"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel."


"Am Ziele deiner Wünsche wirst du jedenfalls eines vermissen: dein Wandern zum Ziel." - Marie von Ebner-Eschenbach

Molon Labe versteht sich als privates Story- und Fansite-Projekt des von dem fantastischen Erzählwerk Robert E. Howards inspirierten Massive Multiplayer Onlinegame Age of Conan.

Vor allem ist es ein Schreibprojekt von Geschichten rund um die gespielten Charaktere, angeregt durch das Spielgeschehen Hyborias in Age of Conan wirkt es schliesslich in einer eigenen fantastischen Welt vorantiker archaischer Zeit - ganz im Stile von Sword, Sex and Sorcery.


Sämtliche Veröffentlichungen sind Entwürfe oder Manuskripte, also unfertig. Es geht dabei nicht um literarische Meisterschaft, sondern um das einfache Erzählen mithilfe des Schreibens.

"Aus den Trümmern unserer Verzweiflung bauen wir unseren Charakter." - Ralph Waldo Emerson




Seiten

Belite, die Eroberin - Hohe Dienerin Mitras


Hier entstehen die Geschichten um Belite, eine sagenhafte Gestalt uralter Legenden grauer Vorzeit.

Eine Kriegsamazone, selbstsicher und unabhängig, die einzige weibliche Primus Centurio des Blutordens der Mitraner in einer brutalen männlichen Welt der Gier nach Macht durch Unterdrückung und Unterwerfung.

Belite ist gütig und liebevoll, tugendhaft und aufrichtig. Freiheit und Gerechtigkeit gehen ihr über alles.

Belite betet Mitra an, die ihr schliesslich auf fernen Reisen in einer Vollmondnacht erscheint, ihr das wahre weibliche Anlitz der Naturgöttin zeigt und sie zu ihrer Erleuchteten im ewigen Krieg gegen die dunklen Mächte der Unterwerfung und Zerstörung macht.

Einsam, aber nicht allein tritt sie für die Schwachen, Armen und Wehrlosen ein, wird aber von diesen als unheimliche Bedrohung angesehen, denn dort, wo sie Magie und Schwert hinführen, gerät die alte Ordnung aus Betrug und Falschheit aus den Fugen.

So wird aus ihr eine einsame Abenteurerin im Zwiespalt mit der Welt und im Ringen mit den beherrschenden Mächten. Deshalb erscheint sie verflucht, verfolgt, ist ihrer Bestimmung und ihrem Schicksal ergeben.

Belite ist die Keimzelle für eine kleine eingeschworene Gemeinschaft voller Sehnsucht und Hingabe, junge und eigensinnige Gefährtinnen, die ihr in freiem Willen ergeben sind und gemeinsam mit ihr traumhafte Momente der Glückseeligkeit und tiefgrausamen Qual erleben sowie in wundersamer Weise todesmutig für das Gute eintreten - bis zum Untergang.

Es gibt kein Entrinnen oder Erbarmen. Unerbittlich gibt es nur eine Entscheidung: Gut oder Böse - Leben oder Tod !

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Montag, 29. November 2010

Grundrisse der Legende

Belite wuchs zunächst recht wohlbehütet auf dem väterlichen Fürstentum in Aquilonien auf. Ihr Vater schenkte ihr aber keine Liebe wohl wegen ihres Eigensinns und ihrer Herkunft, da sie die uneheliche Tochter aus einer Beziehung mit ihrer verstorbenen Mutter Belit, der Königin der schwarzen Küste, einer wilden Piratin mit vielen wechselnden Liebschaften war. Es hiess, Ihre Mutter stammte von einem shemitischen Königsgeschlecht aus Asgalum ab. Ihr Vater respektierte diese Besonderheit, weshalb er sie überhaupt aufgenommen hatte und ihr viele Freiheiten über die Standesregeln hinaus zugestand. So erlernte Belite die eigentlich nur Männern vorbehaltene Kampf- und Schwertkunst.

Als ihr Vater sie mit Erreichen des sechzehnten Lebensjahres als Maitresse weiterreichen wollte, wendete sich ihr Schicksal, da nun der König, der einst ihre verstorbene Mutter Belit geliebt hatte, von ihrer Existenz erfuhr. Er kaufte sie sofort frei und liess sie nach Cimmerien bringen, wo sie auf offene, aber auch sehr harte Menschen stiess. Sie liebte deren Naturverbundenheit und interessierte sich sofort für den Schamanismus, verbesserte ihre aquilonische Kampfkunst- und Schwertkunst mit der cimmerischen todbringenden Brutalität. Dies trug ihr grossen Respekt ein, vor allem auch bei den männlichen Kriegern. In Zweikämpfen galt sie als ebenbürtig, fair, aber unerbittlich. In Turnieren bot sie lange ausgiebige Kämpfe und trieb das Publikum durch ihre weibliche Eleganz zur Raserei. Kämpfe um Leben und Tod verliefen häufig kurz, äußerst brutal und unerwartet und von einem Schaudern begleitet. Und häufig wendete sie eine als hoffnungslos sich abzeichnende Niederlage in einen atemberaubenen Sieg.

Einmal hatte ein bulliger Hüne voller Urgewalt sie bereits bewusstlos am Boden, schleuderte ihr Schwert in weiten Bogen davon, zerschnitt ihre Rüstung, entkleidete sie auf diese Weise, ritzte dabei genüsslich ihre Haut auf, verspottete sie und johlte den Schaulustigen rund um den Kampfplatz zu. Ihr Kopf drehte sich benommen langsam hin und her, als sie zu sich kam und ihren trägen Körper krümmte und sich wälzte unter den teils tiefen Schnitten auf ihrem Leib. Ihr Blut tränkte dunkelfärbend den sandigen Boden, der grosse Blutverlust schien sie völlig zu erschöpfen. Er war gierig und voller sadistischer Geilheit und bereit, sie in diesem schlimmen Zustand zu nehmen, setzte sich auf ihr Becken, löste seinen Gürtel, aber viele schrien, er sollte endlich zustossen, ein Ende machen, das wollten sie nicht sehen, sie habe das nicht verdient. Was ihm nicht gefiel, aber die Daumen zeigten nach unten. Wetten wurden nicht mehr angenommen. Manche bemühten sich bereits lauthals, teils entnervt oder lachend um die Auszahlung, wendeten sich ab und den sich bereitmachenden nachfolgenden Kämpfern zu. Der Kampf schien zuende, ihr ein unwürdiger Tod gewiss. Der Kampfrichter gab ein ultimatives Zeichen. Aus der Hocke, er hatte ihre Schenkel bereits weit auseinandergeschoben und angehoben, um sie trotz einiger Proteste zu vergewaltigen, erhob sich der Hüne nun widerwillig und liess sie fallen.. Breitbeinig, noch immer lüstern und erregt, baute er sich nun mächtig auf, hob seine Arme mit dem Schwert weitsichtbar wie ein Sieger in die Höhe, holte mit beiden Armen zum tödlichen Stoss seines nach unten auf Belites Herzseite gerichteten barbarischen Krummschwertes aus. Plötzlich, der Aufprall hatte in ihr einen Ruck der inneren Wachheit ausgelöst, schnellte Belite wie eine blutverschmierte Echse mit einem rasanten Schwung beiseite. Sein kraftstrozender  Stoss blieb mit aller Wucht im festen Sand stecken. Noch bevor er seine mächtigen Arme schützend hochziehen konnte, schoss Belite empor wie ein Vampir und ihr Biss durchtrennte weit und heftig blutspritzend seine Halsschlagader während sich ihr nackter Körper in einer Drehung um seinen Rücken schlang. Sie warf ihren Kopf wie ein Raubtier schlingend in den Nacken, spuckte angewidert das zähe Fleischstück aus, während er, sich um die eigene Achse drehend und sein Blut ringsum versprühend, wild schreiend versuchte sie abzuwerfen, aber sie hatte sich wie eine Bestie an ihn geklammert, riss beissend sein Ohr ab. Er blutete nun aus vielen Wunden und der Blutverlust seiner Halsschlagader, die er mit dem linken Arm pressend zu stillen suchte, zwang ihn ganz langsam in die Knie zu Boden. Die Zuschauer drängten sich voller Aufregung und viele ärgerten sich, diese Wendung verpasst zu haben. Sie stand nun, wie eine stolze Amazone dicht vor ihm, als er tief in die Knie ging, sein warmes Blut sprudelte auf ihren freien Oberkörper und sie hielt ihre Hände auf und schlürfte es, blickte ihm fremdartig jadefarbend in seine vom Schock weit geöffneten Augen, erniedrigte ihn auch seelisch, verrieb schliesslich sein Blut für einen Moment wie bei einer lustvollen Salbung zwischen ihren Schenkeln, über ihren Bauch und ihre Brüste. Das überwiegend männliche Publikum tobte. Soetwas hatten sie noch nie erlebt. Sie genoss seine Peinigung und sein Entsetzen, warf ihren Kopf in den Nacken und lachte dabei. Dann genauso überraschend trieb sie beide Hände in einer raschen Bewegung in die klaffende Wunde, das Blut spritzte erneut in einem heftigen Strahl in ihr Gesicht, zerriss bestialisch mit aller Kraft seinen muskelstrotzenden Hals. Knackend in einem kräftigen Ruck brach sie sein Genick und löste seinen Kopf mit einem Hieb seines eigenen Schwertes. Sie stellte sich breitbeinig auf und hielt seinen bluttriefenden Kopf über ihre Brüste ganz hoch, als wollte sie sich ölen, liess das Blut in ihren weit geöffneten Mund laufen, drehte sich so im Kreis zu allen Zuschauern dieses düsteren Todeskampfes. Vollends blutüberströmt wirkte sie wie ein grausamer weiblicher Blutvampir voll erotisierender Anziehungskraft und animalischer Stärke. Alle waren starr und fassungslos. Dann rief sie aus: "Das ist für euch - ihr Versager !" und schleuderte in hohem Bogen den Kopf des Hünen in die vom blutigen Ekzess und dessen unerwarteten Ausgang erstarrten Zuschauerreihen, also derer die gegen sie gesetzt hatten. Sie schrien auf, schon fast wie Weiber, deren Kleider schrecklich besudelt wurden. Die Wachen der Arena liefen nun auf, um sie zu schützen. Der Sandplatz galt als heilig und durfte nur von den Kämpfern und dem Kampfrichter betreten werden. Aufrecht verliess sie den Kampfplatz bis am Rande  angekommen ein Heiler sie stützte, sie klammernd auffing und sich händeringend um ihre schweren Wunden kümmerte, als sie völlig entkräfted zusammenbrach. Die anschliessenden Tumulte beim Wettmacher, die schlimmsten sei langem, hörte sie nicht.

