ein Windzug, der über die Spitzen der Wildgräser streifte und manchmal Furchen darin zog für einen Augenblick die Sicht ins Versteck frei. Die Fremde hockte mit den Beinen fest angepresst und mithilfe ihren dünnen Arme fest umschlungen seitlich von Xoxo abgewandt. Sie blickte starr hinaus, dorthin wo ihre Gefährten warteten und man ihre Stimmen hören konnte, nahm Xoxo überhaupt nicht wahr. Sie hatte kurze zerzauste struppige kastanienfarbene Haare. Ihre Haut war fremdländisch braun, wie trockener Schlamm, so wie Xoxo es nur einmal gesehen hatte in den Grenzgebieten Stygiens. Die Fremde hatte eine Hakennase. Ja, es war eine Stygierin keine Frage. Sie war völlig nackt, sehr klein und zierlich, war aber dazu noch stark  abgemagert. Ihre Rippen schienen deutlich an der Seite durch und auch die Wirbel auf dem gekrümmten und von Peitschenstriemen gezeichneten Rücken. Man konnte alte vernarbte und frische Striemen von Stock- und Peitschenhieben erkennen. Xoxo war sich im Klaren, sie könnte ihr mit einem einzigen Tritt den Rücken brechen. Die Fremde war keine Gefahr, völlig wehr- und hilflos, zitterte am ganzen Leib. Wenn Gefahr drohte, dann von ihren Verfolgern oder ihren eigenen Gefährten. Der Wind legte sich und Xoxo preschte vor, kam direkt vor der Fremden zu stehen. Die Fremde rührte sich nicht, zitterte und der Angstschweiss lief ihr am ganzen Leib herunter, den sie fest umklammerte und ihren Kopf hatte sie nach vorn auf den Boden starrend gestreckt. Sie bot Xoxo auf diese Weise ihren ausgestreckten Hals offensichtlich zur Enthauptung dar. Es war das Zeichen der vollständigen Unterwerfung. Sie atmete laut und heftig, schluchzte dabei und erwartete Schläge, Peinigung und ihren nahenden Tod. Ihr Hals hatte tiefe Wund- und Würgemale einer Fesselung, ihre Hand- und Armgelenke auch. Ihre Füsse waren blutig aufgerissen, ihr ganzer Körper zerschrammt und von blauen Flecken übersäht, von den Zweigen, Büschen an denen sie vermutlich wie panisch hindurchgerast war. Xoxo legte ihre Axt langsam und ruhig auf den Boden. Und grübelte, welch stygische Brocken sie noch beherrschte. Ohne weiter nachzudenken, lag ihr ein Ausspruch bereits auf der Zunge, weil er melodische Ähnlichkeit hatte mit einem cimmerischen Gesang. Ja, den würde sie verstehen, wenn sie wirklich eine echte Stygierin war: "Keine Finsternis ist dem Kummer gleich. Erlischt die Seele in der Trauer, so brennt sie in der Todesflamme und im dunklen Rauch zieht sie über das weite Land. Heil dir, der du verletzt und lebend bist." Stille. Sie regte sich nicht, aber für einen Augenblick zitterte sie nicht mehr. Sie hatte verstanden. Xoxo betrachtete den Tränenfluss, der an den schmalen dürren Beinen der Stygierin in der Sonne glänzend herunterlief. "Ihr sprecht stygisch?" murmelte die Stygierin, noch immer zum Boden gewandt. "Ja, aber nur einfache Brocken der ländlichen Bevölkerung im Grenzgebiet." "Was ihr sagtet, ist aus einem uralten und heiligen Gedicht. Woher wisst ihr ?" Sie hustete. Dann bückte sich Xoxo, ging in die Knie und fasste sie leicht an den Schultern. Die Stygierin erschrak, schrie auf. Doch als nichts weiter passierte, verstummte sie sofort. Sie hatte offensichtlich nur Angst vor jeder Berührung und immer wieder um sich schauend vor den