Schon ihre Mutter galt als Tigerin, war männlichen Kriegern ebenbürtig, doch als was galt dann Belite ? Ein diesem beklemmenden Schauspiel beiwohnender fremder Schamane sah in ihrer fürchterlichen Unerbittlichkeit bereits das Monster, dass sich durch spätere Inkarnation der Naturgöttin Nintu auf ihre Dienerin Nawatu übertrug. Nintu, die man in einem entfernten Dialekt auch Belet-ili nannte, weshalb man mutmaßte, dass diese Bedeutung als göttliche Ankündigung und Bestimmung ihrem Namen innewohnte, aber auch dem Namen ihrer Mutter Belit, die bekanntlich in der shemitischen Götterwelt Zuflucht gesucht hatte.

Auf die rauhe cimmerische Zeit folgte für Belite eine mehrjährige ruhige Zeit im Mitra-Tempel, da sie dort ihre Kinder gebar und wo sie zunächst als Mitra-Tänzerin Salii Palatini ausgebildet wurde. Ihre Tanzinterpretation war voller Energie und Radikalität. Manche meinten, ihr persönlicher Stil sei unvereinbar mit Mitra, andere hingegen sagten, aus ihr spreche die Seele des unvermeidlichen Krieges. Kam es zum Aufruf zur Schlacht wurde sie als Haupttänzerin gerufen, weil sie das wahre Töten beherrschte und das Wesen des Krieges von Schmerz, Not und Leid und zerschellender Liebe auch kunst- und gefühlvoll, erotisch und martialisch, also gegensätzlich in ein in sich geschlossenes Bild und dramatisch in Szene zu setzen verstand. Ihre Tanzdarbietung inspirierte die Soldaten zu Heldentaten. Sie überhöhte den Widerspruch zwischen Herz, Geist und Seele und fügte diesen voller Macht und Hingabe im Dienste Mitras wieder zu einer alles überragenden Einheit zusammen. So erhielt sie ihren Beinamen, da nach einer Vorstellung ein Mitraoberhaupt voller Begeisterung ausrief: "Seht, die Hohe Dienerin Mitras!" Es geschah vor einem Feldzug, den Aquilonien gegen eine anrückende feindliche Übermacht glorreich gewann.

Sie vertiefte sich in metaphysische Methoden der Kontemplation, erweiterte ihre Bewußtwerdung in Vollmondritualen, verinnerlichte den Pfad der Tugend, ihre Seeleneinheit mit Mitra und die Werte der Wahrheit, der Freiheit sowie Gerechtigkeit. Schliesslich verliess sie den Tempel, wollte nicht akzeptieren, als Frau niemals gleichberechtigt anerkannt zu werden und wichtige Weihen niemals erlangen zu dürfen, meldete sich zum Blutorden der Mitraner "Mitras Macht", der all jene Krieger beherbergte, die weder Löwen der Mitrapriesterschaft, noch Schwarze Drachen des Königs sein konnten oder durften, aber zu talentiert waren, als sie in den grossen Landtruppen aufreiben zu lassen. Belite wurde die einzige königliche Matrona Primus Principes Centurio des Blutordens der Mitraner "Mitras Macht", der einst von der hoheitlichen Kirche und dem König zum Schutze gegen Invasoren als Strafexpedition ins Leben gerufen, später als unabhängiger Kriegsorden sich besonders auf den südöstlichen Schlachtfeldern Ruhm erwarb und wegen unerbittlicher Operationen im Hinterland des Feindes gefürchtet wurde.

Dann wechselte sie während einer Expedition auf höfliche Bitte des dortigen Herrschers zum Hofe Vendyhas, da dieser sie auf der Jagd kennengelernt und schwer beeindruckt von ihr war. Als sie ihn einlud, einer heiligen Zeremonie beizuwohnen, war er sehr fasziniert vom Mitra-Kult, begehrte sie und gab vor, die Mitrareligion auch im Reich einführen zu wollen. Sie diente dem Herrscher, dessen Charme sie schliesslich verfallen war, als Seherin und anfangs auch als Geliebte. Auf ihren weiten Erkundungsreisen entdeckte sie das verschollen geglaubte vendyhanische Orakel, belebte im Sinne dieser göttlichen Offenbarung schicksalshaft nach ihrer nun auferlegten Bestimmung ein letztes Mal den uralten archaischen Matronenkult in der Gestalt der Naturgöttin Mitra. Sie wurde vom Hofe abgesetzt, auch weil sie es leid war, letztlich nur als Maitresse herhalten zu müssen, der Herrscher der Vielweiberei, auch mit einer Vielzahl von Konkubinen frönte. Als er zuliebe dieser Genusssucht und aus politischen Gründen zum Ischtarkult konvertierte, konnte sie knapp ihrer Ermordung zuvorkommen. Ihr Gefolge hingegen wurde grausam hingerichtet. Mit ihrer ergebenen Dienerin Nawatu, die ihr ihr Leben verdankte und Belite sie als Stieftochter aufnahm, war ihr jedoch die fast überstürzte Flucht gelungen.

Beide bildeten die Keimzelle für eine verschworene Gemeinschaft von Mitra-Amazonen. Sie begründeten eine eigene kämpferische Sekte in der die weibliche Wesenheit der Naturgottheit Mitra als Lichtgestalt der Freundschaft, des Bündnisses und des Rechtes verkündet wurde, begleitet von heiligen Beschwörungen, erotischen Tänzen und Ritualen. Die kultische Nacktheit diente als Symbol für Schutzlosigkeit, Demut und Unterwerfung vor der göttlichen Macht. Die völlige Entblössung vor der Gottheit sollte zudem innere Stärke, Reife und Fruchtbarkeit beweisen. Dies vor einem Gefecht mit dem Feinde zu tun, verhiess göttliches Schicksal und Macht als Vorbestimmung für den Ausgang der Schlacht. Der gleichrangig betriebene Kult um die Schlangengöttin Nintu liegt bis heute noch weitgehend im Dunkeln, ausser dass zwischen Nintu und Mitra eine sehr starke kultische Verbindung im Sinne der Mutter Gottheit bestanden haben muß. Fest steht, beiden wurde eine spirituelle und okkulte Mystik nachgesagt und dass sie in der Lage waren im Reich der Toten zu wandeln und das Böse in der Unterwelt heimzusuchen. Hieraus bezogen sie eine bis heute ungeklärte Magie, wodurch es ihnen gelang, auch übermächtige gegnerische Heere vernichtend zu schlagen. Viele hielten diese aber nur für Visionen und die hexerische Kunst diese massenhaft auszulösen. Überlebende waren jedoch fest überzeugt, dass es geschah während hingegen Beobachter nichts entdecken konnten, ausser das bei den gegnerischen Kriegern unerwartet Panik ausbrach, was dann zum Zusammenbruch führte.

So wirken bis heute noch zahlreiche Legenden um Belite und ihre Dienerin Nawatu. Eine der bekannten Legenden überliefert ihre Rückkehr zum Blutorden, der nach einer verheerenden Niederlage an einstiger Bedeutung und Grösse einbüßte, in Vergessenheit geriet und wo man sie inzwischen verschollen glaubte. Ihre Ankunft wurde von den Verbliebenen wie die Rückkehr einer Heldin aus dem Totenreich gefeiert. Ihr Mitra-Kult traf den Nerv des am bösartig Okkulten leidenen Orden. Sie vertrieb die bösen Geister. Der Orden gewann durch ihre Neubeseelung erneut an Kraft, gründete neue Siedlungen und meldete sich auf dem Schlachtfeld zurück. Schliesslich bestimmten sie Belite zu ihrer Führerin.

Sie begab sich mit dem von ihr praktizieren Mitra-Kult und dem durch ihre Dienerin Nawatu zelebrierten Messen um die Schlangengöttin Nintu in Widerspruch zum Patriarchat der Orthdoxie und wurden mit einem Schisma belegt, aber als Hohe Dienerin Mitras und einstige Salii Palatini solange geduldet, wie man auf die gefürchtete Schlagkraft des Blutordens, der ihr die Treue schwor, in dem andauernden Kultur- und Glaubenskrieg nicht verzichten wollte. Dort, wo die Streitmacht des Blutordens unter ihrer Führung zum Einsatz kam, wurde von wahren Gewaltorgien voller Magie berichtet. Es wehte der Fluch des Todes, der verbrannten Leiber und der Erde. Feindesmächte mieden die Gebiete auf Jahre hinaus. Nur Kinder und Frauen wurden entgegen uralter Bräuche verschont und auch nicht wie weit verbreitet üblich als Sklaven in die Barbarbei geführt. Meist liessen sich einige Söldner und Ritter des Ordens mit ihnen nieder und gründeten mit ihnen neue mitranische Dorfgemeinschaften in den befreiten Regionen. Diese lagen überwiegend in den Weiten Turans und Hyrkanias rund um die Vilayetsee.

Als schliesslich im Zuge der Befreiungsideologie Belites der gesamte Orden konvertierte, in dem von ihm eroberten Regionen den wahren Glauben Mitras verbreitete und Belite die aquilonische Mitra-Religion als obristisch, korrupt, dekadent und frauenfeindlich geisselte, setzte die unnachgiebige und unbarmherzige Verfolgung seitens der aquilonisch-mitranischen Orthodoxie ein. Das aquilonische Mitratum verhängte die Häresie mit dem Vorwurf der Blasphemie. In den Wirren der hyborianischen Kriege konnte der Orden unter der geschickten Führung von Belite sich jedoch behaupten, zumal er sich immer wieder in die Weiten Turans zurückziehen konnte. Sie sagte sich am Ende von Aquilonien los, stand diesem aber immer wieder, wenn auch anfangs ungebeten, in Kämpfen bei und gründete ein eigenes mitranisch-matriachalisches Amazonenreich. Der ursprünglich patriachale mitranische Blutorden ging endgültig in ein weiblich dominantes Amazonenreich auf. Unter ihrer Heerschaft unterlagen Männer und Frauen einer gleichberechtigten und geschlechtsspezifischen Aufgaben- und Rollenteilung, was zu jener Zeit einzigartig war und viele Flüchtlinge in ihr Reich lockte, wodurch Handel und Landwirtschaft blühten. Frauen konnten ihre Aufgaben frei wählen, sofern sie körperlich und geistig dazu fähig waren. Mit ihnen wurde kein Handel betrieben. Zwangsverheiratungen gab es nicht und gleichgeschlechtliche Beziehungen waren öffentlich erlaubt und stellten in der gesellschaftlichen Realität wegen des Fruchtbarkeitkultes auch nur eine Randerscheinung dar. Den Frauen wurden ihre Brüste nicht vor der Blüte ausgebrannt wie bei anderen matriarchaischen Amazonengesellschaften, sondern wurden zum Kampf bandagiert und auch mit Rüstungen geschützt. Nur die Kriegsammen entblössten sich kultisch zu Beginn einer Schlacht vor dem Feind. Ihre Streitmacht war gefürchtet mit schweren männlichen Hopliten und Axtkämpfern sowie agilen Amazonenschützinnen, die auch als Speer- und Schwertkämpferinnen unter Waffen waren.

Eine andere Legende besagt, dass Belite und ihre Dienerin kein eigenes Reich gründeten, sondern mit wenigen Glaubensgetreuen wie Rebellen durch fremde Länder zogen und immer wieder Überfälle auf Sklavenwirtschaften ausübten. Sie deshalb fast überall gesucht und verfolgt wurden, da sie den Hauptpfeiler damaliger Herrschaftssysteme, die Sklaverei und die Knechtung der Frau in Frage stellten. Sie wurden aber nie gefasst und auch nach dieser Legende soll sie es geschafft haben, ein eigenes Amazonenheer aufzustellen, um als Söldnertruppe an Entscheidungsschlachten und nachfolgenden Plünderungen teilzunehmen. Ihre Treue zu Aquilonien behielt sie im Herzen, da sie in den anderen ihr bekannten Herrschaftssystemen eine viel größere Gefahr für Freiheit und Gerechtigkeit erkannte, auch wenn die heilige oberste Priesterschaft in Aquilonien ihr den Tod herbeisehnte. So schützte sie der König vor allzu hinterhältiger Ächtung und heimtückischer Verfolgung durch die Priesterschaft, sodass sie zwar des Irrglaubens bezichtigt, aber nicht als Ketzerin gebannt wurde. Die Schwächung des schwunghaften Sklavenhandels im Feindesland war in beider Interesse, sodass sie zu seinen engen Getreuen und Söldnern in den fernen und entlegenen Winkeln des Südostens wurde. Sie war für ihn ein wahrer Schwarzer Drache ganz mit dem feurigen Temperament ihrer von ihm so sehr geliebten zu früh verstorbenen Mutter Belit, der Königin der Schwarzen Küste, aber sie mußte öffentlich Non Grata sein, ein Schwert, das hochoffiziell nicht in seinen Diensten stand. Bei ihren jährlichen Besuchen Alt-Tarantias und der kleinen Mitra-Kapelle zu Ehren der Toten Seelen empfing er sie stets allein in einem geheimen Gemach des Palastes. Es waren angeregte Abende mit aquilonische Delikatessen und Rotwein aus den besten Lagen und ausschweifenden Unterhaltungen über Gott und die Welt. Sie war nicht seine leibhaftige Tochter, aber er liebte sie in dieser Weise. Und sie verstanden sich, denn sie war so, wie er und ihre Mutter in jungen Jahren, nur eben im Unterschied dazu von ihrem Glauben sowie tiefer Sehnsucht nach Liebe und Menschlichkeit beseelt und voller tatkräftiger Entschlossenheit diese Werte auch mit dem Schwert zu verteidigen. Für den König Aquiloniens blieb sie Kundschafterin fremder Welten, Botschafterin zur Toten- und Unterwelt und der tödliche Stachel im Nacken Stygiens und verbündeter Feindesmächte.

Manche meinen, beide Legenden seien wahr, sie hätten sich nur zu unterschiedlichen Zeitpunkten zugetragen. Um ihre innere Wandlung und ihre Haltung zum aquilonischen Mitratum zu verstehen, die auf viele wie ein Schock gewirkt haben muß, verweist eine weitere Geschichte.

So zog sie, bereits mit Schisma belegt, mit einer Kohorte des Blutordens durch das Reichenviertel Alt-Tarantias, allerdings im Auftrag des Königs, und schlug einen wüsten Aufstand, der von Fremdmächten angezettelt worden war und die Hauptstadt drohte ins Chaos zu stürzen, mit äusserster Brutalität blutig nieder. Die fremden Anführer und aquilonischen Unterstützer, darunter auch ein verräterischer ranghoher Priester, wurden vor den Stadtmauern gepfählt. Zwar war die Oberschicht hocherfreut, wenn auch mit zwiespältigen Gefühlen, beim Klerus des Mitratums weckte die Tat furchtbare Erinnerungen. Es waren die schmerzhaften Geschehnisse um Krystlelina und Cyantia und einer betrogenen Mutterschaft.

Die Liebschaft mit einem Bärenschamanen, als Belite noch sehr jung nach Cimmerien gekommen war, hatte eine Schwangerschaft zur Folge. Auf einer Reise nach Aquilonien, verblieb sie dort und gebar in einem abgelegenen Kloster einige Meilen vor der Hauptstadt ihre Kinder. Ihre vermeintliche Tochter Krystlelina brachte sie später zu ihrem Vater, der in Wahrheit nur ihr Stiefvater war, nach Cimmerien, obwohl sie sie liebte, sich aber nach der Geburt in einer tiefen seelischen Krisen befand. Für das andere Kind hielt man ihr einen toten Leichnam hin, hatte ihr aber beide leibhaftigen Kinder weggenommen, was zum betrügerischen Brauchtum der dortigen Priesterschaft gehörte.

Das dem so war, erfuhr sie erst viele Jahre später, als die Kinder schon zu jungen Frauen ausgewachsen waren durch eine Barbarin, die Cyantias Mutter war und in Cimmerien auf Krystlelina traf, und viele meinten, erst dies habe den Ausschlag gegeben für den späteren völligen Bruch mit dem aquilonischen Mitra-Priestertum. Krystlelina war also nicht ihr echtes Kind. Bei der stattfindenen Gegenüberstellung in Cimmerien stellte sich heraus, dass sowohl Cyantia und Krystlelina die leibhaftigen Töchter der Barbarin waren, beide waren sich wie Zwillinge sehr ähnlich, wenn auch sehr unterschiedlich in der Statur, wiesen auch äußerliche und charakteristische Verhaltensähnlichkeiten zur Mutter auf. Im Unterschied zur Mutter waren sie jedoch sehr introvertiert. Sie hatten jedoch das gleiche Muttermal und den schielenden Blick - dies war am Ende der endgültige Beweis. Die Barbarin war überglücklich ihre beiden Töchter vereint zu haben, war sich aber auch bewusst, was es für Belite bedeutete und alle versuchten ihr Trost zu geben. Belite gab sich dem äusseren Anschein nach zufrieden, aber im Innern kochte es und sie wollte unbedingt die ganze Wahrheit wissen. Nawatu, ihre vendhyanische Dienerin hatte dies vorhergesehen.

Was folgte, war ein entsetzlich grausames Blutbad im Kloster und die Niederschlagung eines ranghohen Priesters namens Innocenti in der Tempelanlage von Alt-Tarantia, den Belite, noch lebendig, an seinen eigenen Gedärmen vor den Götterstatuen aufhängte. Als erste Kohorten eintrafen und das Tempelgelände in der Stadt umstellten, war sie bereits geflohen. Er war das Oberhaupt eines Kinderhändler- und Ritualringes. Dies hatte sie den Beteiligten teils unter Anwendung von Folter herausgequetscht. Man hatte der Barbarin bei der Geburt Krystlelina weggenommen und ihr ebenfalls ein totes Kind gezeigt und Krystlelina an Belite weitergegeben. Cyantia verblieb also bei der Barbarin. Die Kinder Belites - es waren auch zwei - hatten sie entwendet und in einem geheimen Ritual getötet. Je nach Bedarf entschied man sich für Ritualmord, Verkauf oder Erziehung im Kloster. Im Falle von Belite entschloss man sich jedoch zur rituellen Tötung, da man nicht wollte, dass sich ihre Linie fortsetzte, weil man wußte, wessen Tochter sie war. Das Mitratum schweigte zu den Vorgängen, da der Gewinn in die Kasse des Tempels floss und Kinder, die nicht verkauft wurden später in Mitratempeln Frondienste leisteten und einige von ihnen auch eine Ausbildung als Mitrapriester begannen. Von den geheimen Ritualmorden wusste das Mitratum nichts. In den Augen Belites war es einfach Kindesdiebstahl, Mutterschaftsbetrug und die Ritualmorde ein Verbrechen, weshalb sie ausser sich vor Zorn und angesichts ihrer Demütigung in völlige Raserei geriet. Niemand war in der Lage sie in Begleitung ihrer Dienerin Nawatu zu stoppen. Ihre brachialen Schwerthiebe enthaupteten jeden auf der Stelle, der sich ihr in den Weg zu stellen wagte. Einen Priester spaltete sie mit einem Hieb den Leib. Und im Kloster entfesselte Nawatu die fürchterlichen Kräfte der Schlangengöttin Nintu, sodass alle Gefangenen alles verrieten bevor sie grausam starben. Dennoch fand man später in einer Kammer zusammengepfercht, aneinandergefesselt und geknebelt sowie in einem fast wahnsinnigen und zerrütteten Zustand eine Reihe von Klosterangehörigen, darunter viele Kinder, die offensichtlich als unschuldig befunden, verschont geblieben waren, aber offenbar alles hatten mitansehen müssen. Das abgelegene Kloster vor der Stadt bot im Innern ein unsägliches Bild des Grauens. Das Kloster wurde für immer geschlossen - niemand betrat es mehr, hielt es für entweiht und jeder Mitragläubige meinte dort im Stillen das fürchterliche Schreien der Opfer von Nawatus ritueller Folterung und der Rache Belites aus den Wänden zu hören. Gebete waren dort unmöglich geworden. Das Kloster verfiel. Es wurde zur wilden Unterkunft der Landstreicher, Bettler und anderer von der Gesellschaft ausgeschlossener randständiger Existenzen. Später hielten sich dort nur noch unheilbare Kranke auf, die dort Zuflucht suchten und ein schützendes Dach über den Kopf fanden. Viele meinten, der Ort habe seine wahre und gütige Bestimmung erlangt.