Verfolgern. Xoxo hob sie hoch. Beide standen nun sich gegenüber und ihr Zittern am ganzen Körper setzte wieder ein. "Schau mich an", sagte Xoxo. Sie riss ihren Kopf hoch als wöge er sehr schwer, schnaufte dabei und das Zittern setzte wieder ein. Ihr Kopf reichte Xoxo gerade einmal bis zu ihren üppig ausladenen Brüsten. Die Stygierin war kein Kind, sondern eine erwachsene Frau. Sie war dürr, ihre Rippen schienen durch und ihre Brüste waren erschlafft, zogen Falten. Sie war in einem schlimmen Zustand und würde allein sicher nur noch wenige Tage überleben sofern nicht Raubtiere sie nicht vorher entdeckten. Ihre dunkelbraunen fast schwarzen Augen hatte sie weit aufgerissen, waren völlig glasig und blutrot unterlaufen. Salzige Tränen rannen vereinzelt wie Kristalle die Wangen herab. Ihre spröden rissigen Lippen wipperten zusammengepresst wie bei einem Fieber. Sie rang um ihre Würde und um ihre Selbstachtung blickte nun Xoxo direkt an. Für einen Moment blieben ihre Blicke an der grossen dicken Narbe neben Xoxos Busen hängen. Xoxo war von ihrem Ringen um Haltung tief beeindruckt. Sie war unglaublich stark. Wieviele Gefangene hatte sie schon gesehen, sie hätten niemals den Mut gehabt ihr in die Augen zu sehen, meist nur unter Anwendung von Gewalt. Und ihr Blick, zwar völlig verzweifelt und ausgeliefert, aber darin war noch immer ein kleiner Rest Stolz und Würde sowie Mut und Entschlossenheit verborgen. Man hatte sie fürchterlich erniedrigt, aber nicht endgültig gebrochen. Sie würde sich davon erholen mit der Zeit. Sie mußte eine Städterin, vermutlich aus einem Tempel oder einem Palast sein, stammte der Statur nach sogar aus der Oberschicht, doch ihr abgemagerter Zustand liess nur eingeschränkt Rückschlüsse zu. Schwere körperliche Arbeit kannte sie sicher nicht, aber sie mußte unglaublich zäh sein, was zu allem gar nicht passte. So dünn und geschwächt konnten sich viele andere kaum auf den Beinen halten geschweige denn noch laufen, aber sie hatte es bis hierher getan. Und hier war offensichtlich Endstation. so schien es als wartete sie hier wie ein gejagtes Reh auf den reissenden Jäger. Sie zitterte unentwegt am ganzen Leib und der Schweiss lief an ihr unaufhörlich herunter. Xoxo blickte sie noch immer scharf einschätzend, aber nicht wütend an. Überlegte, was sie tun sollte. Eine gottverdammte Stygierin. Eine Katastrophe. Die Fremde rührte sich nicht, bemühte sich fest und aufrecht vor ihr zu stehen, wankte dabei sicher wegen schwindener Kräfte. Sie war so selbstbewusst und so verloren. Fast alle anderen wären auf der Stelle zusammengebrochen, würden betteln und flehen. Sie tat es nicht. Xoxo gefiel das sehr und war sich nun absolut sicher, dass die Stygierin keine einfache Dienerin oder Sklavin eines Palastes war. Warum sollte man sie sonst auch noch durch diese Wildnis jagen ?  