Cyantia hatte höchste Weihen letzter Mysterien Mitras erreicht, konvertierte jedoch nach den schrecklichen Ereignissen zur Urreligion von Belite und unterstützte sie bei der Missionarsarbeit, vor allem dort wo die Not am größten war. Cyantia, klein, zierlich, hübsch mit kurzen weissblonden Haaren und leuchtend blauen leicht schielenden Augen, wurde, weil es in ihr schon früh danach verlangte, als Mitrapriesterin im Mitratempel in Alt-Tarantia in die grundlegenden Mysterien eingeführt. Nachfolgend schickte man sie nach Tortage zu einem dem Wein verfallenen, aber menschlich warmherzigen Priester namens Ninus. Der Priester Ninus lebte in ihrer bezaubenden Gegenwart wieder auf und fand zu neuer Lebenskraft. So wuchs er über sich hinaus und führte Cyantia in die letzten Mysterien der Mitrareligion ein. So erlangte sie wider Erwarten der Mitra Oberen tieferen Einblick in die Mitrareligion und die Mysterien. Krystlelina hingegen blieb in Cimmerien bei ihrem Stiefvater im Dorf und ihre leibhaftige Mutter zog in ihr gemeinsames Haus. Es heisst, sie standen näher zu Crom oder verehrten gar keinen Gott. Auch hier gibt es viele voneinander abweichende Versionen, wonach sie Belite schlagkräftig unterstützten.

Cyantia schloss sich der verschworenen Gemeinschaft um Belite an. Sie verspürte nie den Drang nach Kampf und Gewalt, aber ihre Fähigkeiten waren dennoch in vielen Schlachten übermaßen hilfreich. Sie war die Seele der Heilung und Botschafterin des Lichtes, auch in tiefster Dunkelheit und Verzeiflung. Es soll jedoch seltene Momente gegeben haben, wo sie ihre Künste kriegerisch zum Einsatz brachte, aber dies wohl im Konflikt mit gegnerischen Priestern vor allem des Set.

An der Seite von Belite wurde sie ihre höchste Diplomatin, da bei längeren Begegnungen selbst starke Männer wankelmütig und durch ihre wundersame Ausstrahlung und ihre sanftmütige Natürlichkeit bezaubert wurden. Vielen Schwerverletzten, auch Feinden gab sie die letzte Salbung und einige riefen gar ganz laut nach ihr, wollten einfach nur in ihre Augen sehen und ihr Lächeln bevor sie starben. Sie erfüllte vielen Sterbenden ihren letzten Wunsch nach Liebe. Dafür wurde sie sogar von vielen Feinden respektiert. Als sie einmal in Gefangenschaft geriet, wurde sie zwar zunächst mehrmals vergewaltigt, als man sie jedoch erkannte, stiess man die Peiniger beiseite, durchtrennte ihre Fesseln und ihr Leben wurde verschont. Man bot ihr an, die Peiniger zu bestrafen, sie waren bereits zum Schleifen an Pferden festgebunden, doch sie lehnte dies ab. Die Peiniger wurden dennoch vor ihren Augen zu Tode geschliffen. Dann wurde sie freigelassen. Alle anderen Gefangenen hingegen wurden nach uraltem Brauch und Ritus getötet.

Im Unterschied zu ihrem kriegerischen Oberhaupt Belite wurde sie vom Mitratum nie als Ketzerin angeklagt, noch als solche jemals angesehen. Es kam zwar zur Sprache, da auch sie den Mitrakult nach den Regeln der Naturgöttin verkündete, verbreitete und praktizierte, aber niemand wollte etwas davon wissen, da jeder wusste, wo sie war, regierte ihr magisches Licht und häufig endete das Töten ohne Widerhall. Es wurde von einer Schlacht berichtet, wo selbst Einheiten der mitranisch aquilonischen Löwen hoffnungslos miteingeschlossen waren. Die feindliche Übermacht von etwa zwanzigtausend war erdrückend. Es war ein scheussliches Gemetzel in Gange. Viele Soldaten waren vom Töten erschöpft, da niemand der Eingekesselten die Waffen niederstreckte und den Kampf aufgab. Jeden Tod mußten sie schwer erkämpfen. Und das dauerte. Manche sagten später, das war für alle am Ende das grosse Glück.

Als Cyantia, eingehüllt von einem blauem Licht, das prismengleich vom Berge funkelte, am Horizont erschien, kam das Töten allmählich, je mehr Krieger es erblickten, zum Erliegen. Völlig nackt von dem ozeanblauen Licht umgeben, bahnte sich Cyantia voll strahlender Anmut und bezaubender Schönheit eine breit öffnende Gasse durch die feindlichen Reihen dem Anführer zu. Ihr von Natur aus kleine zierliche Statur überhöhte die Wirkung ihrer Erscheinung. Rythmisch hebend und kreiselnd weitete sie beide Arme mit ausgestreckten Handflächen in den Himmel. Auf dem Berg stand drohend Belite mit genauso zum Himmel ausgestreckten Armen. In den Händen hielt sie jedoch ihr gefürchtetes Langschwert, in der anderen eine Fackel und dunkle Rauchschwaden aus zwei grossen Feuern stiegen empor. Der Wind trieb die Rauchwolken zu dem Kriegerheer herüber und bildete eine finster bedrohliche Kulisse in dem der bläuliche Lichtschein Cyantias wie eine Erlösung heraufbeschworen wurde. Sie war spirituell bemalt, ihre Lippen und Augenlider verführerisch blau und die Strahlen der sich neigenden Sonne im vom dunklen Wolken verhangenen Himmel liessen ihre leicht gebräunte und frisch geölte Haut dazu noch goldfarbend schimmern. Cyantia wendete sich in ihrer magisch betörende Erscheinung und glänzenden Blickes nun direkt dem feindlichen Anführer zu. Er sah auf ihre silberblau schimmernde Brustbemalung der Heiligen Weisheit, konnte sich aber auch ihrer erotisch mystischen Anziehungskraft nur schwer entziehen und blickte hoch zu den schwarzen Rauchzeichen Belites am Horizont, aus denen sich der Feuer- und Aschegeruch zunehmend ausbreitete. Das Gespenst der vom Amazonenheer stets nach erfolgreicher Schlacht hinterlassenen verkohlten Einöden schien sich seiner Vorstellungswelt zu bemächtigen. Dann stehend auf ihren Fussspitzen umarmte und küsste sie ihn, streckte sich vor ihm nieder und bat ihn demütig um Vergebung. Entgegen aller Erwartung gewährte er nicht etwa freies Geleit, sondern zog mit seiner Übermacht ab. Bereits am Folgetag verliess er nachts die eigene Armee, wechselte zur Mitra-Religion der Naturgöttin über und trat ein in das Amazonenheer von Belite. Schon wenige Tage nach der Weihe verstarb er in seinem Zelt mit hohem Fieber an unbekannter Krankheit. Unter neuer Führung wurden seine alten Truppen Wochen später in einer Schlucht von einem zahlenmässig unterlegenen Amazonenheer gestellt und vernichtend geschlagen. Das Schlachtfeld und die Toten niedergebrannt, hinterliess das Amazonenheer eine Ödnis.

Es wurde nie geklärt, ob hinter dem Berg ein gewaltiges Amazonenheer wartete, um hinter einem zu entfesselnden Feuersturm anzugreifen oder ob es sich um eine raffiniert inszenierte Täuschung von Belite und Cyantia handelte. Allerdings hätte auch eine kleinere Streitmacht der Amazonen die Schlacht völlig wenden, zumindest durch einen Angriff den abschüssigen Berg hinab in die gegnerische Flanke dem Feind grosse Verluste zufügen und vielleicht sogar zum Kessel der eingeschlossenen aquilonischen Truppen durchbrechen können. Fest steht, dass Cyantia selbstlos, ganz allein und nackt durch die bis an die Zähne bewaffneten schwer gerüsteten Kriegerreihen geschritten war, wenngleich eingehüllt in einem bläulich flureszierenden Lichtschein ihrer Hautbemalung, bis zum völligen Erliegen der Kampfhandlung und bis zu deren Anführer, ohne das auch nur ein einziger ihr ein einziges Haar krümmte. Und der Anführer, vermutlich Opfer furchtbarer Erinnerungen, nach seiner wundersamen Begegnung mit Cyantia zum Abzug blies und Cyantia über fünftausend Eingeschlossenen, überwiegend aquilonisch-mitranischen Kämpfern, das Leben rettete. Sie verbrachte noch Tage dort, um die Verletzten, ob Freund oder Feind, zu versorgen oder zum Sterben zu geleiten. Eine entsetzliche Niederlage wendete Cyantia wie durch ein Wunder ohne jegliches Blutvergiessen doch noch zum Sieg !

In allen Überlieferungen des Legendenschatzes verlieren sich die Spuren von Belite, ihrer Getreuen und Gefährtinnen mit dem Untergang Aquilonies, das auch den Untergang des Mitra Kultes besiegelte. Man geht davon aus, das die feindlichen Mächte sich geschlossen gegen sie stellten und alles vernichteten. Letzte Anhänger wurden bis nach Vendyha verfolgt, in bestialischer Weise bei Volksfesten öffentlich geschändet, feierlich hingerichtet und zur Schau gestellt. Ihre Überreste wurden zur Abschreckung vor heiligen Stätten als Siegestropäen geschmückt und ausgestellt. Der Leichnam Belites wurde nie gefunden. Eine Legende besagt, sie würde eines Tages, wenn die Welt erneut dem Untergang zustrebe, bei Vollmond zur Schlacht der Schlachten in völliger Verschmelzung der Naturgöttin Mitra und der Schlangengöttin Nintu als erotisch berauschende "Mistress of the Gods" aus den Tiefen der dunklen Urwälder Vendyhas, Kambujas oder den längst vergessenen schwarzen Königreichen zurückkehren, nachdem sie im Jahrtausende währenden Kampf in der Unterwelt das Böse besiegt habe. Sie würde dann die von Leid geplagten, unglücklichen Seelen der Menschen in einer okkulten Orgie der Magie und des Schwerttanzes für alle Ewigkeit befreien, erleuchten und ihnen ewige Liebe schenken.

Dienstag, 29. September 2009

Belite II: "Befreiung aus den Qualen"

Nawatu wurde in einem kleinen Dorf im fernen Venoyha geboren weit vor der großen Hauptstadt Ayodhya des Herrschers Suma Shoka.

Das Dorf Akolum lag hinter den ausgedehnt angelegten bewässerten Feldern vor den kleineren auslaufenden Waldzonen des am Rande der Berge beginnenden Urwalds. Die Dorfeinwohner lebten überwiegend vom Handel mit nur über Trampelpfade erreichbare Walddörfer, von der Jagd und von der Anwerbung von Söldnern und Kriegern für den Herrscher. Jeder Krieger, den sie lieferten, minderte ihren Tributzoll und kostete dem Dorf keine zusätzliche Versorgung. Zwar unterlag ihr Dorf der derzeitigen Staatsreligion des Herrscherpalastes, dem venoyhanischen Mitra-Kult, sodass sie viermal im Jahr von einem Mitrapriester besucht wurden. Die friedlichen Mitrapriester nahmen es jedoch nicht so genau, wenn auch mit gemischten Gefühlen, solange die Akolumer sich keiner Todsünden schuldig machten, da es bereits zu den Dörfern der Ureinwohner gezählt wurde und als Bindeglied zwischen den Urwaldeinwohnern und dem Landvolk eine wichtige Funktion ausübte.

Der Mitra-Kult in dieser abgewandelten venoyhanischer Form war auch eine erst seit Jahrzehnten währende persönliche Modeerscheinung des Herrscherhofes und manches deutete daraufhin, dass bald mit dem jungen ehrgeizigen Herrscher Suma Shoka erneut ein Wandel folgen könnte. Dabei hatte der ursprüngliche naturverbundene Mitra-Kult in Venoyha seine Wurzeln, aber das Land war zu riesig und die Verlockungen für starke Herrscher zu groß, als das sie das interessierte. Es war einfacher die Religionsausübung den Staatserfordernissen anzupassen und unbequeme Gläubige mit einem Schisma zu belegen oder in öffentlichen Religionszeremonien zu foltern und zu töten. Viele befürchteten eine Entwicklung zu einer aggressiven Religionsausübung verbunden eventuell mit einem Wechsel der Staatsreligion. Deshalb wurde der venoyhanische Mitra-Kult von allen Volksgruppen im Großraum der Haupstadt nur sehr vorsichtig unterstützt, aber eben nicht von jenen, die ein eigenes Interesse an den Machtgelüsten des Herrschers hatten. Deshalb gingen die Dorfbewohner weiterhin ihren schamanistischen und okkulten animalistischen Glaubensriten nach, zumal sie ihre Mittlerrolle geschickt ausnutzen konnten und dies der Duldung unterlag.

Nawatu war eines von zwölf Kindern, neun Mädchen und drei Jungen, und ein Mädchen galt hier traditionell nicht sehr viel. Ihre Eltern verkauften zwei ihrer Töchter bereits sehr früh als Kleinkinder und zwei weitere kränkelnde liehen sie aus zum Steineklopfen an einem Nachbarn, sodass sie der Sippe nicht mehr zur Last fielen. Die anderen behielten sie zur Versorgung der Sippe und für die Erledigung lästiger und schmutziger Arbeiten. Die beiden Schönsten jedoch wurden gehegt und gepflegt, erhielten alle Vorteile, um so einen möglichst attraktiven, d.h. wohlhabenden Brautwerber zu gefallen. Die Jungen waren der ganze Stolz der Eltern, denn zwei davon eigneten sich schon sehr früh für den Weg des Kriegers, der andere jedoch taugte sogar auch als Händler, weil er sehr geschickt feilschen konnte und überragte alle. Das Geld, was sie später verdienten, benötigten sie für den Kauf ihrer Frauen, deren Mitgift den Aufwand dafür mehr als aufwogen. Je jünger die Frauen, desto geringer die Mitgift, desto höher aber die Gewißheit der Unberührtheit und Jungfräulichkeit. Das war der Grund, weshalb die überschüssigen Töchter schon sehr jung als Kinder vermittelt wurden. Außerdem gab es dann nicht so große Probleme mit den Äusserlichkeiten. Die Töchter, die von vornherein besser aussahen, hob man sich in aller Regel für später auf, da sie einen hohen Kaufpreis versprachen. Die Hässlichen gingen schwerer Arbeit nach und verschwanden irgendwann aus dem Blickfeld der Eltern, meist landeten sie in einem der großen Slums am Rande der Hauptstadt oder gerieten in die Fänge von Menschenhändler, die sie als Arbeitssklaven verkauften. Es gab aber auch mächtige Kannibalenstämme die diese manchmal zu höheren Preisen aufkauften, wenn es um große festliche Vorbereitungen ging und Überfälle auf benachbarte Stämme vermieden werden sollten. So war der Menschenhandel ein einträgliches Geschäft und half dem Herrscher manche Regionen für sich zu sichern und ohne teure Kriegszüge zu befrieden.

Im Falle Nawatus verlief alles irgendwie anders und recht ungewöhnlich. Dies kam daher, da die Augen Nawatus schon von Beginn an so ganz anders strahlten und Männer, ob nun jung oder alt, sofort in ihren geheimnisvollen Bann gerieten. Es waren hellbraune Augen mit einem ockerstrahlenden durchdringenden Schimmer, einige sagten wie der kräftige Schein der Morgensonne und von polierten Gold, andere wiederum verglichen es mit dem Glanz von schwerem heißem Metall einer Speer- oder Schwertspitze. Der alte, mittlerweile verstorbene Dorfschamane, hielt es für eine Spiegelung einer fernen Gottheit, die man nicht aufwecken solle, aber nicht für einen bösen Fluch, sodass Nawatu nichts geschah. Dieser besondere Umstand war der Grund, weshalb Nawatu schon sehr früh im Alter von vier Jahren zu einem wundersam hohen Preis an einen Nachbar, der wiederum ein Vetter des Dorfältesten war, verkauft wurde, noch bevor ihre wahre noch schlummernde Schönheit aufblühen und ihre verborgenen in ihr schlummernden Mächte erwachen sollten.

Ihre neuen Stiefeltern behandelten sie jedoch schon bald sehr schlecht, da der Sohn, für den Nawatu bestimmt war, nur wenige Jahre nachdem der Kauf von Nawatu abgeschlossen war, einer ranghöheren Dorftochter aus Zugewinnabsichten zugeführt werden sollte. Dies hatte der Ältestenrat des Dorfes so beschlossen, da der Sohn so übermaßen talentiert war und viele Gleichaltrige und sogar Ältere in seinen Fähigkeiten weit in den Schatten stellte. Er vereinigte schon sehr früh absehbar auf geniale Art die Fähigkeiten des Wirtschafters, des Verhandlers und Kriegers in einer Person.

Nawatu war nun überflüssig, auch wenn man überlegte, sie als leibeigene Magd und Nebenfrau für diesen Sohn beizugeben, da auch er sie behalten wollte. Doch hatte man aber überdurchschnittlich für sie zahlen müssen. Der Ärger darüber war sehr groß und diesen liess man Nawatu zunehmend spüren. Sie mußte schon im Alter von acht Jahren alle Besorgungen machen und später mit zehn dazu immer schwer schuften. Stets dreckig lief sie umher. Ihre allmählich erwachende wahre Schönheit wurde dabei vom Schmutz der Mühsal und der Straße überdeckt. Anfangs hatte der Sohn, für den sie bestimmt war, ihr noch tröstende Worte gespendet und ihr kleine Geschenke gemacht, doch im Laufe der Zeit hatte er nur noch Augen für die von seiner Sippe so sehr umworbene ranghohe Schöne, die ein Jahr älter war als Nawatu und schon sehr früh im Alter von zwölf Jahren erste reifende frauliche Reize ausspielen konnte und stets in besten Tüchern gehüllt war. So wendete er sich von Nawatu schließlich ab und wollte, als auch sie zwölf Jahre alt war nichts mehr von ihr wissen. Er bedachte sie mit der zukünftigen Rolle einer schäbigen Magd als Nebenfrau, wie es die Eltern wünschten, zumal er sie ja später nach Belieben gebrauchen könnte. Würde sie sich nicht einfügen, beabsichtigte er für sie einen höheren Preis bei den Menschenhändlern auszuhandeln, als man für sie einst gezahlt hatte. Das würde seine Verhandlungskunst gegenüber der ranghohen Familie bekräftigen und deren Respekt für ihn würde weiter wachsen. Er fand, das sei eine sehr geschickte Lösung und auch besser für Nawatu, als gepeinigt und ohne alles schwer verwundet, verstossen oder geopfert zu werden. Die anderen Gefahren, die ihr durch bei Menschenhändler drohte, wie z.B. als Lustsklavin oder Opferfestgabe, blendete er geschickt, auch sich selbst gegenüber aus.

Nawatu begann allmählich die Welt mit rauhen Augen zu sehen, in denen dieses grelle Blitzen und Funkeln immer stärker aufleuchtete, sobald sie andere Blicke erwiderte. Dies machte vielen zunehmend klammheimliche Angst und sie mieden sie, wo es ging und streuten böse Gerüchte. So fingen die Stiefeltern an, sie bei kleinsten Versehen zu schlagen oder tagelang in einen Stall bei den Schweinen einzusperren. Diese Zeit war sehr schlimm für Nawatu. Während andere Kinder die religiösen Dorfschule besuchen durften, um deren Riten und Gebräuche zu erlernen und wie man sich den männlichen Oberhäuptern und Sippenführern gegenüber gefällig dienend zu verhalten habe, zog dies nun an Nawatu vorbei, wie eine Wolke in der Ferne.

Sie hatte sich mit einem besonders intelligenten Schwein im Stall angefreundet, sprach mit den Tieren auf ihren manchmal tagelangen Wegen auf den Trampelpfaden durch die Wildnis zu den weiter entlegenen Dörfern. Mit einer auf einer gefährlichen, von allen wegen Tigerangst gemiedeten Lichtung beheimateten Kobraschlange verstand sie sich besonders gut. Überhaupt mochte sie Schlangen sehr. Die Kobra kam Nawatu schon bald aus dem Gebüsch entgegen, wenn sie des Weges kam und sie spielten mit einem Elfenbeinstab, den Nawatu vor längerer Zeit am Wegesrand fand. Dabei blühte Nawatu völlig auf, denn die Kobraschlange bewegte sich im melodisch geführten Rhytmus des von Nawatu geführten Elfenbeinstabs. Ja, es wirkte in Nawatus Vorstellungskraft so, als befände sie sich in einem großem mystischen Areal mit einem gewaltigen Publikum von Sehern und Zauberern und die Kobra war eine Riesenschlange gleich einem Drachen oder als befände sie sich auf einem einsamen Felsen in der Wildnis und würde dort mit furchterregenden Bestien ringen und diese beschwören, um schließlich magische und geheimnisvolle Zauberkünste zu vollstrecken.