Einen wertlosen Sklaven bestimmt nicht, der höchstens ein Fressen für die Krähen und Würmer war, denn es wäre ihr völlig neu, dass ein Stygier in der cimmerischen Wildnis je überlebt hätte. Tiefe blutunterlaufene Scheuer-, Schlag und Würgemale hatten ihre Spuren hinterlassen. Auch ihr rechter Oberarm wies solche Stellen auf. Man hatte sie sicher sehr häufig vergewaltigt und geschlagen. Ihr schmaler Brustkorb schien pausenlos vom rasenden Herzschlag zu erzittern. Sie hatte solch verdammte Angst, war sich zunehmend unsicher, ob Xoxo sie nun doch noch töten würde. Cimmerer waren aus ihren Erzählungen das Schlimmste, was sich Stygier vorstellen konnten. Xoxo mußte ein solcher entsetzlicher Anblick gewesen sein in ihrer cimmerischen Wildheit, weiblich kräftigen Üppigkeit und ihrem starken von Muskeln durchzogenen Körper. Die Stygierin betrachtete ihre Muskeln, die auch ihren Bauch wellig durchzogen, wenn ihr Bauch spannte wie bei einem durchtrainierten Krieger. Aber sie war eine Frau. "Sag, wie willst du hier überleben ?" Die Frage war für die Fremde völlig verwirrend, sie hielt sie für eine Falle, für ein Ablenkung. Ihr Herz raste jetzt und sie atmete immer heftiger und nach Luft schnappend. Xoxos Miene war kalt und ernst ohne Ausdruck, ohne Regung, aber auch ohne Hass. "Wir töten dich nicht. Auch wirst du nicht versklavt. Ich wiederhole es, hast du gehört ?" Die Stygierin schluckte, als würde sie einen Kloss herunterwürgen und nickte dann heftig. "Wir - töten und versklaven - dich nicht." Die kleinwüchsige Stygierin regte sich ab, fuhr langsam herunter.aber es hinderte sie etwas sich ganz zu beruhigen, schaute auf den Boden und zur Seite in die Ferne schweifend. Dann stammelte sie hervor: "Ich weiss nicht. Wir werden alle sterben. Sie werden gleich hier sein. Ich werde sterben. Und ... Ihr auch." "Ich sterbe nicht. Und du auch nicht, wenn ich es doch sage. Es wird dir nichts geschehen. Stell dich hinter mir. Warte ab und sei still." Sie wandte der Fremden den Rücken zu und fragte sich, wie das alles enden würde. Ihre Entscheidung hatte sich schicksalhaft auf ihre Lippen gelegt. So war es gesprochen. Dann winkte sie ihre Gefährten heran, die sie bereits kommen hörte und jetzt vor ihr zum Stehen kamen.

"Xoxo, was soll das ?" fragte Beolg aufgebracht. Neben ihm baute sich der riesige Chemir auf. Wallax und Xenay standen hinter ihr, griffen nach der kleinen Stygierin, die sich nun an Xoxo verzweifelt festklammerte und die Augen mit dem Kopf nach unten schloss. "Ihr macht ihr Angst, sie ist wehrlos und auf der Flucht vor unseren Feinden." Sie konnte nicht weitersprechen, denn es brach aus Wallax heraus: "Mann, seht euch das an, eine stinkende Stygierin. Und Xoxo beschützt sie." Er spuckte aus, wollte sie Xoxo fortreissen, doch sie drehte sich herum, wich ihm dann flink aus und ging einen Schritt zur Seite. "Lass sie in Ruhe," fauchte sie Wallax an. "Eh, was ist, diese kleine Hexe, ich zerhack sie in Stücke und häng sie für die Raben auf." "Nein, das wirst du nicht. Sie gehört mir, ich habe sie gefunden. Sie ist hier in der Wildnis und frei. Ich nehme sie mit in meine Höhle. Sie unterliegt weder Gesetzen des Dorfes, noch des Stammes, denn seine Grenzen reichen nicht bis dorthin. Deshalb lebe ich dort. Aber wir sehen uns auf dem Schlachtfeld, ich werde cimmerisches Blut nicht entehren. Und sie wird uns vielleicht verraten, wer die Feinde sind. Kenne den Feind besser als dich selbst, dann wirst du siegen." Es herrschte langanhaltenes eisiges Schweigen. "Beolg, du weisst, was mir in Stygien geschah, es waren Stygier, die mich gerettet haben. Einfache Nomaden. Es sind Menschen. Mit der Brut Sets und ihren schrecklichen Herrschern haben sie nichts zu tun. Viele von ihnen sind Sklaven. Ich gebe zurück, was sie mir gaben, so ist es Brauch." Beolg atmete tief durch, dann nickte er langsam, gab Wallax und Xenay, die von neuem nach der Fremden griffen und die sich um Xoxo hektisch herumwand, ein unmissverständliches Zeichen. Dabei knurrte er laut wie ein Bär. "Schluss jetzt." Sie hielten ein. "Scheiss Weiber ! Beolg, eine Stygierin bringt uns nur das Elend und Seuche." "Ja ? Wirklich ?"  