Niemand wußte davon. Sie verbarg es allen, so gut sie konnte. Und ihre Gefühle zu verstecken, das hatte sie inzwischen sehr gut gelernt, weil sie es als lebenswichtig empfand. Sie entwickelte sich allmählich zu einem schönen frühreifen Mädchen, war sehr schlank, beinah drahtig und blieb offensichtlich kleinwüchsig mit einer geheimnisvollen Ausstrahlung unbekannter Herkunft gleich einer magischen Aura trotz allen Ungemachs, dass ihr widerfahren war. Nur der Staub, die schmutzige Kleidung und die vielen Kratzer am ganzen Leib verhüllten ihre noch etwas kindlich geformte Schönheit. Für sie waren Menschen zunehmend jämmerliche Geschöpfe von niederen Beweggründen und Motiven getragen, wie Neid, Mißgunst und Gier. Sie hasste sie deswegen nicht, sondern verachtete sie nur, hielt sie für primitive Wesen, die alles beherrschen und knechten wollten und dabei auch die eigene Spezies versklavten. Soetwas kannte sie sonst nur von Insekten, den Ameisen und Termiten, die sie manchmal hatte beobachten können. Oder sie verglich sie mit den Wölfen der hügeligen Ebene hinter den Feldern, die auch ständig nach Beute lechzten. Nur bei denen wußte man, woran man war, denn sie kannten die Lüge nicht.

Einmal war sie dorthin hinausgegangen, wo sonst nur starke Jäger sich aufhielten, und ein Bär begegnete ihr neben einem stacheligen Busch auf einem Hügel, brummte grollend und sträubte seinen ganzen dunkelbraunen Pelz. Sie sah seine fletschenden Zähne. Zunächst absolut still mußte Nawatu auf einmal unwillkürlich kichern angesichts seiner Struppigkeit und sie hob ihren Elfenbeinstab in der gleichen Weise, wie es nur ein Dirigent vermag. Der Bär wendete sich ein paar Mal um die eigene Achse, dann brummte er mehrmals auf, kam Nawatu mit mehreren Sätzen bedrohlich nahe, blieb wie angewurzelt stehen, Nawatu rührte sich nicht und mit einem Male wendete er sich ab und lief wild hin und her springend in die weite Wildnis davon.



Eines Tages kam ein fremder ranghoher Schamane in das Dorf und ging nach einem Besuch beim Häuptling und dessen Dorfschamanen von Sippe zu Sippe. Nachdem er bei ihrer Sippschaft zu Gast Nawatu auf dem Hof das Feuerholz abklopfen sah und Nawatus Blicke, als sie ins Haus schaute, sich mit den seinigen zufällig kreutzen, empfahl er ihren Stiefeltern, sie schleunigst einem Ritual zu unterziehen, da sie von bösen Kräften beherrscht sei. Sie würde daran nicht sterben, aber sie würde danach innerlich gerichtet sein und die bösen Geister, die sie bewohnten, würden ihren Wirt verlassen. Nur in seltenen Fällen, wenn das Böse in ihr sich zu manifestieren suche, anstelle zu entfliehen, nur dann werde ihr schlagendes Herz dem göttlichen Ritual geweiht. Nur das könne man erst entscheiden während des Verlaufs und den nicht vorhersehbaren Ereignissen einer rituellen Zeremonie. Er sprach sogleich beim neuen Dorfschamanen vor, der sich unterwürfigst verhielt und es wurden die Vorbereitungen für das Blutfest getroffen.

Schon lange hatte es ein solches Ritual in dem Dorf nicht mehr gegeben und die Stiefeltern, die sie so schändlich behandelt hatten, jammerten, da sie noch immer auf Ersatz für ihren hohen Kaufpreis hofften. Der ranghohe fremde Schamane versprach, ein Ausgleich fände auf religiöse Weise statt und durch den Rang, den die betroffende Familie mit der Ausrichtung der Zeromonie erwerbe, werde dieser Ausgleich über die Jahre mehr als aufgewogen. Vor allem sei dies sehr vorteilhaft für den guten Ruf und die noch in diesem Jahr geplante Hochzeit des Sohnes. Das leuchtete den Stiefeltern sofort ein und auch der Sohn, der nur noch Augen für seine ranghohe Schönheit hatte, die mittlerweile im Alter von sechzehn Jahren bereits in voller fraulicher Reife und standesgemäß im überfälligen Hochzeitsalter befand. Die umfänglichen Hochzeitsvorbereitungen waren bereits in vollem Gange. Der Sohn hatte bereits zwei weitere Dorftöchter als Nebenfrauen vorbestimmt bekommen, da der ranghohe Clan der Zukünftigen darauf bestand, sollte die Tochter doch von häuslichen Arbeiten verschont bleiben. Und eine weitere Magd für die besonders schmutzigen Arbeiten würde sich unschwer finden lassen, falls Nawatu nun doch schon sterben sollte. Und so bemühten sich alle alles erdenkliche Gute zum Gelingen der geplanten grausamen Prozedur beizutragen, egal wie diese für Nawatu ausgehen würde, denn das lag in den Händen der göttlichen Zeremonie.

Indes die wahre Schönheit Nawatus, die sich nunmehr auch zu einer überaus naturhübschen jungen Frau entwickelt hatte, und ihre innere charakterliche Stärke und Weisheit, die sich im Umgang mit der Wildnis der Natur ausgeformt hatte, blieb allen weiter verborgen, da sie sie kaum beachteten und sie sie nicht pflegten, wie die anderen, sondern sie weiterhin schmutzig im Stall schliefen liessen und ihr das karge Essen wie den Haustieren auf einen angestammten Platz stellten. Doch Nawatu wußte sich auf ihren Wegen entlang den Wäldern zu helfen indem sie frische Beeren, Früchte und Kräuter pflückte und sich davon ernährte. Auch reinigte und pflegte sie sich heimlich. Einen Kamm und eine Knochenfeile für ihre Nägel hatte sie in ihrer Not vor einiger Zeit einem Händler unauffällig gestohlen, der diesen noch nicht einmal beim Verlassen des Dorfes vermisste. Sie badete an geheimen Seen und Flüssen. Ein schwarzer Panther, der ihre Fährte genommen hatte und ihr an einem großem Baum auflauerte, liess von ihr schwach fauchend ab, als sie völlig nackt, einer jungen schwarzen Urwaldgöttin gleich, einem duftenden mit blühenden Pflanzen bedeckten Teich entstieg. Sie sprach ihn leise und sanftmütig in ihrer scheinbaren Unbekümmertheit mit ihrer leicht in sich gekehrten Stimme an, so wie sie es bei allen Tieren tat. Auf ihrer dunkelbraunen glänzenden Haut perlte das weiche Wasser ihre schlanken Rundungen und vollen Brüsten entlang und es umgab sie die Aura einer wunderbar und seltsam berauschenden Erscheinung. Und es war diese Magie einer fremden in ihr ruhenden Kraft, die den Panther dazu bewegte, sich zur Seite zu legen und sie schmiegte sich an ihn, als wäre dieser Panther ganz zahm und seine Wildheit erloschen. Hätten sie jemals in dieser jungen geheimnisvollen Schönheit ein Krieger oder anderer Mann des Dorfes so liegen sehen können, hätte alles einen anderen Lauf genommen, da dieser sicher jeden Preis gezahlt hätte, nur um sie zu begehren, sie vermutlich einfach voller Begierde geraubt hätte.

Aber sie kam immer in staubigen Lumpen und zerzausten Haaren verschwitzt ins Dorf zurück. Nur einmal, als sie die erste Male ihre Regelblutungen hatte, waren mehrere Dorffrauen gekommen, hatten sie ein wenig gesäubert, um sie zu untersuchen und eingehender betrachtet, da sie nach uralten Brauch eine Beschneidung vornehmen wollten. Da sie aber zu diesem Zeitpunkt viele Schrammen und blaue Flecken und Prellungen aufwies und eine leichte Entzündung vorwies, hielten sie sich begleited von unflätigen Kommentaren zurück und liessen alles so wie es war. Später fragten die Weiber noch einmal bei der Sippe nach, doch der Vater wiegelte ab und sagte, dass der Sohn dies später entscheiden werde, so wie es ihm gefiele, da über den Verbleib und Handel mit Nawatu noch nicht entschieden sei. Eine Beschneidung mache daher noch keinen Sinn, da dies unter Umständen den Handelspreis an fremde Stämme, vor allem den Preis der Lustkultobjekte, also junger Frauen, die sie ihren Göttern opferten, schmälern könnte. Dies wolle seine Sippe unbedingt noch abwarten.

In den Abendstunden auf ihren mühsamen langen Wegen vor der geplanten Weihung als rituales Zeremonienopfer traf sie unterwegs, als sie kurz rastend auf der einsamen Lichtung mit ihrer Kobraschlange sprach und diese eifrig mit dem Elfenbeinstab dirigierte, auf eine stolze Reiterin, die wie eine furchteinflössende Kriegerin aussah, aber ihren Blick ganz anders und völlig furchtlos, sogar ungewohnt respektvoll erwiderte, als alle anderen Menschen, denen sie jemals begegnet war. Deshalb erschrak sie nicht und auch ihre Kobra schien wider Erwarten nicht in aggressive Stimmung zu verfallen. Die Kriegerin stieg von ihrem glänzenden dunklen Rappen und ging auf sie zu. In ihren grünen Augen war ein Aufflammen wie das des Steines der Öffnung zur Welt und der Selbstheilung, eine schillernde Mischung aus Achat und Amazonit. Die Kriegerin blieb nun in leichter natürlicher Distanz vor ihr stehen, senkte leicht ihren Kopf und schaute Nawatu klar und offen an. Sie war schlank und sehr hellhäutig ganz leicht gebräunt, wie aus den fernen Ländern des Westens, hatte dunkles gewelltes Haar mit kurz geflochtenen Zöpfen. Ihre Bewegungen waren höchst geschmeidig und sehr edel, wirkten aber entspannt und natürlich. Ihr Oberkörper war unbekleidet ohne Rüstung völlig entblößt und auch ihr wogender Busen war mit einer geheimnisvollen vollflächigen dunklen Bemalung überdeckt, deren Sinn Nawatu nicht verstand,. Es umhüllte sie ein großer Rückenumhang aus Edelwolle und Seide. Die Kriegerin berührte sie nicht, blickte ihr unentwegt in die Augen und sagte schließlich mit klarer Stimme zu Nawatu in ruhigen sehr ernsthaften Ton: "Du bist zu wertvoll, als dass du jämmerlich wie eine Ziege dahinbluten sollst. Ich sehe, welcher Gott dir mächtige noch schlummernde Gaben gab. Dass seine Arme bis hierher reichten, das erkenne ich nun an dir und war mir bisher unbekannt. Sets Arme reichen sogar bis in diese weitentfernte Welt. Kein Weg und kein Opfer scheint ihm zu weit, um das Böse in die Welt zubringen. Nun, schon heute Abend gehörst Du zu mir. Deine wahre Seele und Magie werde ich entfesseln. Deine Zaubermacht des Set wird Mitra dienen. Ich weiß die Sünde geht hier um und ich rieche sie wie die Pest. Deine Qualen werden mit einem grausam starken Schmerz beendet sein und deine Seele befreien. Das Feuer Mitras wird die Widerwärtigkeit verbrennen."
Auch die gefährliche und sonst so gefürchtete Schlange schien entgegen ihrer reptilischen Natur verwirrt zu sein. Die Kobra fixierte noch immer leicht drehend sowohl Nawatu und die Kriegerin, aber ohne zu zischen, wie bei gemeinen Menschen. Nawatu war wie gebannt, stand wie verwurzelt und ihr ockergelber Schein in ihren Augen flammte zu vulkanischer Farbe auf. Jedwede andere Person wäre voller Entsetzen davon gerannt. Doch die Kriegerin liess sich davon nicht beeindrucken, zeigte nur etwas Anspannung und ihre stählernden Muskeln schimmerten hinter dem satinhaften Schein ihrer Haut hervor und ihre bebende Brust wuchs mit dem tiefen Atem an. Ihre Augen hüllten Nawatus vulkanisch blitzendes Anlitz in einem eigenartig grünen Wiederschein betäubend ein. Die Kriegerin ging sodann zurück zu ihrem Pferd, winkte und ritt davon, verschwand im Dickicht so schnell und lautlos wie sie erschienen war.

Nawatu war noch immer stumm und regungslos und verstand das alles nicht. Noch nie hatte sie jemand in dieser aufrechten Weise angesprochen, sondern immer erst nachdem er sich mit ihren Stiefeltern in Verhandlungen befand oder sogar einig war, was aber in letzter Zeit nicht vorgekommen war. Und dann meist in einer herablassenen und entwürdigenden Art. Sie fühlte auf einmal echte Wertschätzung. Es war ein seltsames Gefühl. Ach, was wollte sie sich darüber den Kopf zerbrechen über diesen widerwärtigen Prozess. "Will sie mich denn etwa kaufen? Eine Edeldame aus hohem Hause ?" Nawatu hatte die Worte der Kriegerin noch nicht richtig verarbeitet, da selten mit ihr jemand sprach. Und noch nie war Nawatu einer Person von solch hohem Range begegnet. Dabei schien diese von Schmuck und Prunk nicht viel zu halten, vielleicht gab sie sich auch nur als solche aus, war nur eine Herumtreiberin mit gestohlenden Pferd, aber diese viele feinen und geheimnisvollen Dinge an ihr ? War sie überhaupt auf einen Handel aus ? Sie sah eher so aus, als würde sie sich nehmen, was ihr denn bestimmt sei. Nur eines wußte Nawatu sicher, sie würde dieser neuen Herrin überallhin folgen, da ihr das Dorf immer unheimlicher wurde. Manchmal hatte sie solche Angst, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren wollte. Und nicht nur das, sie verspürte neben der ehrfurchtgebietenen Ausstrahlung der Kriegerin eine innere Anziehungskraft, was sie bisher so nur von ihren Geschwistern von früher her kannte. Etwas Vorbestimmtes und Vertrautes, wie es nur dem gleichen Blut entspringen konnte. Aber wie sollte das möglich sein ?

Nawatu schossen verzweifelt soviele Gedanken durch den Kopf. Ihr wurde davon richtig benommen. Jedoch von der Tortur, die der Abend ihr bringen sollte, ahnte sie nichts, denn alle Vorbereitungen liefen um sie herum im Verborgenen ab. Nawatu hatte nur seit Tagen gespürt, dass etwas vor sich ging und ihre Stiefeltern sie nicht mehr so oft schlugen, was für sie wie eine Wohltat war. Sie ging nun ihres Weges zurück zum Dorf und die Kobra folgte ihr, wollte nicht mehr von ihr weichen. Nawatu gab es auf, der Kobra ihren Ruheplatz zu weisen bis sie verschwand, denn es wirbelten immer neue Spekulationen über die Reiterin in ihrem Kopf herum. Und sie hörte rätselhafte ächzende Stimmen aus den dunklen Tiefen ihrer Seele, die sie so noch nie vernahm. Etwas erschöpft und einem leichten Schwindel gleich näherte sie sich dem Dorfeingang und klopfte ihren Namen rufend gegen die große Eingangspforte inmitten des manneshohen Palisadenzaunes. Wie immer öffnete die Pforte sich, sie schritt hindurch und nach dem Schliessen und Einschnappen des starken Riegels wurde sie hinter der Schwelle aus dem Dunkel gleich an den Armen gepackt. Sie spürte einen dumpfen Schlag an ihrem Kopf von hinten der ihr bis ins Rückenmark fuhr und verlor sofort das Bewußtsein.





Als sie aufwachte, war um sie herum ein bengalisches Schimmern von Fackeln und Kerzen eingehüllt in einen Duft von Weihrauch. Wasser lief von ihrer Stirn und brannte in ihren Augen. Sie lag auf dem Rücken aufgebahrt, konnte sich nicht frei regen und bewegen, weil ihre Hand- und Fußgelenke gefesselt waren. Ihr Körper war völlig unbekleidet, nackt und überall mit okkulten Symbolen bemalt. Um sie herum sah sie die Dorfbewohner in festlich leichten Gewändern und vor ihr standen mit ihren Dienern zur Seite der ranghohe Schamane und zur anderen Seite der Dorfschamane. Sie murmelten gebetsartig vor sich hin gleich einer Beschwörung. Immer wieder träufelte jemand salziges Wasser auf ihre Stirn und in ihre Augen, um das ockerfarbene Aufleuchten ihres Blickes zu behindern und sie von den Geschehnissen stark abzulenken, hielt ihren Kopf an ihren Zöpfen dabei ziemlich fest in Haltung.

Sie war gebannt, konnte nicht wirklich schreien, wimmern vermochte sie auch nicht. Sie presste und biss sich verzweifelt auf die Lippen, die aufplatzten und blutig liefen.

Der Dorfschamane begann nun entlang den okkulten Körperbemalungen auf ihrem Leib ganz fein mit einer gespitzten Vogelkralle zu ritzen. Sie zuckte krampfartig, da ihre Haut an vielen kleinen Stellen fürchterlich zu brennen begann und windete sich verzweifelt unwillkürlich in alle Richtungen. Die grausame Prozedur war noch nicht zu Ende, da wurde sie vom drückend schweren Unterleib eines Vermummten mit langsamen Stössen aufwärts geschoben und sie spürte, dass etwas Hartes in ihr tief und unbarmherzig eindrang. Sie stöhnte voller innerer Qualen. Es war alles so unwirklich und ehe es voll ihr Bewußtsein erfasste, was ihrem jungfräulichen und unbefleckten Körper geschah, spürte sie auf einmal ein eisig kaltes Metall auf ihrer erhitzten Haut über ihre gesamte Brust schräg und langsam hochgleitend das Fleisch aufschlitzen. Der furchtbare Schmerz betäubte ihre Sinne und noch immer konnte sie nicht aufschreien, sie schrie in sich hinein, wimmerte schließlich matt und aussichtslos vor sich hin. Sie versank ohne ihr Bewußtsein zu verlieren in ein Meer von Tränen und eine Grube tiefer seelischer Dunkelheit. Ihre Hand- und Fußgelenke waren angelaufen und blutig gescheuert vom Zerren an den Fesseln.

Der Ritzer stand nun vor ihrem Kopf, wollte auch dort die Ornamentik auftrennen. Plötzlich tobte eine Schockwelle durch den ganzen Raum und es brach ein enormes von Wut und Panik erfülltes Gebrüll um sie herum aus und Mengen von Blut spritzten zu allen Seiten, ganze Gliedmaßen, ja sogar die Köpfe flogen über sie hinweg und wirbelten triefend umher. Nawatus Kopf wurde losgelassen und sie hörte den mehrfachen dumpfen Aufprall der leblosen Körper ihrer Peiniger am Kopfende. Sie sah verschwommen ein unentwegt sichelartig drehendes, zermalmend schwertgleiches und feuriges Metall in der Luft wirbeln. Überall Blut ! Der ausgebrochene Tumult brach zusammen in einem grausamen Blutbad gleich einem Massaker.

Das grosse kühle Messer noch immer längsaufliegend nahe der Brust am Oberbauch ruhte nunmehr still und einsam in ihrem Fleisch. Der Arm, der es hielt, lag nun mit geöffneter Hand abgetrennt daneben. Ein Blutquoll schoss aus dem enthaupteten Rumpf des ranghohen Schamanen, ein Blutstrom aus Hals und Armstumpf, bis dieser wie eine leblose Statue mit einem einzigen weit ausgestreckten Arm erstarrt zur Seite fiel. Nawatu drehte ihren Kopf weg und zerrte an ihren blutgetränkten Fesseln, doch die Bewegung des in ihrem Fleisch ruhenden Messers dämmte erdrückend ihre qualvollen Bemühungen zu sehr ein. Es war ein unerträglich tiefer Schmerz, der nun ihren Körper durchdrang. Sie spürte mit jeder geringsten Bewegung ihr eigenes Brustgewebe zerreisen. Ihr Unterleib und ihr Oberkörper waren von brennenden Schmerzen ganz und gar bis ins Knochenmark erfasst. Ihr wurde kalt. Flammen breiteten sich um sie aus und die Schreie und der Krach von wilden Gestalten und Gliedern waren verstummt. Dunkle Schwaden von Feuerrauch und Gerüche von Blut umgaben sie nun, vermischten und verdrängten den schwüligen Weihrauch.