Das ist doch eine verkrüppelte Vogelscheuche. Sie kommt nicht in unser Dorf. Steck sie von mir aus in deine verdammte Höhle. Mir egal. Bring sie aber niemals ins Dorf. Guckt sie dir an. Nur Haut und Knochen. Die frisst dir alle Vorräte weg. Am ende wird sie dich im Schlaf meucheln, vollgefressen von deinem Hab und Gut. Zeig sie mir. Mach endlich Platz. Er deutete, die andern zu sich heran, sodass sie ihn zu beiden Seiten umsäumten. Er wollte sie nur sehen. Von Angesicht zu Angesicht. Xoxo drehte sich ihr zu, dann schob sie sie nach vorn. Schubste sie. Sie schaute mit gekrümmten Nacken auf den Boden, zitterte wie vorher am ganzen Leib. Xoxo wisperte ihr zu:"Schau ihn an." Sie reichte ihnen mit dem Kopf nur bis zum Bauch und schaute rasend vor Angst in ihre Gesichter, in die düsteren Mienen hünenhafter kriegerischer Cimmerer, deren schweissöliger und lederner Körpergeruch wie eine Beize in ihre feine Nase stieg. Der massige Chimir wirkte mit seiner wilden Behaarung wie ein bäriges Ungetüm auf sie. Obwohl Xoxo sie festhielt, zitterte sie immer stärker am ganzen Leibe, japste nach Luft, es schien als würde ihr Atem stocken, dann begann sie zu urinieren. Den mächtigen Gestalten und ihren grimmigen und wütenden Blicken hielt sie nicht stand. Das Trauma der Torturen, die sie überstanden hatte, brach über sie ein, so als würden sie von neuem beginnen. Sie begann noch während sie urinierte zu ventilieren, dann kippte sie um.

"Mann ist die fertig, pisst hier rum wie Sau," Wallax feixte, schüttelte den Kopf dabei. Die anderen auch. "Viel Spass mit ihr, Xoxo. Am Ende kriegste die Maul- und Klauenseuche und läufst vor Mäusen weg. Miau !" Jetzt gröhlten alle vor Lachen, nur Xoxo nicht, sie fühlte Wut in sich aufsteigen über soviel Stumpfsinn, Stumpfsinn der tötet und erst danach die Fragen stellt, aber ja, sie war nichts anderes gewohnt von ihnen. Sie wandte sich gereizt zu Wallax um:"Sieh mich an, Wallax, sagt dir der Name Reallia was ? Ja ? Schon vergessen ? Niemand hätte damals jemals daran gedacht, dass sie heute als stumme Magd ihren belanglosen Dienst verrichtet. Es heisst, sie wischt den Dreck und die Kotze der Säufer mit ihren Tränen auf, wenn sie ihre Krämpfe kriegt. Und weil, niemand, der sie nicht kennt, glauben würde, dass sie einst die stärkste Kriegerin des Stammes war. Und nur deshalb lebt sie noch heute. Sie hat ihren Preis gezahlt. Und niemand im Dorf hat je eine grössere Summe an den Feind aufgebracht. Wallax, sag mir, wie sie aussah, als wir sie fanden, wieviel Zeit sie bei den Schamanen und Heilern verbrachte und was von ihr noch übrig ist!" Wallax schaute auf den Boden, dann schweifte sein Blick in die Weite zu den Abhängen hinauf. "Los sag es mir ..." "halt dein verfluchtes Maul, sei still du Hure, sie verdient es nicht mit einer