Schon weit entrückt konnte sie das Klirren des großen Messers aus ihrem Körper auf dem Steinfußboden blechernd grell, einem Gongschlag gleich, übernatürlich laut hören. Spürte einen erlösenden heisswarmen Blutschwelg sich über ihren frierenden Körper ergiessen. Und wie hastig starke, aber schlanke Finger nach ihrer Brust griffen, entlang der Schnittwunde mehrmals drückten, klammerten und pressten, um die starke Blutung zu stillen. Sie erkannte im feurigen Widerschein eine ihr bekannte Gestalt, die entblößten wogenden Brüste mit der geheimnisvollen Bemalung und die grün funkelnden Augen. Diese stand völlig blut- und russverschmiert da in all ihren schnellen Bewegungen, als würde die Feuerbrunst sie nicht erfassen und ohne erkennbare eigene Verletzung. Nein, als würde sie selbst von einer glühenden Feuerhaut umgeben.

Dann saugte die Kriegerin mehrmals ihre große Wunde entlang, spie es wiederholt aus und träufelte im gleichen Zuge etwas hinein, die ganze Breite entlang, sodass es wahnsinig wie eine Säure brannte. Nawatus Schläfen hämmerten. Nawatu sah wie sich die mächtige Schwertspitze gelbocker glühend, genauso wie der Blick ihrer Augen, dampfend auf ihre Wunde legte. Ihre Nervenbahnen spannten sich wie Drahtseile und zerrten wie ein Spinnennetz in ihrem Fleisch. Nawatu verlor dennoch nicht das Bewußtsein, denn ihr entbehrungsreiches geknechtetes Leben und die Natur der Wildnis hatten ihr gelehrt mit starkem Schmerz umzugehen, auch wenn dieser Schmerz der grausamste in ihrem Leben war und wirklich überall beissend brannte. Der Dampf ihres eigenen Fleisches umgab ihre Sinne und der Feuerrauch in der großen hausgleichen Hütte. Nun legte die Kriegerin eine grünbläuliche, triefende und eiskalte Kräutermasse darauf und darüber ein großes netzartiges Wundkissen, drückte fest aber sanft mit ihren kraftvollen Händen. Ein gleissender minzartiger Stoss schoss durch Nawatus Blutbahnen. Nawatu begann zu röcheln und zu husten.

"Verdammt ! Atme nicht! Bei Mitra! " rief sie energisch zugleich zutiefst besorgt Nawatu zu. Strich dennoch zart mit ihrer Hand über Nawatus Mund und seufzte luftholend: "Kein Blut! Mitra sei dank !" Meinte damit, dass kein Blut aus Nawatus Nase, Ohren und Mund drang und keine offensichtliche Gefahr bestand, dass ihre inneren Organe Schaden genommen hatten. Die Kriegerin legte kurz ihre Finger gestreckt auf Nawatus Stirn, die ihre Augen in einem total von Schmerz erfüllten Ausdruck ihres Gesichts schrecklich weit und weiss starrend geöffnet hatte. Und Nawatu sah obwohl der ernsten, hochkonzentrierten Kämpfermiene der Kriegerin, glänzende Tränen die Wange hinunterlaufen und entdeckte an ihrer Stirn, was ihr zuvor auf der abendlichen Lichtung entgangen war, eine bläuliche Tätowierung in der ungefähren Form eines Blattes.

Sie befreite Nawatu nun eilig von den Fesseln, zog flink und flüssig die Stricke unter ihren Rücken und zurrte diese nicht zu fest um Nawatus Brustkorb mit einem Schlingenknoten. Die Kriegerin hob mit sehniger Anspannung Nawatus Oberkörper mit angelegten Armen in der Waagerechten, schritt so eiligst durch die Flammen hinaus ohne auch nur Luft zu holen. Nawatus Kopf und ihre blutverschmierten Beine hingen dabei baumelnd nach unten. Auch aus ihrem Unterleib sickerte Blut, dass an ihren schlaffen Schenkeln bis zu ihren Zehenspitzen entlanglaufend auf den Boden tropfte.

Derweil sprach sie zu Nawatu: "Ich mußte sie auf frischer Tat erwischen, deine Schändung hätte als Beweis niemals gereicht, aber der rituale Schnitt mit dem Messer war die nahende Vollendung ihrer Grausamkeiten. Dein schlagendes Herz konnten sie nicht mehr fressen. Sie brennen nun und morgen sind sie Staub und Asche. Aber - Mitra sei Dank - Du lebst !" Lachte dabei laut und triumphierend auf und hob den rechten Arm dabei nachdem sie Nawatu auf einem Ruheplatz gelegt hatte. Dann hochaufgerichtet streckte sie beide Arme weit geöffnet zum funkelnden Sternenhimmel Venoyhas auf, liess ihren Kopf mit ihren schwarzen Haaren in den Nacken fallen und das Mondlicht strahlte leuchtend auf ihre emporgestreckte bebende Brust mit der mystischen Bemalung, die das Licht in feinsten Strahlen zu reflektieren schien. "Mitra!" rief sie aus. "Deine Freundschaft für ihre Seele. Dein Herz für ihre Fruchtbarkeit. Deine Gnade für Ihr Leben. Mein Leben als deine Vollstreckerin bis in den Tod."

Nawatu stöhnte von Krämpfen durchzogen auf, rang nach der klaren Luft, spürte die gespenstische Totenstille um sich herum, die nur vom entfernten Geräusch der Flammen und knirschenden Holz duchdrungen war, und rief voller Entsetzen, aber äußerst geschwächt heraus: "Habt ihr denn alle, das ganze Dorf getötet?" Während die Kriegerin Nawatu behutsam auf eine mit einer dicken Decke ausgelegte Bambusliege legte, erwiderte die Kriegerin um Fassung ringend: "Die schänden, verstümmeln dich, wollten dir dein Herz bei lebendigen Leibe rausreissen und du wagst mir quer aufgeschlitzt solche Fragen zu stellen? Du müßtest dich sehen. Bist du denn nicht Tod zu kriegen ? Hat dich etwa die Hölle geschickt ?"

Nawatu schüttelte heftig und ungläubig voller Entsetzen den Kopf und ihre Augen wurden dabei immer größer.

"Halt!" Belite beugte sich zu ihr hin und legte behutsam ihre Hand auf Nawatus Schulter. "Du bist es wirklich wert ! Jede gemeine Bluttrophäe.“ Dann schrie sie unbeherrscht und ringsherum schallend laut auf: “Ja, eigentlich hätte ich das wirklich tun sollen – das ganze vergiftete Dorf ! " Nahm einen geschwungenen Wurfdolch und schleuderte ihn krachend in den zentralen und heiligen Hauptpfosten des Dorfplatzes, fuhr sodann ruhig zu Nawatu hingebeugt aber voller Grimmigkeit fort: "Nein, nur die Wachen, den Kultfanatiker des Set, die primitiven Schamanen und ihre Diener, den Häuptling, den vermummten Peiniger habe ich noch mit einem Wurfmesser erwischt und wer sich mir sonst entgegenstellte." Dann lauter: "Ich hätte ihn kastrieren sollen. Die anderen liefen vor den Flammen und voller Angst davon - zurück in ihre schäbigen Löcher. Dies wird ihnen eine wahre Lehre sein." Sie richtete sich erneut auf, drehte sich in alle Richtungen schauend um und hob wutergreifend ihre rechte Hand mit ihrem Schwert in die Höhe und rammte mit der linken einen Speer fest in den Boden: "Ich warne euch, lasst euch nicht sehen oder ihr seid tod. Ich lösche euch sonst alle aus. Erst wenn ich weg bin, könnt ihr den üblen Dunst eurer Sippe weiter verbreiten. Sollte ich wiederkommen, bleibt von eurem Dorf nur ein Grab.“

Dann auf einmal völlig besonnen und weich wie eine Feder direkt zum Ohr von Nawatu leise flüsternd zugewandt: „Ich bin Belite, Hohe Dienerin Mitras, und ich heile dich. Du gehörst jetzt zu mir. Halte ein ! Du machst mir wirklich Sorgen, wenn du dich aufregst. Huste nicht, hörst du, die große Brustwunde darf nicht erneut aufbrechen. Hast du verstanden ?" Die Kriegerin lächelte auf einmal so warmherzig, schaute erleichtert auf das Wundkissennetz mit der Kräutermasse, strich Nawatu zart über die pochende Schläfe und durch ihr grünlich glänzend gefärbtes Haar und bedeckte den von okkulten Bemalungen und von vielen blutverschmierten Schlitzwunden übersähten nackten Oberkörper Nawatus mit einem leichten samtweichen und luftigen Seidentuch. So ein edles und weich anschmiegsames Tuch hatte Nawatus Haut noch nie gefühlt. „Was ist mit meinem Gesicht ?“ platzte es erschrocken aus Nawatu heraus ?

„Ruhig, dein Gesicht ist so schön wie die aufgehende Sonne, so erfrischend süß wie eine Mangofrucht und so anschmiegsam wie das eines Streifenhörnchens.“ In Nawatu erströmte völlig erleichtert ein unendliches Glücksgefühl, sie freute sich so sehr trotz der vorangegangenen Folter und Qualen. Seit Jahren - wohl noch nie - hatte niemand soetwas Liebes zu ihr gesagt.

„Das Wurfmesser steckt noch immer in diesem sadistischen Hund“, grummelte Belite bissig vor sich hin. "Ich hol es mir morgen zurück, wenn er verkohlt ist. Boah, dieser fürchterliche Gestank. Diese sadistischen Schweine !" Sie fuchtelte mit ihrem Arm in einer dicken Rauchschwade herum, dann öffnete sie Nawatus rechte Hand und legte etwas Schlankes hinein und ganz flink und fest schloss sich Nawatus Hand. Es war alles, was ihr gehörte, ihr einziger wahrer Schatz. Es war ihr kleiner Elfenbeinstab. „Den werde ich dir nicht vorenthalten meine kleine Priesterin, auch wenn er einer anderen fürchterlichen Gottheit, dem stygischen Set, dienen sollte, wir werden uns nicht knechten lassen und Mitra zu ihm bringen,“ sagte die Kriegerin höhnisch und mit dämonisch anmutenden Unterton.

Doch Nawatu vernahm dies nicht mehr. Nawatus Sinne kreisten und dämmerten unaufhaltsam dahin in fremde ferne Welten, alles ging so rasend schnell und über ihr lag der klare Sternenhimmel Venoyhas. Das war alles, was Nawatu noch mitbekam bevor sie vollkommen ohnmächtig das Bewußtsein verlor und in wahnsinnigen Träumen versank.

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