stygischen Hexe verglichen zu werden. Sie ist stinkender Abschaum." "Hör auf Xoxo, das kannst du nicht vergleichen, genug," Beolg hielt seinen Arm vor Wallax. Selbst Chimir stampfte, von einem Bein auf dem anderen. "Schön, dass ihr euch erinnert. Und lange Zeit lief sie in Ziegenfellen herum, wie eine Bäuerin, um ihr geschändetes Anlitz zu verdecken, wie eine Leprakranke habt ihr sie laufen lassen bis sie von mir ein federweich gefüttertes Fell eines Schneeleoparden erhielt. Keines ihrer unzähligen Wundmale riss seitdem auf. Sie trägt es selbst in der Hitze, weil sie auch im Sommer friert. Vor ergreifender Dankbarkeit umarmte sie meine Beine, fiel auf die Knie, wie eine Bettlerin. Das habt ihr aus ihr gemacht." "Schluss jetzt", raunte Beolg ein letztes Mal. Den drängenden allmählich aufkochenden Wallax hielt er zurück. Zwischen Xoxo und Wallax passte kein Blatt. Xoxo wandte sich abrupt ab, beugte sich über die Stygierin. "Los, gebt mal was zu trinken her, ihr cimmerischen Hurensöhne," ihr Ton war wieder kumpelhaft, streckte frech und fordernd ihren Arm in Richtung Wallax aus. "Oder soll sie von eurem miesen Anblick sterben ? Ich habe immer gesagt, ihr seht sowas von potthässlich aus, dass die Milch versauert." Sie grinste neckisch, lachte für alle hörbar in sich heinein. "Was ist nun, soll mein Arm auch noch abfallen ?" Und tatsächlich nach einer Denkminute reichte Wallax ihr mit ausdrucksloser Miene seinen Trinkbeutel rüber. Der Streit war weggewischt. "Ich hoffe, das Zeug ist nicht vergiftet, das wäre eines Barbaren bei Crom nicht würdig. Sowas kenne ich nämlich nur aus Stygien ..." Jetzt lachten sie alle zusammen. "Aquilonien hast du vergessen," fügte Beolg hinzu.Man durfte sie nicht ernst nehmen mit dem, was sie sagten. Das einzige was zählte, waren ihre Taten. Und man mußte sie manchmal zurückholen, dorthin, wo die Wahrheit so hart und kalt war, wie Granit im Schatten. Sie träufelte der ohnmächtigen Stygierin nun den Beerensaft ins Gesicht und sie kam zu sich, blickte Xoxo wie aus weiter Entfernung an. In ihren Augen funkelte es kurz, wie in einem Diamant. Xoxo hob ihren Kopf mit einer Hand und sie trank nun, erst einzelne Schlucke, dann hastig. Sie war durstig, wie ausgebrannt, ausgehungert auch, war viele Tage unterwegs. Sie hatte sich ihrem neuen Los ergeben.

Es grenzte schon an ein kleines Wunder, ihren Häschern solange entkommen zu sein, so abgemagert und geschwächt wie sie war. Und warum hatten sie die Wölfe nicht gerissen ? Sie roch doch verdammt nach Blut. So dumm konnte sie also nicht sein. In einer Wildnis, von der sie überhaupt gar keine Ahnung hatte, dem sicheren Tod entronnen zu sein. Die Art ihrer Begegnung wies Xoxo innerlich unmissverständlich darauf hin, dass die Stygierin nicht die Absicht hatte, wie Reallia zu enden. Sie war verdammt stolz und zäh. In keiner ihrer Regungen fand sie Unterwürfigkeit - nur panische Angst und Entsetzen. Sie würde schon bald erfahren, wer die Stygierin war, was die Feinde ihr antaten, wer sie waren und wie sie kämpften. Und vermutlich würde sie die Cimmerer eines Tages noch überraschen.  

Sie war nur am Ende ihrer Kräfte, über lange Zeit misshandelt und ausgezerrt - sonst nichts. 




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